Melkadida - Ich habe keine hundert Birr

von Sven Ramones, 01.09.2011

Seit vergangener Woche ist das dritte medizinische Team von humedica in dem äthiopischen Flüchtlingslager Melkadida tätig. In einem so genannten Health Center des Camps leisten die Ärzte medizinische Versorgung für die Menschen, die vor den Folgen der Dürre nach Äthiopien geflüchtet sind.

Geschwächt wartet diese Mutter in Melkadida darauf, dass die humedica-Ärzte ihr Kind untersuchen, wiegen und entsprechend behandeln. Foto: humedica/Sven Ramones

Das Team, bestehend aus den Ärzten Dr. Anja Fröhlich, Dr. Mechthild Wortmann und Dr. Heinrich Laube sowie dem Koordinator Stefan Herla, unterstützt damit tatkräftig die Hilfsbemühungen von humedica für die Opfer der Krise am Horn von Afrika. Medienkoordinator des Teams, Sven Ramones, berichtet uns aus Äthiopien.

„Melkadida heißt eines der vier großen Flüchtlingslager nahe der äthiopischen Stadt Dollo Ado an der somalischen Grenze. Melkadida bedeutet wörtlich übersetzt: „Ich habe keine hundert.“ Gemeint ist, hier leben diejenigen, die keine hundert Birr mehr haben, das entspricht etwa vier Euro. Gemeint ist, wer hier lebt, ist bitterarm.

Die Menschen, die nach Melkadida kamen, sind aus ihrer somalischen Heimat geflüchtet. Sie sind geflohen vor Krieg und Schießereien und in jüngster Zeit vor einer der strengsten Dürren seit Jahrzehnten. Hunger, Leid und Gewalt, allesamt Folgen der ausgebliebenen Regenzeiten, haben diese Menschen aus ihrer Heimat vertrieben.

Einer der knapp 40.000 Bewohner von Melkadida ist Abdirahman. Die ständigen Schießereien und der anhaltende Hunger trieben den 48-jährigen zusammen mit seinen beiden Kindern in die Flucht nach Äthiopien

In der somalischen Hauptstadt Mogadischu hatte Abdirahman einst seinen eigenen Marktstand. Als er bei einer Schießerei auf offener Straße bei der Arbeit ins Kreuzfeuer geriet, wurde sein Arm von einer Kugel so schwer verletzt, dass er amputiert werden musste.

Die vergangenen drei Jahre und die aktuell besonders akute Hungersnot brachten die Familie an ihre Grenzen: Vater Abdirahman mit seinen Kindern Barka und Abdullgadir in ihrer Notunterkunft. Foto: humedica/Sven Ramones

Abdirahmans Frau kam nur eine Woche vor diesem tragischen Unfall ums Leben, als der Bus, in dem sie nach Hause fahren wollte, von Milizen beschossen wurde. Auf ihrem Schoß lag der gemeinsame Sohn, den eine Gewehrkugel in den Kopf traf.

Wie durch ein Wunder überlebte der Junge die schwere Verletzung, kann seither aber nicht mehr richtig sprechen und ist auf dem rechten Ohr taub. Möglicherweise steckt noch immer ein Splitter der Kugel in seinem Gehirn, ohne entsprechende Untersuchungen ist dies aber bisher lediglich eine Vermutung.

Hinzu kam die verheerende Dürre in diesem Jahr, die vor allem Gebiete in Somalia schwer getroffen hat. Ohne die Möglichkeit, sich in ihrem Heimatland noch versorgen zu können, stand die Familie vor dem Nichts.

Verwandte halfen Abdirahman und sammelten Geld, damit er mit seinen Kindern flüchten konnte. So machte sich der Vater mit seiner achtjährigen Tochter Barka und dem zehnjährigen Sohn Abdullgadir auf den beschwerlichen Weg ins Nachbarland, um der ständigen Bedrohung in seiner Heimat zu entkommen.

Das Schlimmste für ihn, so Abdirahman, sei es, dass er nicht mehr arbeiten und so auch nicht mehr für seine Kinder sorgen könne.

Heute lebt die Familie, wie so viele andere, in Melkadida in einem kleinen leeren Zelt. Die schweißtreibende Hitze, die sich im Inneren staut, wird schnell unerträglich. Der Staub der ausgetrockneten Wüstenlandschaft überall ringsum legt sich auf die Haut, brennt in den Augen und knirscht zwischen den Zähnen.

Dank der humedica-Ärzte wird der junge Abdullgadir ausführlichen neurologischen Untersuchungen in Addis Abeba unterzogen werden. Foto: humedica/Sven Ramones

Was die dreiköpfige Familie noch besitzt, passt in wenige kleine Taschen in der Ecke. Viel mehr als ein paar Kleider, Decken und altes Kochgeschirr haben sie nicht mehr. Auf die Frage, wie ihre Lebensumstände in dem Lager sind, antwortet Abdirahman: „Sieh dich um. Das hier ist unser Leben.“

Weder Tochter Barka noch Sohn Abdullgadir können die Schule des Flüchtlingslagers besuchen. Barka muss sich zu Hause um den Vater und ihren Bruder kümmern, den die Folgeschäden seiner Kopfverletzung daran hindern, im Unterricht wie die andern Kinder mitarbeiten zu können.

Vor wenigen Tagen besuchte Abdirahman mit seinem Sohn das Health Center von Melkadida, in dem humedica mit einem medizinischen Team tätig ist.

Die humedica-Ärzte konnten Abdullgadir in das Krankenhaus der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba überweisen, wo er eine gründliche neurologische Untersuchung bekommen kann und die Frage geklärt werden soll, ob noch Splitter des Geschosses in seinem Kopf stecken. Danach wird sich zeigen, ob weitere Behandlungen oder eine Operation möglich sind.

Abdullgadir erhält damit die Chance, eine Verbesserung seiner gesundheitlichen Situation zu erfahren und somit vielleicht sogar in die Schule gehen zu können. Die kleine Barka sagt, sie möchte Lehrerin werden, wenn sie groß ist.

Und auch Abdirahman wünscht sich nichts mehr, als dass seine Kinder glücklich werden können: „Meine Kinder sollen ein gutes Leben führen. Das aber liegt in Gottes Hand.“ “

Einer der knapp 40.000 Bewohner des Flüchtlingslagers Melkadida ist Abdirahman. Foto: humedica/Sven Ramones

Unsere Hilfe fängt beim Nächsten an, bei einzelnen Personen wie Abdirahman und seinen Kindern Abdullgadir und Barka. Dank Ihrer Hilfe, liebe Freunde und Förderer, können wir Nächstenliebe leben und, weit über diesen Nächsten hinausgehend, weiteren notleidenden Menschen helfen.

Stehen Sie uns und insbesondere den Menschen am Horn von Afrika mit einer Online-Spende oder mit einer Überweisung auf untenstehendes Konto bitte weiterhin bei. Vielen Dank!

      humedica e.V.
      Stichwort „Hungerhilfe Afrika
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Sicher, schnell und einfach ist auch die Möglichkeit der Unterstützung durch das Senden einer sms: Textmitteilung mit Stichwort DOC an die 8 11 90. Von den damit gespendeten 5,- Euro fließen 4,83 direkt in die humedica-Katastrophenhilfe.

Ihr Browser ist veraltet!

Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser, um diese Website korrekt darzustellen.

Den Browser jetzt aktualisieren×