„Eine Welt, die man mit unserer nicht vergleichen kann“

von Sven Ramones, 02.12.2011

Im westafrikanischen Niger betreibt humedica seit 2009 gemeinsam mit der Partnerorganisation Hosanna Institute du Sahel ein eigenes Krankenhaus.Tanja Osterried unterstützte während der schweren Hungersnot im Jahr 2010 als Logistik-Koordinatorin in der Klinik die Hungerhilfe von humedica.

Seit 2010 im Einsatz für die Menschen im Niger: Tanja Osterried. Foto: humedica/Sven Ramones

Seit Oktober 2010 ist die 44-jährige Industriekauffrau nun im Niger tätig und arbeitet für den langjährigen humedica-Partner Hosanna Institute du Sahel (HIS). In verschiedenen Not- und Katastrophenhilfsprojekten, wie Hunger- und Fluthilfe im Niger konnten wir bereits auf HIS als verlässlichen Partner zählen.

Bei einem Besuch in der humedica-Hauptzentrale in Kaufbeuren, nahm sich Tanja die Zeit für ein kurzes Gespräch mit uns. Sie gab uns einen Einblick in die aktuelle Situation im Niger, sowie in die Arbeit, ihre Eindrücke und ihre Erfahrungen in dem Land.

Tanja, eines der Projekte von humedica im Niger ist der Betrieb der Klinik im Distrikt Kollo. Was trägt das Krankenhaus zur Versorgung der Bevölkerung bei?

Kollo ist eine Provinzstadt, etwa 35 Kilometer südöstlich von Niamey. Es gibt zwar ein Distriktkrankenhaus, die Versorgung ist aber leider dort nicht so gut. Die Klinik von humedica und HIS ist spezialisiert auf Kinder und Mütter. Gerade für die ländliche Bevölkerung in der Region leistet die Klinik medizinische Versorgung auf einem hohen Niveau.

In Kollo selbst steht sie den 15.000 Einwohnern zur Verfügung. Die Menschen kommen aber aus dem gesamten Umland, aus bis zu 100 Kilometern entfernten Orten, so dass ein Gebiet von insgesamt etwa 450.000 Menschen abgedeckt wird.

Wertvolle medizinische Hilfe für die Menschen in der Region um Kollo, dank der humedica-Ärzte und Pflegekräfte. Foto: humedica/Anna Zwick

Mittlerweile wird das Krankenhaus auch schon als Modellklinik gesehen, weil es auf sehr hohem hygienischen Niveau arbeitet und ein sehr gut eingerichtetes Labor hat, das wichtige Untersuchungen durchführt und so erheblich zur Diagnosestellung beiträgt. Die Menschen, die sich eine Behandlung nicht leisten können, bekommen Medikamente umsonst. Für alle anderen werden die Kosten möglichst gering gehalten.

Außerdem gibt es eine Entbindungsstation und Workshops zur Gesundheitsaufklärung. Die Mütter bekommen, während sie auf die Behandlung warten, zum Beispiel Hygieneschulungen oder andere wichtige Unterweisungen.

Wie ist die aktuelle Situation im Niger?

Nahrungstechnisch ist die Situation sehr schlecht, weil die Regenzeit dieses Jahr sehr kurz ausgefallen ist. Niger liegt in der Sahelzone. Normal ist eine Regenzeit von drei Monaten, von Juni bis August. Dieses Jahr gab es nur einen Monat lang Niederschläge, was sich besonders auf den landwirtschaftlichen Sektor ausgewirkt hat.

Viele der Feldfrüchte, wie beispielsweise Mais, sind nicht bis zur Reife gekommen. Es gab also einen riesigen Ernteausfall, zum Teil gar keine Ernte. Man kann sagen, dass jetzt schon Hungersnot herrscht. Die Menschen flüchten teilweise aus den ländlichen Gebieten in die Städte, um Nahrung zu finden.

Das nigrische Gesundheitsministerium hatte ein Koordinationstreffen abgehalten mit verschiedenen Organisationen - unter anderem auch mit humedica - um zu besprechen, was, wie, von wem getan werden kann. Die ersten Alarmglocken haben also schon geläutet und die Vereinten Nationen bereits Geld zugesagt, um der Hungersnot zu begegnen.

