„Ihr werdet Erfahrungen machen, die ihr nie vergesst!“

von Dr. Johannes Höß/SHU, 27.10.2012

Mehrmals im Jahr entsendet humedica medizinische Kräfte in Gefängniseinsätze, die gemeinsam mit der Partnerorganisation Prison Fellowship International (PFI) vorbereitet und durchgeführt werden. Wie wichtig gerade in solchen Einsätzen ein funktionierendes Team ist, das sich versteht, Freude an der gemeinsamen Arbeit hat und einander Halt gibt, durfte der Ulmer Allgemeinmediziner Dr. Johannes Höß zuletzt in Äthiopien erleben:

„Ich war nun schon ein paar Mal mit humedica und PFI im Einsatz und habe mich nach dem ersten großen Nervenflattern, da für mich alles neu und unbekannt war, gut in die Arbeit und die besonderen Bedingungen eines Gefängniseinsatzes eingefunden.

Was mich aber jedes Mal wieder kalt erwischt, ist, wie schräg, lustig und toll so ein Team sein kann. Nach meinen Einsätzen in den vergangenen drei Jahren mit jeweils derselben genialen Mannschaft dachte ich: „Besser kann es eigentlich nicht werden!“

Aber dann kam im September 2012 der Gefängniseinsatz in Äthiopien und damit traten neue Menschen völlig unterschiedlicher Prägung in mein Leben. Zum einen waren da zwei junge Kolleginnen, die eine ruhig, ein Fels in der Brandung und trotzdem unentwegt am Kichern. Die andere sang und tanzte 24 Stunden am Tag, bis…tja, bis der Arzt kommt, könnte man wohl sagen.

Außerdem gab es eine österreichische Zahnärztin, die man auf den ersten Blick wegen ihres guten Aussehens eher beim Promenieren auf der Kärntnerstraße (Anm.: berühmte Einkaufsstraße in Wien) vermutet hätte. Stattdessen war sie als Zahnärztin völlig in ihrem Element und versorgte ihre Patienten selbst unter widerlichsten Umständen.

Für allgemeine Erheiterung im Team sorgte eine internistische Oberärztin, die Ruhe ausstrahlte, aber neben ihrem Fachwissen auch immer wieder einen furchtbar trockenen Spruch auf den Lippen hatte. Unterstützt wurde sie dabei von unserem Teamleiter und Tausendsassa, unserer Allzweckwaffe aus östlichen Gefilden, der trotz rudimentärer Sprachkenntnisse in jedem Gefängnis und bei jedem Gottesdienst eine rührende, lustige Ansprache unter Gesamtkörpereinsatz hielt.

Mit einer belgischen Krankenschwester hatten wir ein Teammitglied, das gleichzeitig zwei so unterschiedliche Eigenschaften wie Standhaftigkeit und Rührseligkeit in sich vereinte. Einerseits hatte sie die Medikamentenausgabe und Organisation der Apotheke mit dem Auftreten einer Brandschutzmauer voll im Griff, andererseits berührte sie die Gemüter der Gefangenen mit ihrem Gesang derart, dass wir Tränenseen aufwischen mussten.

Zu guter Letzt wurde unser Team von meinem Zimmernachbarn komplettiert, der mich zu Anfang unseres Gesprächs mit seinem akademischen Titel verschreckte. Nachdem wir uns jedoch fünf Minuten unterhalten hatten, offenbarte er seine scherzhafte Grundhaltung und großen Sinn für Humor.

Unterschiedliche Verhaltenstypen bringen unterschiedliche Eigenschaften mit ins Team. So kann jeder vom anderen lernen und mit dem Herzen dabei sein - so wie Michal Becker. Foto: humedica/Dr. Johannes Höß

Im Rahmen unserer allabendlichen Besprechungsrunde zur Rekapitulierung der Erlebnisse des Tages haben wir einen Zwei-Mann-Stuhlkreis ins Leben gerufen. In diesem sinnierten wir jeden Abend über tiefschürfende Fragen, wie z.B. „Welche Farbe hatte Dein Tag heute?“. Vor allem zur Stärkung unseres Zusammengehörigkeitsgefühls als Team waren diese Gesprächsrunden von unschätzbarem Wert.

Trotz meiner humoristischen Ausdrucksweise und obigen Ausführungen möchte ich keinesfalls den Eindruck erwecken, dass die Einsätze nicht psychisch und physisch hart sein können. Vielmehr möchte ich mit meinen Worten jene Menschen erreichen, die wie ich selbst jahrelang zögern, einen Einsatz zu absolvieren - aus Angst vor dem eigenen Mut. Stattdessen werden jedes Mal neue „Gründe“ vorgeschoben, die einem Einsatz vermeintlich im Wege stehen.

All jenen Menschen möchte ich sagen: Geht einfach los, jetzt sofort, in den nächsten Einsatz! Ihr werdet Erfahrungen machen, die ihr nie vergesst. Denkt immer daran: Ihr seid nie allein, ihr habt ein Team dabei, das mit Euch lacht (und wenn nötig auch weint), für Euch da ist, mit Euch betet. Kurzum: Ihr gewinnt eine neue Familie und manchen Freund fürs Leben hinzu. Und wer jetzt noch zögert, ruft mich bitte an. humedica hat meine Nummer.

Euer Johannes Höß“

Seit Anfang 2011 gibt es den humedica-Reisefonds, um ehrenamtliche Einsatzkräfte finanziell zu entlasten, da sie die Kosten für langfristig geplante Einsätze selbst tragen. Bitte leisten auch Sie mit einer Online-Spende einen Beitrag zu diesem Hilfszweig und ermöglichen dem medizinischen Einsatzpersonal, die Not vieler Menschen, auch hinter Gittern, zu lindern. Vielen Dank!

      humedica e.V.
      Stichwort „Reisefonds“
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

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