Eine Nummer unter Hunderttausend

von Judith Kühl, 21.07.2011

Seit gut einer Woche befindet sich Medienkoordinatorin Judith Kühl mit dem humedica-Hilfsteam in Äthiopien. Es ist ein trauriges Bild, das sich ihr bietet. Menschen, die Hunger und Dürre in die Flucht getrieben haben.

Viele von ihnen haben einen wochenlangen, erbarmungslosen Fußmarsch hinter sich, in der Hoffnung, in einem der Flüchtlingslager Hilfe zu finden. Eindringliche und erschütternde Eindrücke vom Schicksal dieser Menschen schildert uns Judith in ihrem neuesten Bericht.

"Zusammengekauert hockt sie mitten in einem Flüchtlingscamp in Dolo Addo. Fieberkrämpfe zucken durch ihren dehydrierten Körper. Nummer 880 670 hat Malaria. Mitten unter 20.000 anderen Flüchtlingen ist sie allein: keine Familie, die bei ihr ist, keine organisierte Hilfe von außen, kein Arzt vor Ort.

Wieder einmal trifft es die Schwächsten am härtesten. Das Leben unzähliger Kinder am Horn von Afrika ist durch die Hungersnot bedroht. Foto: humedica/Judith Kühl

Die etwa 30-jährige Frau ist eine von vielen, die schwerkrank und vergessen leiden - nur eine Nummer von etwa 80.000 registrierten Flüchtlingen. Über 40.000 Flüchtlinge warten vor den Camps und hoffen auf eine Nummer.

Die Zahl auf dem Armband verspricht Hilfe, doch sie fehlt. Es mangelt an Wasser, Nahrung und Medizin in allen der drei bereits gebauten Flüchtlingscamps um Dolo Addo.

Nummer 883 164 ist ein Vater von drei Kindern, keines davon älter als fünf Jahre. Krank liegen die Kleinen unter einer Zeltplane im sandigen Boden auf einer durchnässten Pappe. Pausenlos husten sie. Auch sie haben eine Nummer, sind registriert, doch dann sterbend allein gelassen.

Die elfjährige Sara hat keine Nummer. Sie reagiert nicht, als ihre Mutter um Hilfe für sie bittet. Starr blicken die Augen ins Leere, während ich direkt vor ihr stehe. Ein großes Mädchen, doch der Körper abgemagert und dürr.

Ihre knochigen Oberarme sind so schmal, dass ich sie mühelos mit Daumen und Ringfinger umschließen kann. Mit letzter Kraft steht sie an ihre Mutter gelehnt. Apathisch kaut sie an dem Tuch, das ihren Oberkörper verhüllt.

Frische Gräber abseits des Registrierungscamps spiegeln die Realität: Für einige kam jede Hilfe zu spät: Sie sind verhungert oder an nicht behandelten Krankheiten gestorben. Im Sand liegen Skelette von toten Tieren, Kinder stolpern darüber, wenn sie durch umher rennen. Auch das Vieh geht zugrunde.

Sie quält der Hunger. Seit sieben Tagen hat sie nichts gegessen. Die Mutter bittet um sofortige Hilfe. Wenn nicht jetzt, kommt Hilfe zu spät für Sara, fürchtet sie.

Eine Großfamilie mit zehn Kindern lebt seit 20 Tagen im Camp. Sie sind acht Tage bis hierhin gelaufen. Die vierjährige Hamda schaut ängstlich auf das Geschehne vor dem Zelt der Familie.

Krankheiten infolge der Unterernährung schwächen die betroffenen Menschen zusätzlich. Medizinische Hilfe ist daher dringend notwendig. Foto: humedica/Judith Kühl

Sie nimmt aus dem verstaubten Busch vor sich einen dünnen Ast mit Dornen. Sie kaut daran. Die Dornen tun ihr sichtlich weh im Mund. Sie legt den Ast weg und greift wieder danach. Der Hunger bleibt groß.

Viele Kinder leiden unter Fieber, Durchfall und Magen-Darmerkrankungen. Mütter zeigen mir ihre kranken Kinder und bitten um Hilfe. Die Kapazitäten vor Ort die Flüchtlingsströme aus Somalia zu versorgen, sind längst erschöpft. Neue Camps werden angelegt, Zelte aufgestellt, doch weiter reicht die Hilfe bis jetzt nicht. Fremde Unterstützung fehlt weitgehend.

Vor dem Camp verkaufen Menschen die letzen verfügbaren Waren: Tomaten, Seife, aufgeschichtete Äste zum Bau von Hütten, ein paar Tüten Reis. Die Menschen wollen Geld, irgendwelche Mittel sich von ihrem schrecklichen Schicksal loszukaufen.

Einige Kilometer von der Registrierung entfernt steht eine junge Mutter mit ihrer einjährigen Tochter an der Hauptstraße. Das Kind weint, während die Mutter Fremde auf dem Weg nach Dolo Addo anlächelt.

Sie fuchtelt mit einem Geldschein in der Hand herum, nicht mehr wert als zwei oder drei Euro. Das ist der Preis, den sie zahlt, damit sie ihr Kind weggeben kann. Sie hat aufgehört zu hoffen, ihr Kind und sich durchzubringen.

Jedes einzelne Schicksal hier erzählt von unvorstellbarem Leid. Es sind traurige Geschichten. Wenn ich sie aufschreibe, weiß ich nicht, ob die Kinder noch leben, von denen ich erzähle. Hier wird jede Hilfe gebraucht, damit neue Geschichten ein gutes Ende finden".

Während am 22.07.2011 das zweite humedica-Ärzteteam nach Äthiopien fliegen wird, werden wir in den nächsten Tagen eine erste Flugzeugladung mit Säuglings- und Kindernahrung in das Krisengebiet transportieren.

Unser Engagement geschieht in enger Kooperation mit Kindernothilfe e. V. und wird großzügig unterstützt von Sternstunden e. V., der Benefizaktion des Bayerischen Rundfunks, sowie BILD hilft e. V. "Ein Herz für Kinder" und Apotheker helfen e. V.

humedica bittet die Bevölkerung in Deutschland dringend um konkrete Hilfe für die Menschen am Horn von Afrika in Form einer Online-Spende oder durch eine Überweisung auf das Konto:

      humedica e. V.
      Stichwort "Hungerhilfe Afrika"
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Ebenso können Sie uns mit einer sms unterstützen: senden Sie das Stichwort DOC an die 8 11 90 und von den abgebuchten 5 Euro fließen 4,83 Euro unmittelbar in die humedica-Katastrophenhilfe. Vielen Dank!

Hinweis für Medienvertreter: Wir bieten interessierten Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit, unser medizinisches Hilfsteam in Äthiopien bei ihrer Arbeit zu begleiten. Zudem stehen die Einsatzkräfte bei Interesse für Telefon- und Live-Interviews zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich bei Interesse über folgende Kontaktdaten an humedica-Pressesprecher Steffen Richter.

Ihr Browser ist veraltet!

Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser, um diese Website korrekt darzustellen.

Den Browser jetzt aktualisieren×