„Die Menschen brauchen das Gefühl, dass sie nicht im Stich gelassen werden“

von Sven Ramones, 12.10.2011

Sechs Wochen lang war Koordinator Sven Ramones für humedica im Süden Äthiopiens im Einsatz, wo noch immer eine der verheerendsten Dürrekatastrophen der letzten Jahrzehnte das Leben vieler Menschen bedroht.

In seiner Zeit in Dollo Ado, unweit der somalischen Grenze, begleitete Sven die verschiedenen Hilfsprojekte von humedica in einem der Flüchtlingslager und in der von der Dürre betroffenen Dollo-Region. Nach seiner Rückkehr wirft er für uns einen Blick zurück und berichtet von seinen Eindrücken.

Koordinator Sven Ramones bei der Übergabe des Projekts an die neue Landeskoordinatorin Simone Winneg. Foto: humedica/Gabriel Labitzke

„Zweieinhalb Tage lang ist unser Team von humedica auf dem Landweg unterwegs, um von der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba in unser Einsatzgebiet, nach Dollo Ado zu gelangen.

Etwa hundert Kilometer vor unserem Ziel breitet sich am Horizont ein Meer aus weißen Flecken in der kargen Wüstenlandschaft aus. Es sind die Zelte von Bokolomanyo, dem ersten der vier großen Flüchtlingslager entlang der Straße nach Dollo Ado, in denen insgesamt ungefähr 120.000 Menschen leben.

Wir fahren weiter in das Lager Melkadida, wo unsere Ärzte ihren Einsatz in der Gesundheitsstation des Flüchtlingscamps beginnen werden.

Das Bild das sich uns nach unserer Ankunft im Lager bietet, scheint auf den ersten Blick unerwartet. Scharen von Kindern und Jugendlichen laufen lachend auf uns zu und begleiten uns neugierig in großen Menschentrauben auf unserem Weg durch das Camp.

An einigen Plätzen herrscht reges Treiben. Menschen, die ihre alltäglichen Tätigkeiten verrichten. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, man sei in einem der vielen Dörfer oder einer der kleinen Städte, durch die wir auf unserer Fahrt nach Dollo Ado gekommen sind.

Einrichten für ein Leben im Flüchtlingslager. Der "Marktplatz" von Melkadida. Foto: humedica/Stefan Herla

In gewisser Weise ist Melkadida tatsächlich wie eine Stadt. Und hier beginnt die Tragik. Eine Tragik, die der erste Eindruck verbirgt. Denn das Leiden der Menschen hier läuft im Verborgenen ab.

Tragisch ist, dass sich die Menschen unter den Bedingungen eines Flüchtlingslagers dauerhaft ein neues Leben einrichten müssen. Tragisch, weil die meisten von ihnen in absehbarer Zeit nicht in ihre Heimat werden zurückkehren können. Gewalt und Aussichtslosigkeit erwarten diejenigen, die zurückgehen.

Was man sehen kann, sind die kläglichen Lebensumstände der beinahe 40.000 Menschen im Lager. Eine trostlose Umgebung, Hitze und Staub in einer teilweise schon zerschlissenen Zeltsiedlung mit erschreckenden hygienische Zuständen, sowie die Gewissheit, dass die Familien die nächsten Jahre wohl hier verbringen werden müssen.

Was man auf den ersten Blick nicht sehen kann, sind die tausende Schicksale hinter den Menschen, die Dürre, Hunger und Kämpfe in ihrem Heimatland hierher getrieben haben. Was man auf den ersten Blick auch nicht sehen kann, ist das Leid der Kranken und Schwachen.

Sie werden in der Gesundheitsstation des Flüchtlingslagers versorgt. Dort findet man auch diejenigen, die am Schlimmsten betroffen sind. Wie so oft, sind es die Schwächsten. Es sind die Kinder.

Die rauen Lebensbedingungen im Flüchtlingscamp stellen die Menschen auf eine harte Probe. Foto: humedica/Sven Ramones

Insbesondere Kinder unter fünf Jahren leiden hier weiterhin am häufigsten unter Mangel- und Unterernährung. Viele sind entweder durch Krankheiten zu schwach zum Essen oder sind durch Hunger so stark geschwächt, dass sie krank werden. Die Sterblichkeitsrate in dieser Altersgruppe ist daher auch die höchste im Camp.

Unsere Ärzte nehmen ihre Arbeit auf. Sie arbeiten zusammen mit den zuständigen äthiopischen Behörden in der Gesundheitsstation von Melkadida, um den Kindern und allen Menschen, die im Lager medizinische Hilfe brauchen, beizustehen.

