Äthiopien: Warum die Hilfe nach der Katastrophe weiterhin eminent wichtig ist

von Dr. Wolfgang Toepel/SRI, 05.04.2012

Aus der Öffentlichkeit ist die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika weitgehend verschwunden. Die Situation in vielen Flüchtlingscamps Äthiopiens oder auch Kenias bleibt indes weiterhin kritisch. Dr. Wolfgang Toepel, Facharzt für Innere Medizin aus Idar-Oberstein, opferte seinen Skiurlaub, um im Camp Melkadida Menschen konkret zu helfen. Sein beeindruckender Bericht unterstreicht die Notwendigkeit, mittelfristiger ärztlicher Unterstützung in einer für die Flüchtlinge schwierigen Situation.

An der Grenze Äthiopiens zu Somalia befinden sich seit etwa zwei Jahren mehrere Flüchtlingslager mit insgesamt 140.000 Bewohnern. Eines davon ist das Camp Melkadida mit 40.000 Menschen, wo humedica und eine äthiopische Organisation die medizinische Versorgung übernommen haben.

Die äußeren Bedingungen für Flüchtlinge und Helfer sind eine permanente Herausforderung: Staub und Hitze machen allen zu schaffen. Foto: humedica/Sven Ramones

Zunächst kamen aus dem benachbarten Somalia überwiegend Bürgerkriegsflüchtlinge, seit vergangenem Jahr zusätzlich Dürreflüchtlinge, sodass sich die Anzahl der Menschen innerhalb kürzester Zeit nahezu verdoppelte. In Somalia herrscht nach wie vor die schlimmste Dürreperiode seit 50 Jahre, die unvorstellbar vielen Menschen ihre Existenzgrundlage nahm.

Die Anfrage von humedica kam eigentlich etwas ungelegen: „Suchen dringend …“. Schließlich war der Skiurlaub im Berner Oberland fest geplant und gebucht. Aber im Ärzteturnus des Flüchtlingslagers Melkadida in Äthiopien war ein Arzt ausgefallen und es wurde dringend jemand gesucht, um die drohende Versorgungslücke zu schließen.

Nun, ich hatte ja ohnehin Urlaub geplant, zwar nur eine Woche und eher zur Erholung, aber dann entschloss ich mich, alles anders zu organisieren. Zwei Telefonate und die Sache war in trockenen Tüchern. Staunen bei den Kindern und Kummer bei der Ehefrau waren die ersten Reaktionen meiner Umgebung.

Die Anreise war problemlos, binnen 33 Stunden zwei Stunden Schlaf inklusive, war ich am Ziel: dem humedica-Compound nahe dem Flüchtlingslager. Provisorisch erstellt aus zahlreichen Zelten für Unterkünfte, Medikamente und Material, einem Sonnenschutz aus Holz und Plastikfolie, unter dem wir unsere Mahlzeiten einnehmen würden und eine Dusch-/Toiletteneinheit aus Wellblech sollten mein vorübergehendes Zuhause werden. Kein Kühlschrank und kein Internet, dafür aber immer Sonnenschein; die Temperaturen morgens angenehm, mittags bis 40 Grad.

Willkommen in der kleinen Gesundheitsstation von humedica: Einem mittelgroßen Gebäude aus Wellblech und Holz, unterteilt in verschiedene Räume. Foto: humedica/Sven Ramones

Vom humedica-Compound geht es täglich ins Flüchtlingslager zum sogenannten Health-Post, den humedica durch einheimische Kräfte aus Zement, Holz und Wellblech hat erstellen lassen und der zunächst unter anderem zwei Behandlungsräume und eine Apotheke enthält. Ein weiterer Ausbau soll später erfolgen. Dort werden von unserem Team, bestehend aus zweu Ärzten, einer Krankenschwester sowie mehreren einheimischen Angestellten und Flüchtlingen, die in der Apotheke und als Dolmetscher arbeiten, täglich etwa 120 Patienten versorgt.

Hauptkrankheiten sind Fieber, Durchfall, Kopf- und Gliederschmerzen, Flüssigkeitsmangel, Hautkrankheiten, zahlreiche Abszesse besonders an Händen und Füßen, kleinere Verletzungen; dramatisch ein von einem Stein durchbohrtes Auge und eine Hirnhautentzündung. Die Patientin wird bewusstlos mit dem Eselskarren gebracht und ist nach wenigen Tagen Behandlung wieder auf den Beinen. Daneben eine Windpockenepidemie. Manche der Hände sind nach kleineren Verletzungen vereitert und dick angeschwollen, kaum mehr beweglich und extrem schmerzhaft.

