„Mit jedem Einzelnen, dem man hilft, bringt man Hoffnung“

von facharzt.de, 20.09.2011

Für drei Wochen reiste Dr. Anja Fröhlich aus Hannover in den Süden Äthiopiens, um Menschen in den Flüchtlingslagern zu behandeln. Während ihres Einsatzes gab die Internistin dem vom Ärztlichen Nachrichtendienst (änd) betriebenen Ärzteportal Hippokranet ein Interview über ihren Einsatz.

In dem Interview „Internistin Fröhlich: ,Mich treibt das Bedürfnis an, Hoffnung zu geben´“ berichtet sie von ihrer Arbeit in Melkadida nahe Dolo Ado, ihren Befürchtungen und insbesondere von ihrer Hoffnung und der antreibenden Kraft für ihren inzwischen dritten humedica-Einsatz.

Frau Dr. Fröhlich, Sie sind jetzt seit knapp zwei Wochen in Dolo Ado vor Ort. Wie sieht Ihre Arbeit dort aus?

Internistin Anja Fröhlich aus Hannover während ihrer Sprechstunde in Äthiopien. Foto: humedica/Sven Ramones

Wir betreuen in Zusammenarbeit mit einer lokalen Regierungsorganisation das Health-Center in einem der vier Flüchtlingscamps in Dolo Ado in der Nähe der somalischen Grenze.

Im Moment gibt es hier vier Flüchtlingslager plus ein Transitlager, in denen insgesamt aktuell 120.000 Menschen untergebracht sind. In Melkadida, dem Lager, wo wir arbeiten, befinden sich im Moment knapp 40.000 Menschen. Die medizinische Versorgung ist noch im Aufbau, ist aber durch die Regierungsorganisation schon ganz gut organisiert.

Es gibt ein Health-Center, das zum Teil aus festen Wänden, zum Teil aus Zelten besteht. Erste Hilfe ist dort ganz gut zu leisten. Wir haben sogar die Möglichkeit, Laboruntersuchungen durchzuführen.

Beschreiben Sie doch mal Ihren Tagesablauf.

Aufstehen ist um sechs Uhr mit Sonnenaufgang. Nach dem Frühstück brechen wir auf ins 70 Kilometer entfernte Flüchtlingslager, das ist eine Fahrt von anderthalb Stunden über Schotterpisten.

Wir kommen ungefähr um halb neun dort an und beginnen unsere Sprechstunde. Später gibt es eine leider recht lange Mittagspause bis 15 Uhr, das können wir nicht beeinflussen. Bis 17 Uhr behandeln wir weiter.

Wir müssen abends dann sehr pünktlich wieder zurück, weil wir aus Sicherheitsgründen vor Einbruch der Dunkelheit wieder in unserer Unterkunft in Dolo Ado sein müssen.

Wie sieht Ihre Sprechstunde im Flüchtlingslager aus?

Die Menschen im Lager müssen sich registrieren lassen, wenn sie unsere Sprechstunde besuchen wollen. Sie bekommen dann eine Karte, die ihrer Flüchtlingsnummer zugeteilt ist. Sie kommen anschließend zu uns Ärzten in den Behandlungsraum und wir sehen uns die Leute an.

Dabei arbeiten wir zusammen mit gut ausgebildeten, einheimischen medizinischen Fachkräften, die auch Übersetzer sind. Wir geben den Menschen nach der Untersuchung das passende Rezept, was sie dann in der Apotheke gegen Medikamente eintauschen können.

In welchem Zustand sind die Menschen, die zu Ihnen kommen?

Das ist unterschiedlich. Wir sind hier im Moment drei Ärzte. Meine Kollegin, die Kinder unter fünf Jahren untersucht, hat viel Schlimmes gesehen.

"Es ist ganz einfach das Bedürfnis, Hoffnung zu geben". Foto: humedica/Sven Ramones

Die kleinen Kinder sind zum Teil sehr unterernährt, dementsprechend auch sehr schwer krank.

Bei den älteren Kindern treten auch noch relativ viele schwere Krankheiten auf, die sind aber meist nicht mehr so unterernährt. Und bei den Erwachsenen geht es inzwischen.

Bei ihnen ist es dann fast wie eine normale allgemeinmedizinische Sprechstunde. Bei ihnen behandeln wir viele Infektionskrankheiten.

Beschleicht Sie angesichts des Elends nicht manchmal auch ein Gefühl der Ohnmacht?

Man muss sich bewusst machen, dass man nicht die ganze Welt retten kann. Aber deswegen sind wir ja auch nicht hierher gekommen. Man kann immer nur ganz wenigen helfen - aber mit jedem einzelnen, dem man hilft, bringt man ein wenig Hoffnung in das Lager. Die Menschen haben dann das Gefühl, dass sie nicht ganz vergessen werden von der Welt.

Mit jedem einzelnen, dem man hilft, wächst das Vertrauen der Leute. Sie sehen, dass etwas passiert. Unsere Aufgabe liegt in erster Linie darin, Hoffnung zu bringen. Klar können wir auch mit Antibiotika und Infusionen akut Leben retten. Aber das eigentliche ist, dass man den Leuten zeigt: Ihr seid nicht vergessen.

Sie befinden sich im Grenzgebiet zu Somalia, das ist keine sichere Gegend. Haben Sie Angst?

Klar, wäre ja komisch, wenn ich keine Angst hätte. Man kann die Gefahren nicht einfach negieren. Hier im Grenzgebiet kämpft das äthiopische Militär gegen die Al Schabab, die somalische Terrormiliz, die versucht, nach Äthiopien einzudringen.

Es war die ganze Zeit zwar ziemlich ruhig, aber nach dem Ende des Ramadans beobachten wir in der Nacht die Feuerblitze am Horizont, wir haben auch in den letzten zwei Nächten die Maschinengewehre gehört und es wird inzwischen offiziell zugegeben, dass die Kämpfe näher an die Grenze rücken.

Es ist nicht Ihr erster Einsatz in einem Krisengebiet, Sie waren auch schon für humedica im Sudan und in Bangladesch. Welchem Antrieb folgen Sie?

Es ist ganz einfach das Bedürfnis, Hoffnung zu geben, den Leuten zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind.

Wie begegnen Ihnen die Menschen, denen Sie helfen?

Sie sind superfreundlich und freuen sich. Sie lächeln, wenn man ihnen geholfen hat. Man kann zwar wegen der Sprachbarrieren nur mit Gesten miteinander reden, aber diese nonverbale Kommunikation genügt.

Welche Erfahrungen werden Sie aus Ihrem Einsatz in Äthiopien mitnehmen?

Ich habe in den vergangenen Wochen hier so viel gelernt, wie ich in fünf Jahren in Deutschland nicht gelernt habe.

Vielen Dank, liebe Anja, für Deinen Einsatz. Foto: humedica/Sven Ramones

Ich nehme die Erfahrung mit, dass man die Welt nicht verändern kann, dass man aber, wenn man einen Berg abtragen will, mit dem ersten Stein anfangen muss. Dieser Spruch kommt nicht von mir. Aber wir haben ihn bei uns in der Gruppe häufig gebraucht, um die Motivation hochzuhalten.

Wir waren zwar nicht lange hier vor Ort, aber ich glaube, dass wir die ersten Steinchen von einem großen Berg abgetragen und somit das Terrain geebnet haben für die nächsten Teams, damit die es ein bisschen einfacher haben, hier zu arbeiten.

Quelle: http://www.facharzt.de

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