In Kürze wird dieses Engagement ausgeweitet. Für viele der Kranken und Schwachen sind die Entfernungen in dem weitläufigen Flüchtlingslager zu groß. Für die Anstrengung, von einem Ende des Lagers zum anderen zu gelangen, um in der Gesundheitsstation Hilfe bekommen zu können, haben sie schlichtweg keine Kraft mehr.

Daher wird humedica unter anderem eine weitere Krankenstation in Melkadida einrichten, die dazu beitragen wird, medizinische Hilfe näher zu den Bedürftigen zu bringen und sie somit einfacher zugänglich zu machen.

Hilfe nicht nur für Flüchtlinge

Es sind aber nicht nur die Flüchtlinge aus Somalia, die hier im Süden Äthiopiens auf Hilfe angewiesen sind. Allzu schnell in Vergessenheit gerät die einheimische Bevölkerung in der Dollo-Region, die unter denselben verheerenden Folgen der Dürre am Horn von Afrika leidet.

Hilfe für die Schwächsten. Insbesondere kleine Kinder sind dringend auf die Hilfe der humedica-Ärzte angewiesen. Foto: Rheinische Post/Helmut Michelis

Auch ihnen fehlt es an Wasser, an Nahrungsmitteln und an Futter, um ihr Vieh versorgen zu können. Besonders schlecht ist es auch bestellt um die medizinische Versorgung für die lokalen Gemeinden.

Als wir Gesundheitsstationen in der Umgebung von Dollo Ado besuchen, finden wir alarmierende Zustände vor. Es mangelt an so gut wie allem, was für eine ausreichende medizinische Versorgung notwendig wäre. Es fehlt an Medikamenten, Ausrüstung und Ärzten.

Einfache Behandlungen oder wichtige Impfungen für Kinder können daher oft nicht durchgeführt werden.

Auf einen Appell der zuständigen Regionalverwaltung hin, wird humedica in Kürze damit beginnen, zwei der großen Krankenstationen der Region mit Medikamenten und medizinischen Bedarfsgütern, wie Betten, medizinischen Instrumenten und Geräten, sowie Verbandsstoffen auszustatten.

Seit Ende September organisiert die erfahrene humedica-Koordinatorin Simone Winneg die Hilfsmaßnahmen in Äthiopien von Dollo Ado aus. In den kommenden Monaten wird sie die genannten und andere geplante Projekte von humedica für die Menschen in den Dürregebieten vorantreiben und betreuen. Dazu gehört beispielsweise auch ein Patenschaftsprogramm für einheimische Familien.

In Melkadida und unter der einheimischen Bevölkerung der äthiopischen Somali-Region soll damit nicht nur medizinische Hilfe die Bedürftigen erreichen.

Hoffnung für die Menschen in den Dürregebieten. Die humedica-Projekte helfen mit. Foto: humedica/Sven Ramones

Die Menschen, die Familien und Kinder dort brauchen mehr. Sie brauchen dringend das Gefühl, dass jemand für sie da ist, der sich um sie kümmert. Sie brauchen das Gefühl, dass sie nicht im Stich gelassen werden. Sie brauchen Hoffnung.“

Dank der großzügigen Unterstützung durch Kindernothilfe e. V. und Sternstunden e. V., der Benefizaktion des Bayerischen Rundfunks, sowie zahlreichen anderen privaten und institutionellen Spendern, kann diese Hilfe möglich gemacht werden.

Unser Dank geht aber auch an alle humedica-Einsatzkräfte die bisher in Äthiopien tätig waren und deren beharrliche und ausdauernde Arbeit unverzichtbar war für Durchführung der aktuellen Aufgaben in den Dürregebieten des Landes.

Liebe Freunde und Förderer. Bitte unterstützen Sie uns auch weiterhin dabei, den unverschuldet in Not geratenen Menschen in den Dürregebieten Äthiopiens und anderen Regionen am Horn von Afrika zur Seite zu stehen und ihnen Hoffnung zu geben. Vielen Dank!

      humedica e. V.
      Stichwort „Hungerhilfe Afrika“
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Gerne können Sie dies auch mit einer Spende über unser Online-Formular oder durch das Senden einer sms tun: Textmitteilung mit dem Stichwort DOC an die 8 11 90 und von den abgebuchten 5 Euro fließen 4,83 Euro unmittelbar in die humedica-Projektarbeit.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung! Foto: humedica/Sven Ramones

Ihr Browser ist veraltet!

Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser, um diese Website korrekt darzustellen.

Den Browser jetzt aktualisieren×