Und dann das fünfjährige Mädchen, das in einem blutgetränkten Tuch zu uns gebracht wird, wimmernd und ängstlich die Beine zusammenpressend. Als wir es schließlich vorsichtig untersuchen können, bestätigt sich unsere schlimmste Befürchtung: eine weibliche rituelle Beschneidung - auf der ganzen Welt verboten, hier aber heimlich durchgeführt und gang und gäbe. Wir versorgen die Wunde, sprechen mit den Angehörigen und bestellen das Kind extra für den nächsten Tag wieder ein. Wir werden es nicht mehr wiedersehen.

Die Behandlungsvoraussetzungen, die humedica buchstäblich aus dem Nichts geschaffen hat, sind sehr gut, denn alle erforderlichen Medikamente und genügend Personal stehen zur Verfügung. Die Zusammenarbeit mit dem Verbandsraum und der Apotheke klappt reibungslos.

Dr. Wolfgang Toepel opferte seinen Skiurlaub, um im Camp Melkadida zu helfen. Foto: humedica/Sven Ramones

Die Behandlungsbedingungen aber, obwohl mir ja von Darfur (Sudan) her bekannt, sind erneut eine echte Herausforderung: Staub, wohin man sieht und greift, Patienten, die fast unablässig ihre Beschwerden schildern und auf den Dolmetscher einreden (aber dabei von mir kaum Notiz nehmen) und die auch bei der Untersuchung ständig dorthin zeigen, wo die eigentlichen Beschwerden sind, nämlich nicht da, wo der Doktor gerade untersucht.

Lärm und ständiges Hereinschauen der wartenden Patienten, Baulärm von nebenan, der heftig arabische Akzent des Dolmetschers und die Hitze. Manchmal hilft nur noch eine Ladung Wasser übers T-Shirt. Auch die Patienten schweißnass, seit Tagen mangels Seife nicht gewaschen, die Kinderohren verklebt, verkrustet, teilweise läuft der Eiter heraus. Manche der Kinder haben laut Dolmetscher noch nie einen Weißen gesehen, entsprechend verhalten bis lautstark negativ die Akzeptanz. Manche Patienten wirken wie apathisch, kommen wort- und grußlos herein und gehen ebenso wieder hinaus. Ist es die Trostlosigkeit des Flüchtlingsdaseins?

Nach getaner Arbeit gehts zurück in den humedica-Compound, Hoffen auf die Abendkühle. Die Temperatur der Mineralwasserflaschen beträgt gut 35 Grad; viel trinken, auch tagsüber, ist obligat.

Nachts kommt gelegentlich Besuch. Der Skorpion ist ja noch ganz nett, aber die Kamelspinne mit ihren 15 cm Länge und einem Körper fast so groß wie mein Schweizer Taschenmesser finden wir gar nicht witzig. Ihr Biss kann an der entsprechenden Extremität zu einer 5 Tage dauernden Lähmung führen.

Schön sind die Zusammenkünfte mit den Mitarbeitern anderer Hilfsorganisationen aus aller Herren Länder und einigen Einheimischen. Die Äthiopierin Fikirte - ihr Name bedeutet „Liebe“ - ist wirklich nett und bemüht sich hingebungsvoll, uns ihre Sprache näher zu bringen.

Mein Fazit: Für mich war dieser Einsatz ein unvergessliches Erlebnis. Medizinisch mag es auf den ersten Blick vielleicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Für einige Patienten bedeutete er aber lebenswichtige Hilfe. Das genügt.

Unterstützen Sie unsere Hilfsmaßnahmen am Horn von Afrika bitte auch weiterhin mit Ihrer Spende. Vielen Dank.

      humedica e. V.
      Stichwort „Hungerhilfe Afrika
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Auch mit einer kleinen sms können Sie Großes bewirken: Senden Sie eine Textmitteilung mit Stichwort DOC an die 8 11 90. Von den abgebuchten 5 Euro fließen 4,83 Euro direkt in die humedica-Projektarbeit.

Warten auf dringend benötigte medizinische Hilfe: Bis zu 120 Patienten behandeln die humedica-Helfer täglich. Foto: humedica/Sven Ramones

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