Zehn Minuten sind vorüber, wenn der Brei große Blasen wirft

von Simone Winneg, 31.03.2011

Nach Rezept kochen ist in Deutschland nicht schwer - im afrikanischen Niger dagegen bringt es Herausforderungen mit sich. Was sind 500 Gramm? Woher sollen die Frauen wissen, wann zehn Minuten vorüber sind? humedica-Koordinatorin Simone Winneg schreibt in ihrem Bericht, wie sie gemeinsam mit lokalen Mitarbeitern diese Herausforderungen meistern.

Wie viel Schöpfkellen den jeweiligen Angaben entsprechen, zeigt Djamila den Müttern. Foto: humedica/Simone Winneg

„Heute ist wieder Verteilungstag in Kollo. Jedes Mal ist es wieder etwas Besonderes, selbst nach neun Monaten intensivster Arbeit im Ernährungsprogramm. Jede zweite Woche kommen mehr als 130 Frauen aus dem Umkreis von Kollo mit ihren schwer und mäßig unterernährten Kindern in die humedica-Klinik, um die wichtigen Zusatznahrungsmittel abzuholen und um die Entwicklung des Kindes kontrollieren zu lassen.

Doch heute ist keine Verteilung wie jede andere: es gab Neuerungen in der Ration, die humedica in Zusammenarbeit mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen an mäßig unterernährte Kinder verteilt. Neue Produkte, die einfacher zu handhaben sind, leichter zu lagern und nach den neuesten Erkenntnissen auch wirkungsvoller gegen die Mangel- und Unterernährung.

Allerdings birgt jede Neuerung auch Risiken in sich. Das bisherig bekannte Wissen, wie der Maisbrei zubereitet wird, ist hinfällig. Jetzt heißt die neue offizielle Zubereitungsangabe: 50 Gramm Maismehl pro Mahlzeit mit 250 Milliliter Wasser anrühren und zehn Minuten kochen. Für uns hört sich das ganz einfach an - da scheint jedes Marmorkuchenrezept schwieriger. Aber hier stellt es uns vor ganz neue Herausforderungen.

Die Mütter können weder lesen noch schreiben, sie besitzen keine Haushaltswaage, keine Messbecher und meist auch keine Uhr, um die Zeit abzuwarten. Was tun? Neue, praktischere Konzepte müssen her. So probieren wir unterschiedliche Messeinheiten im Selbstversuch: mit unserer Laborwaage wiegen wir die 50 Gramm ab und messen anschließend nach, wie viele kleine, hier üblicherweise benutzte Schöpfkellen es ergibt.

Der Maisbrei schmeckt den Kleinen nicht nur, sondern versorgt sie mit lebenswichtigen Nährstoffen. Foto: humedica/Simone Winneg

Ebenso verfahren wir mit der Flüssigkeit: Wie viel sind 250 Milliliter Wasser in einem Becher, in Messlöffeln oder in den traditionellen Schüsseln? Schließlich finden wir eine gute Beschreibung: eine große Kelle voller Brei mit der vierfachen Menge Wasser verrühren. Hört sich theoretisch ganz einfach an.

Die Premiere für unser Abmessen folgt bei der Verteilung: 40 Frauen schauen gespannt Djamila, unserer Ernährungsbeauftragten, dabei zu, wie sie den Brei mischt. Dabei achtet sie besonders darauf, dass wirklich alle Frauen verstehen, worauf sie achten müssen.

Insbesondere grundlegende Hygieneregeln trainieren wir auch jedes Mal wieder: vor der Zubereitung gründlich die Hände waschen, das Geschirr ordentlich sauber machen und erst dann anfangen.

Gemeinsam mit den Frauen mischen wir den Brei an, stellen ihn - wie bei den Müttern Zuhause - auf eine offene Feuerstelle und warten. Wir haben unsere Uhr und können sehen, wann die zehnminütige Kochzeit vorüber ist. Für die Mütter hingegen gibt es den einzigen Anhaltspunkt, dass der Topf so lange auf der Feuerstelle bleiben muss, bis der Brei große Blasen schlägt. Dann ist die Mahlzeit für ihre Kinder fertig.

Die Kleinen schauen uns neugierig an. Der Brei riecht gut und sie haben Hunger. Die Wartezeit ist lange und der Weg in die Klinik teilweise sehr weit. Umso mehr freuen sie sich nun über die Kostprobe, die wir ihnen geben können - frisch zubereiteter Maisbrei mit Öl, Zucker, Milchpulver und jeder Menge Vitaminen und Mineralien.

Unterernährung ist leider immer aktuell

Die Hungersnot, die im Sommer 2010 mehr als die Hälfte der Bevölkerung vor existentielle Schwierigkeiten stellte und fast ein Fünftel der Kinder in die Unterernährung trieb, wurde durch die schnelle und bedeutende Hilfe abgefangen.

Bei jeder Verteilung der Zusatznahrung wird die Entwicklung der Kinder kontrolliert. Foto: humedica/Simone Winneg

humedica konnte dank der großzügigen Unterstützung des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland und in Zusammenarbeit mit dem Welternährungsprogramm im Distrikt Kollo einen großen Teil dazu beitragen, dass viele Kinder überleben konnten.

Doch Hunger und Armut sind in Niger ein Leid, das nicht von heute auf morgen oder übermorgen geheilt werden kann. Unterernährung wird immer ein großes Thema in dem Sahel-Staat bleiben. Die steten Zahlen der Teilnehmer an unserem Ernährungsprogramm sind die traurigen Zeugen eines chronischen Missstandes, der immer wieder katastrophale Höhepunkte erreicht.

Liebe Freude, liebe Förderer: für die Hilfe, die humedica in Kollo besonders Kindern unter fünf Jahren dank Ihnen geben kann, möchte ich mich im Namen aller hier bedanken. Durch Ihre unablässige Unterstützung konnten wir in den vergangenen Monaten nicht nur mehr als 2.500 Kindern aus der Unterernährung heraus helfen, sondern ihnen und ihren Familien dadurch Hoffnung und Zuversicht schenken.

Bitte helfen Sie auch weiterhin, die Aktivitäten in Kollo und Umgebung fortzuführen!

Mit herzlichen Grüßen aus Kollo,
Ihre Simone Winneg"

Unterstützen können Sie unsere Arbeit in Niger mit einer Online-Spende oder mit einer Überweisung auf folgendes Konto:
      humedica e.V.
      Stichwort "Klinik Niger"
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

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Im Namen der Kinder in Niger und ihren Familien sagt humedica "Danke!". Foto: humedica/Lukas Witzig

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