Was wären die großen Freuden ohne die kleinen?

Koordinator Thomas Adelsberger berichtet aus dem Flüchtlingscamp im äthiopischen Melkadida

von Thomas Adelsberger/ DWA, 11.10.2012

„Mit einer unheilbaren Krankheit oder Behinderung leben zu müssen, ist in keinem Land der Welt einfach - nicht in Deutschland und schon gar nicht in einem äthiopischen Flüchtlingscamp: Hier betreibt humedica seit 2011 eine Gesundheitsstation im Camp Melkadida, nicht weit entfernt von der somalischen Grenze.

Die Mitarbeiter dort behandeln etwa 700 Patienten pro Woche und begegnen somit täglich Menschen mit den unterschiedlichsten Krankheiten und Behinderungen. Es fällt unheimlich schwer, zwar zu wissen, welche Hilfsmittel und Medikamente diesen Menschen unter anderen Vorraussetzungen zur Verfügung stehen würden, hier aber nicht verfügbar sind, da die Möglichkeiten in einem Flüchtlingscamp sehr eingeschränkt sind, und somit die Menschen wieder ziehen lassen zu müssen.

Dieser Umstand ist auch für die Allgemeinmedizinerin Rahel Rötlisberger nicht einfach hinzunehmen. Die Schweizerin ist seit April 2012 für humedica in Melkadida tätig und freut sich umso mehr über jeden einzelnen Menschen, dem wir hier in unserer bescheidenen Gesundheitsstation in Melkadida helfen können.

Eine der relativ häufigen, „komplexeren“ Krankheiten ist Epilepsie. Meist völlig unbehandelt treffen die Menschen, die an dieser Krankheit leiden, in einem der fünf Flüchtlingscamps im Süden Äthiopiens ein. Die meisten von ihnen kommen aufgrund von Unfällen in unsere Ambulanz, die sie sich während eines Anfalls zugezogen haben - nicht aber wegen der Krankheit selbst.

Warum dies so ist, ist genauso einfach wie tragisch: Das Leiden dieser Menschen wird in ihren Familien oft nicht als Krankheit identifiziert, sondern in einen religiösen Zusammenhang gestellt. Oder der Erkrankte wird gar als geisteskrank eingestuft. Im Behandlungsraum von Frau Rötlisberger erfahren die Betroffenen oft zum ersten Mal, dass Epilepsie eine Krankheit ist und dass man - bei angemessener Medikation - die Anfallshäufigkeit stark bis völlig reduzieren kann.

So erzählte mir die Ärztin Dr. Rötlisberger von der berührenden Geschichte Diyads, einem 10-jährigen Jungen, der eines Tages verstört mit seinen betagten Eltern in ihr Behandlungszimmer kam: „Seine Augen wanderten während des Gesprächs im Raum immer nur ruckartig hin und her.“ Seine Eltern berichteten ihr von schlimmer Aggression und merkwürdigen Verhaltensweisen des Jungen.

Rahel Rötlisberger nahm sich viel Zeit für den kleinen Patienten, was bei mehreren 100 Patienten in einer Woche leider nur selten möglich ist. Sie hakte nach und erfuhr viel über Diyads Familie: Der Junge lebte bei seinen Verwandten in Somalia und war erst seit kurzer Zeit im äthiopischen Melkadida, weil seine somalischen Verwandten mit ihm überfordert gewesen waren.

Die Ärztin erfuhr von der Geschichte des Jungen, der bereits seit seiner frühen Kindheit unter den Zuckungen in den Gliedmaßen leidet. Geschichten von seinen bisherigen Unfällen, seinen Geschwistern, die ihm immer bei allem voraus waren und von seiner Fußball-Leidenschaft gaben der Ärztin einen besseren Einblick in das Leben ihres jungen Patienten. Leider konnte er seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Fußballspielen, aufgrund häufiger Anfälle in letzter Zeit nicht mehr nachgehen.

Dr. Rötlisberger war sich sicher, dass der Junge an Epilepsie litt. Sie verschrieb ihm ein Anti-Epileptikum und vereinbarte in der darauffolgenden Woche einen Kontrolltermin. Nach nur einer Woche mit angemessener Medikation, kam ein - in Rahels Augen - völlig veränderter Diyad in ihr Behandlungszimmer - keine Spur von den Verhaltensauffälligkeiten des ersten Besuches. Sein sicherer Gang, sein konzentrierter Blick und seine offensichtlich klare Wahrnehmung der Umgebung und der Situation, begeisterten die Ärztin.

Die Eltern von Diyad berichteten ihr voller Freude von den Veränderungen in der vergangenen Woche. So hatte sich der Junge beispielsweise erstmals selbst Tee in eine Tasse gegossen oder sich selbstständig gewaschen. Ein Gewinn an Lebensqualität für die ganze Familie! Sogar mit Fußballspielen habe er wieder angefangen und erstmals mit seinen Geschwistern Ball gespielt.

Die Schweizerin wollte die Freude, die in das Leben dieses Jungen zurückgekehrt ist, auch ganz persönlich unterstützen und schenkte ihm bei dem folgenden Kontrolltermin einen Fußball. Man muss nicht selbst dabei gewesen sein, um erahnen zu können, wie groß Diyads Freude darüber war!

Vom Fußballspielen ist er nun nicht mehr wegzubringen. In seinen Teamkameraden hat er bereits viele neue Freunde gefunden und so verwandelt sich Diyad zusehends in einen fröhlichen Jungen, den seine Krankheit nicht mehr von seinem Glück abhalten kann. Er ist nun ein Junge, der durch die regelmäßige Einnahme von Medikamenten, endlich auch herumtoben und Freude am Leben haben kann!

Geschichten wie die von Diyad zeigen Rahel Rötlisberger und dem ganzen humedica-Team, wie gut, wie wichtig und wie schön es ist, hier Hilfe zu leisten.“

Jeder kann selbst seinen Wunsch, Menschen zu helfen, wahr machen - auch Sie! Die Unterstützung unter anderem des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland und Ihre Spende an humedica für die Arbeit in Äthiopien hilft vielen Menschen in Ostafrika in ihrem schweren Kampf gegen Hunger und Leid. Und Kindern wie Diyad, wieder Freude im Leben erfahren zu dürfen. Herzlichen Dank!

      humedica e. V.
      Stichwort „Hungerhilfe Afrika
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Auch mit einer kleinen sms für Menschen in Not Großes erreichen: Stichwort DOC an die 8 11 90 senden und von den abgebuchten 5 Euro gehen 4,83 Euro in die humedica-Projektarbeit.

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