Welche Herausforderungen stellen sich im Niger allgemein und für Dich persönlich?

Niger liegt, wie gesagt, in der Sahelzone. Dreiviertel des Landes sind Wüste, was sicherlich eine der größten Herausforderungen ist. Die Ausdehnung der Wüste schreitet nicht zuletzt aufgrund der Abholzung weiter fort, da nach wie vor viel Holz zum Kochen benötigt wird. Aufgrund langer Trockenzeiten hatten die Menschen im Niger schon immer mit Hunger zu kämpfen.

Hunger und Unterernährung sind ein chronisches Problem im Niger. Die Projekte von humedica sollen langfristig helfen, Linderung zu bringen. Foto: humedica

In den letzten Jahren ist das leider noch schlimmer geworden, auch aufgrund des extremen Klimas. Es ist sehr heiß das Jahr über. Wenn es dann regnet, hat man auch mal mit Überschwemmungen zu kämpfen. Die Bodenerosion kommt auch noch dazu, es kommt leider sehr viel zusammen.

Niger ist dazu eines der entwicklungsschwächsten Länder, mit einem sehr geringen Bildungsniveau und 80 Prozent Analphabetentum. Ungefähr 80 Prozent der Strukturen des Landes fußen auf humanitärer Hilfe, also Hilfe von außen. Das ist natürlich schon extrem. Entwicklungspolitisch ist da doch sehr viel notwendig.

Für mich persönlich kommt alles das dazu, was im alltäglichen Leben auf einen einstürmt. Ein Teil davon ist sicherlich auch die Armut. Die Menschen leben von weniger als 1 Euro am Tag. Das bekommt man sogar in der Hauptstadt mit. Auf dem Land, wie in Kollo, ist es noch schlimmer. Dort findet man vor allem die unterernährten Frauen und Kinder.

Kannst Du Dich an ein Erlebnis erinnern, das Dich besonders bewegt hat?

Ich erschrecke immer wieder, wenn ich sehr abgemagerte und unterernährte Kinder sehe. Ich selbst bin nicht sehr groß und wiege nicht sehr viel. Wenn ich sehe, dass eine schwangere Frau aus dem Unterernährtenprogramm größer ist als ich, aber fast zehn Kilo weniger wiegt, muss ich schon schlucken.

Man überlegt dann, wie soll diese Frau die Schwangerschaft überstehen? Viele Kinder werden ja auch schon unterernährt geboren. Unterernährte Kinder, Frauen oder ganze Familien zu sehen, geht mir sehr nahe. Man denkt, wie lange kann das noch gut gehen?

Welche Erfahrungen bringst Du für Dich mit nach Deutschland?

Familien, die von einer Armut betroffen sind, die man sich hier nicht vorstellen kann. Ihnen gilt die Hilfe von humedica im Niger. Foto: humedica/Zarah Falkenberg

Es ist beeindruckend zu sehen, wie fröhlich und hilfsbereit die Menschen sind, obwohl sie selbst oft nur wenig oder gar nichts haben. Ihre Dankbarkeit und Gastfreundschaft zu erfahren, hat mich auch bewegt.

Es ist eine ganz andere Welt, die man nicht mit unserer vergleichen kann. Wenn ich das Ausmaß der Armut sehe, die man sich hier gar nicht vorstellen kann, wird mir bewusst, welches hohe Gut wir haben und auf welch hohem Niveau wir leben können. Die Lebensumstände der Menschen dort und der Überfluss hier, sind zwei vollkommen unterschiedliche Welten.

Liebe Tanja, vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Dir weiterhin alles erdenklich Gute und Gottes Segen auf Deinem Weg.

Um unsere Arbeit und die Hilfe für die Menschen im Niger fortsetzen zu können, brauchen wir Ihre Unterstützung, liebe Freunde und Förderer. Unterstützen Sie das Klinik-Projekt mit einer gezielten Spende über unser Online-Formular oder durch eine Überweisung auf folgendes Konto:

      humedica e. V.
      Stichwort "Klinik Niger"
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

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