Katastrophe in Japan: Andrew erzählt seine Geschichte

von Ruth Bücker, 13.03.2011

Das humedica-Ersteinsatzteam war schnell im japanischen Katastrophengebiet und hoch motiviert. Dennoch sind die Helfer aufgrund der massiven Gefahr durch ausgetretene Radioaktivität nicht dazu gekommen, den betroffenen Menschen zur Seite zu stehen. Mittlerweile befindet sich das Team auf dem Rückflug. Getroffen haben sie Menschen, die diese unfassbaren Katastrophen auf unterschiedliche Weisen miterlebten. Wie Andrew, der um seinen kleine Familie bangt.

"Er stellt sich mir mit seinem englischen Namen vor: Andrew Kuroda. Andrew ist Japaner und war am vergangenen Freitag von der Mongolei aufgebrochen um nach Hause zu fliegen - nach Sendai. Zu seiner hochschwangeren Frau, seinem einjährigen Sohn und seiner Mutter. Jetzt sitzt er am Flughafen in Narita fest, genau wie unser humedica-Team.

Andrew Kuroda (links) war auf dem Weg zu seiner Familie in Sendai, als er am Freitag vom Erdbeben gestoppt wurde. Er traf das humedica-Team (im Bild Prof. Dr. Bernd Domres) am Flughafen Narita in Tokio. Foto: humedica/Ruth Bücker

Es sollte für den in der Mongolei arbeitenden Ingenieur lediglich ein Zwischenstopp sein. Kurz nachdem Andrew in Narita, etwa 60 Kilometer entfernt von Tokio gelegen, gelandet war, ereignete sich allerdings das schwere Erdbeben, welches einen verheerenden Tsunami mit sich brachte und nach momentanen Schätzungen bis zu 1600 Menschenleben forderte.

Andrew erzählt, wie die Menschen schreiend aus dem Flughafengebäude liefen oder wie versteinert stehen blieben. Er rannte ins Freie. Erst später erfuhr Andrew von dem verheerenden Tsunami, der weiter nördlich die Ostküste Japans erfasste. Und ebenfalls erst später erfuhr er von den Problemen des Atomkraftwerks Fukushima 1.

Der Tsunami, die Schwierigkeiten mit dem Kühlsystem der Reaktoren und der vermeintlich austretenden, radioaktiven Strahlung sind auch die Gründe dafür, dass wir noch hier am Flughafen festsitzen. Der nächste nördlich gelegene Flughafen in Sendai ist durch die Flutwelle zerstört worden. Die Straßen dorthin sind gesperrt.

Es ist uns unmöglich, in die von der Katastrophe am schlimmsten betroffenen Gebiete zu gelangen. Hinzu kommt die Gefahr der immer noch nicht vollends geklärten Vorfälle in dem Atomkraftwerk und weiterhin immer wieder auftretende Erdbeben.

Was zurückbleibt ist Enttäuschung darüber, nach Japan gereist zu sein, um zu helfen, was aber momentan für uns unmöglich ist. Zumindest unter dem Gesichtspunkt der eigenen Sicherheit: bei aller Traurigkeit der Teammitglieder über die nicht geleistete Hilfe, sind die Befürchtungen aufgrund der ungewissen Informationen über die ausgetretene Strahlung doch groß.

So groß, dass gemeinsam mit der Geschäftsleitung schließlich beschlossen wurde, diesen Hilfseinsatz vorübergehend abzubrechen und einen Schritt zurückzugehen, um die Situation weiter beobachten zu können.

Während wir nun nach knapp zwei Tagen aufgrund einer möglichen, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt bedrohlich wirkenden Atomsituation, den Rückflug nach Deutschland antreten werden, versucht und hofft Andrew weiterhin, nach Sendai zu kommen.

Seine Familie lebte 15 Kilometer von dem Atomkraftwerk in Fukushima, das massiv beschädigt wurde und nun zu der weltweit riesigen Verunsicherung führt. Mit seiner Frau konnte Andrew seit Samstagnachmittag nicht mehr sprechen, da der Akku ihres Mobiltelefons leer telefoniert ist und es in der gesamten Region keine Elektrizität mehr gibt, geschweige denn eine funktionierende Infrastruktur.

Während wir uns in ein Flugzeug nach Deutschland setzen können, gibt es für Andrew weder über den Land-, noch über den Luftweg die Möglichkeit, sein Ziel zu erreichen. Das Traurige dabei ist: Andrew ist nur einer von hunderten Personen, die hier am Flughafen gestrandet sind und die keine Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen im Katastrophengebiet haben.

Nur einer von zahlreichen Menschen, die durch den Tsunami ein schweres Schicksal erlitten und nun mit Trauer, Ungewissheit und Verlust leben müssen. Wir werden diesen Menschen nicht den Rücken kehren, lediglich zunächst aus Sicherheitsgründen das Gefahrengebiet verlassen müssen."

Anmerkung der humedica-Geschäftsleitung: Es ist uns ein großes Bedürfnis, den Menschen in Japan zu helfen und wir werden auch in den kommenden Tagen und Wochen jede Möglichkeit einer Hilfe genau prüfen. Allerdings hat die Sicherheit und insbesondere in diesem Falle die Gesundheit unserer Teams absolute Priorität, sodass es keine Alternative zum Abbruch des Einsatzes gab. Sollte sich an der aktuellen Situation in Japan etwas ändern und diese Änderungen durch gesicherte Informationen von Seiten der Behörden gestützt werden, wird sich humedica mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten für die Betroffenen im Katastrophengebiet einsetzen. Vielen Dank an alle Freunde, Förderer und Interessenten für ihr Vertrauen und jede Form der Unterstützung.

Ruth Bücker, SAT1-Reporter Thorsten Arnold, Rashid al Badi und Dr. Irmgard Harms am Flughafen Narita zu Tokio. Foto: humedica

Unser Engagement in Japan erfolgt in Zusammenarbeit mit der Stiftung des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin (Tübingen) und wird unterstützt von Operation Blessing (USA) sowie hoffnungszeichen e. V.. Vielen Dank für die gute Kooperation.

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