humedica-Kommentar: Warum das starke Beben in Myanmar die Welt nicht interessiert

von Steffen Richter, 30.03.2011

Die nüchternen Zahlen wirken traurig, aber eben nicht spektakulär. Das jüngste starke Erdbeben in Myanmar, früher Burma, hatte eine Stärke von 6,8 auf der Richterskala; „nur“ eine Magnitude dieser Ausprägung oder „immerhin“? Die Wahl der Worte scheint schwer zu fallen in diesen Tagen. humedica wird auch in diesem Katastrophengebiet helfen, auch wenn die Weltöffentlichkeit derzeit andere Ereignisse und Themen im Fokus hat. Der Versuch einer Kommentierung trauriger Entwicklungen.

Es ist ein menschliches Phänomen, das geologische und soziokulturelle Grenzen sprengt und jeden mentalitätsbedingten Graben mühelos überwindet: Uns Menschen eint die Sehnsucht nach dem Ultimativen. Höher, schneller, weiter, wilder, blutiger, negativer, unvorstellbarer.

Massive Zerstörungen nach dem schweren Erdbeben in Myanmar. Foto: alertnet.org/REUTERS

Besonders spektakulär muss es sein, besonders verrückt, in besonderem Maße Risiko behaftet, einmalig und nie dagewesen, um uns noch hinter dem viel zitierten Ofen hervor zu holen. Unsere ethisch-moralischen Grenzen sind verschoben, weit verschoben. Wurde vor 30 Jahren ein Fauxpas im mit immerhin drei Vollprogrammen ausgestatteten Fernsehen tagelang in den Feuilletons gegeißelt, sind Skandale heute unabdingbare Voraussetzung des Erfolgs, nicht selten sogar lanciert, um Aufmerksamkeit und Quote zu fördern.

Hinzu kommt die durch das Internet forcierte Geschwindigkeit unseres ziemlich transparenten Lebens, in dem man auf der permanenten Suche nach neuen Kulminationspunkten ist.

Leider begegnet uns dieses Phänomen auch in unserem Alltag als international operierende Hilfsorganisation. Garantierte Aufmerksamkeit erhält eine Katastrophe nur dann, wenn gewisse Parameter erfüllt sind: Anzahl der Toten und Verletzten, Umfang der Zerstörung, extreme Fälle individueller Not oder das Zusammentreffen verschiedener Unglücke wie zuletzt in Japan mit schwerem Erdbeben, anschließendem Tsunami und Atomkatastrophe geschehen.

Manch einem umstrittenen afrikanischen Machthaber kam die auf Japan fokussierte Weltöffentlichkeit viele Tage lang zupass. Mehr als einmal geteilte internationale Aufmerksamkeit scheint aber ohnehin kaum realistisch.

Als dann vor wenigen Tagen das besagte Beben Myanmar ereilte und bis in die hunderte Kilometer entfernten Hauptstädte Bangkok und Hanoi zu spüren war, tendierte das öffentliche und mediale Interesse trotz unklarer Situation gegen Null: Zu wenig hoch, zu wenig schnell, zu wenig weit macht in der Summe zu wenig spektakulär und führt damit zum Urteil: untauglich als neuer Höhepunkt in den täglichen Nachrichten des Grauens.

Viele Menschen rund um das, Gott sei Dank, dünn besiedelte Epizentrum haben alles verloren. Foto: REUTERS_Soe Zeya Tun

Ich mache diese Beobachtungen übrigens seit vielen Jahren immer mal wieder auch bei mir selbst und erschrecke mich regelmäßig ob meiner Erwartungshaltung etwa bezüglich der Medienberichterstattung. Der Grund für diese Entwicklung in unserer internationalen Gesellschaft liegt eindeutig in den bereits angesprochenen Grenzverschiebungen. Mondlandung? Taugte bereits vor mehr als zehn Jahren mehr schlecht als recht als ein Aspekt unter vielen für einen immerhin guten Hollywood-Film.

Ende des Kalten Krieges? Längst Teil einer langweiligen Geschichte, die man ohnehin nie so richtig verstanden hat. Tsunami? In seiner Tragweite überholt von einem schrecklichen Erdbeben inmitten der ohnehin unfassbaren Armut Haitis und den Ereignissen zuletzt in Japan.

Zynisch könnte man interpretieren, dass die betroffenen Menschen im bergigen Epizentrum des Erdbebens in Myanmar schlicht Pech mit dem Zeitpunkt ihrer Katastrophe hatten oder dass einfach zu wenige Menschen betroffen sind, zu wenige Häuser zerstört wurden und kein Kamerateam Bilder aus dem schwierig zugänglichen Gebiet sendet.

Zynismus aber ist nicht Teil unserer Arbeit, unserer Motivation. Unsere Hilfe ist zwar oft gestützt, aber nicht abhängig von äußeren Faktoren wie öffentlichem Interesse oder medialer Aufmerksamkeit. Empathie und Nächstenliebe sind entscheidende Triebfedern des humedica-Engagements seit 1979. Und diese Motivatoren werden dafür sorgen, dass konkrete Hilfe auch in den Nordosten Myanmars gelangt.

Besonders ermutigend ist, dass es durchaus einige Menschen gibt, die sich Trends widersetzen und deren Augen, Ohren und Herz weit geöffnet sind. Wir möchten allen Freunden und Förderern danken, die uns mit ihrer Unterstützung in den vielen Jahren die Möglichkeit gegeben haben, konkrete Hilfe auch in vermeintlich kleine Katastrophen zu bringen und bei unserer Arbeit immer auch den Einzelnen in seiner Not zu sehen, diesem Menschen eine Zukunft zu schenken.

Japan ist stark getroffen und humedica entzieht sich nachweislich nicht der Verantwortung. Wir stehen an der Seite der Betroffenen und werden dort, ähnlich wie in Sri Lanka nach dem Tsunami oder in Haiti nach dem Beben 2010, noch viele Monate verweilen. In diesen Tagen aber beweinen viele Menschen in Myanmar ihr Leben, das ihnen gerade alles nahm, vielleicht sogar direkte Familienangehörige, in jedem Falle eine Basis für die Zukunft, alle Gründe zur Hoffnung. Es mögen weniger Betroffene sein, aber dennoch brauchen auch diese Menschen Hilfe - unsere Hilfe!

Wie nehmen Sie, liebe Freunde und Förderer, liebe Leser, die Entwicklungen in den vergangenen Jahren wahr? Wollen wir immer schneller werden, höher und weiter kommen? Wir freuen uns über Ihre Rückmeldungen und werden Sie auch über die Situation in Myanmar weiter auf dem Laufenden halten.

Wir möchten Sie auch an dieser Stelle um eine gezielte Spende zur Unterstützung unseres Engagements in Myanmar bitten:

      humedica e. V.
      Stichwort „Erdbeben Myanmar"
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Bitte unterstützen Sie uns auch mit einer Online-Spende.
Sicher, schnell und direkt ist die Möglichkeit der sms-Unterstützung: Textmitteilung mit Stichwort DOC an die 8 11 90. Von den damit gespendeten 5,- Euro fließen 4,83 direkt in die humedica-Katastrophenhilfe.

Und bitte besuchen Sie uns wieder. Vielen Dank!

Die Bilder nach großen Beben ähneln sich: Schock und Verzweiflung bei den Betroffenen angesichts der massiven Zerstörungen. Foto: REUTERS_Soe Zeya Tun

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