"Wenn ich mich umsehe, kann ich es immer noch kaum glauben"

von Simone Winneg, 10.01.2011

„Es ist ein seltsames Gefühl. Ein Jahr geht zu Ende, an dessen Anfang nichts so war wie es jetzt ist. Das gilt wohl für jeden und alles auf der Welt, aber hier in Kollo fällt es mir jetzt wieder ganz besonders auf.

Bei Verteilungen und Hygieneschulungen wird Müttern nähergebracht, wie sie ihre Kinder und sich selbst mit ausreichend Nährstoffen versorgen können. Foto: humedica/Simone Winneg

Anlässlich des Weihnachtsessens mit unserem Personal wurde mir klar, was sich alles verändert hat und ich denke zurück an Dezember 2009, als ich das letzte mal Niger verlassen habe, um Heimaturlaub zu nehmen.

Damals gab es in Kollo eine kleine Ambulanz, eine Klinik ohne stationäre Aufnahme, die mit 13 Angestellten sehr klein war. Zwar effizient, aber dennoch mit stark limitierten Möglichkeiten. Und jetzt? Wenn ich mich heute umsehe, dann traue ich meinen Augen noch immer nicht.

Die Bettenstation gibt 15 Patienten die Möglichkeit, stationär behandelt zu werden. Mit gut qualifizierten Fachkräften, hervorragenden Materialien und hygienischen Standards, die hier alles andere als Routine sind.

Schwangere Frauen können seit Juli in unserer Klinik nicht nur zur Vor- und Nachsorge kommen, sondern auch unter guten Bedingungen ihr Kind zur Welt bringen. Dafür sorgen vier Hebammen, die Tag und Nacht für die Klinik da sind und bis zum heutigen Tag mehr als 50 Geburten durchführen konnten. Als der Bettentrakt noch nicht vorhanden war, durften Frauen nicht bei uns gebären und wir mussten sie ins benachbarte Krankenhaus schicken.

Doch in der Klinik hat sich noch mehr verändert. Das chronische Platzproblem und die schwierigen Lagerbedingungen für unsere Hilfsgüter wurden durch die Fertigstellung der Lagerhalle auf dem Klinikgelände fast vollkommen gelöst und all unsere Medikamente, Verbrauchsmaterialien, Zusatzstoffe und sonstige Dinge sind nun unter besten Bedingungen und in angemessenen Temperaturen untergebracht.

Nachhaltig helfen durch Wissensweitergabe an einheimische Mitarbeiter - Simone Winneg mit einem Lagerarbeiter. Foto: humedica/Corinna Blume

Neu ist auch, dass wir einen Verantwortlichen dafür gefunden haben, der sich hauptamtlich um die Lagerbetreuung kümmert - mit einem Umsatz von mehr als 40 Tonnen Zusatznahrung von dem Welternährungsprogramm der UN, mit 14 Tonnen des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland und weiteren 38 Tonnen medizinischen Materialien war dies auch mehr als nötig.

Und damit nicht genug. Um der Hungersnot, die sich seit April 2010 manifestierte, Herr zu werden, konnte in Zusammenarbeit mit dem Welternährungsprogramm (WFP), UNICEF und dank der Unterstützung des Auswärtigen Amtes ein großes Unterernährtenprojekt in Angriff genommen werden, das nicht nur in der Klinik, sondern auch in acht Gesundheitsstationen der Regierung realisiert wurde.

Dank der dringend nötigen Zusatznahrung konnten mehr als 2.000 Kinder vor den Folgen schwerer oder moderater Unterernährung bewahrt werden.

Eigentlich ist tatsächlich nichts mehr so wie noch vor einem Jahr. Die Klinikfamilie ist um viele Mitglieder reicher geworden. Mit insgesamt 27 Angestellten haben wir unsere Belegschaft verdoppelt. Zusätzlich zu unserem Stammpersonal konnten wir im Jahr 2010 auch viele medizinische Kräfte und Spezialisten aus Deutschland begrüßen.

13 freiwillige Ärzte, Krankenschwestern und Helfer durften wir seit Mai 2010 in der Klinik für die medizinische Versorgung der unterernährten willkommen heißen und ich möchte mich hiermit auch noch einmal herzlich bei ihnen bedanken - für ihren beispiellosen Einsatz für die Bevölkerung und vor allem für die Kinder aus Kollo und den Hoffnungsschimmer, den sie für die Klinik und die Kranken gewesen sind.

Wie eine große Familie - so sieht Koordinatorin Simone Winneg die Mitarbeiter in der humedica-Klinik in Kollo. Foto: humedica/Corinna Blume

All die Programme, Projekte und Ziele, die wir uns für 2010 gesteckt haben, wurden um ein Vielfaches übertroffen. Wo anfangs „nur“ der Bettentrakt stand, wurde nicht nur dies hervorragend umgesetzt, sondern auch noch eine Vielzahl anderer aus der Not entstandenen Probleme gelöst und Zielsetzungen für die Zukunft vorgenommen.

Ich durfte bei all diesen Aktivitäten die Rolle der Koordinatorin übernehmen und bin nach fast einem Jahr ununterbrochen vor Ort in der seltsamen Position, das Projekt nun zu verlassen - nach so vielen Monaten mit unendlich vielen Geschichten, soviel Glück aber leider auch viel Leid.

An ein gestorbenes Kind habe ich mich auch nach insgesamt zweieinhalb Jahren hier in Niger noch immer nicht gewöhnt und werde es wohl auch nie. Doch neben der Not und der Armut in diesem Land gibt es so viele Lichtblicke, die das Leben erfüllen: Wunderbare Menschen, die mich aufgenommen haben, wie ihre Tochter.

Mütter mit Kindern, die dankbar sind, dass wir ihrem Kind helfen konnten. Ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass wir hier etwas Bedeutendes erschaffen konnten, das so vielen Menschen bereits geholfen hat und weiterhin Hilfe bringen wird.

Stolz erfüllt mich, wenn ich auf das sehe, was humedica in Kollo vollbringen konnte - dank Ihnen, liebe Freunde und Förderer, dank der großzügigen Unterstützung durch das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland und der Firma ALPENSOLAR.

Und nicht zuletzt dank des hoch motivierten Personals hier in Kollo, das sich stets für die Bevölkerung eingesetzt hat und keine Mühen scheute, unser Projekt voranzutreiben.

Insgesamt zweieinhalb Jahre war Simone Winneg mit humedica in Kollo tätig. Vielen Dank für Deinen unermüdlichen Einsatz! Foto: humedica/Karin Wilke

Ich wünsche Ihnen und der Klinik in Kollo einen guten Start ins neue Jahr - mit neuen Herausforderungen und neuen Zielen und der Hoffnung, dass Sie auch in Zukunft unsere Arbeit in Niger unterstützen.

Herzliche Grüße aus Kollo

Ihre
Simone Winneg"

Ihre Unterstützung ist auch 2011 von Nöten und macht es möglich, der Bevölkerung Nigers konkrete Hilfe zu Gute kommen zu lassen. Senden Sie eine sms mit dem Stichwort DOC an die 8 11 90 und tragen mit 5 Euro zu dieser Hilfe bei, spenden Sie über unser Onlineformular für die humedica-Klinik oder nutzen Sie den traditionellen Weg der Überweisung auf untenstehendes Konto.

      humedica e.V.
      Stichwort "Klinik Niger"
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

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