Wollen wir übersehen? Oder können wir nicht anders?

von Raphael Marcus/RBU, 14.11.2011

Der Friedensnobelpreisträger Norman Borlaug sagte einst etwas eigentlich ganz Offensichtliches: „Die Menschheit kann und muss in der Zukunft die Tragödie der Hungersnot verhindern anstatt lediglich zu versuchen, die menschlichen Trümmer solcher Not mit ehrlichem Bedauern zu retten, wie es schon so oft in der Vergangenheit gemacht wurde.“

Laut Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen sind am Horn von Afrika 13 Millionen Menschen auf Ernährungshilfe angewiesen. Foto: humedica/Raphael Marcus

Obwohl wir dieses Zitat alle als eine offensichtliche Tatsache anerkennen und ansehen, hat die Welt es abermals versäumt, die Warnungen der vergangenen Jahre ernst zu nehmen und den Menschen am Horn von Afrika rechtzeitig zu helfen. Die Hungersnot wurde nicht verhindert.

Seit fast zwei Jahren sammeln sich an der äthiopisch-somalischen Grenzstadt Dollo Ado Flüchtlinge der Hungersnot in eigens errichteten Lagern. Mittlerweile sind allein dort beinahe 150.000 Menschen untergekommen. Seit August dieses Jahres sind auch Teams von humedica vor Ort um den Flüchtlingen ärztliche Versorgung zukommen zu lassen.

Norman Borlaug nannte die Entwicklungsländer gerne auch die vergessene Welt, womit er klar machte, wieso das Offensichtliche und Notwendige nicht in die Tat umgesetzt wird. Man vergisst. Oder übersieht man?

Amartya Sen, ebenfalls Träger eines Nobelpreises, setzte sich immer wieder mit Hungersnöten auseinander und zählte die Hungersnot im indischen Bengal im Jahr 1943 zu einer der am meisten für sich selbst sprechenden Ereignisse. Und für ihn persönlich war sie sehr prägend.

Insbesondere die Stille, in der zwischen drei und fünf Millionen Menschen an Hunger starben. Die Umgebung nahm die Anzeichen davon nicht wahr. Denn damals wie heute sind es die armen Menschen ohne Einfluss, die es trifft. Amartya Sen war in dieser Umgebung und Stille, und wäre von allein nie auf diese Not aufmerksam geworden.

Es ist tatsächlich nicht einfach, eine Hungersnot zu erkennen. Auch nicht, wenn sie bereits Opfer fordert und Hunderttausende bis Millionen Menschen in ihr gefangen sind. Und wenn Amartya Sen in Bengal selber die Anzeichen suchen musste, wie weit müssen wir hier in Deutschland gehen, um uns der Hungerkatastrophe am Horn von Afrika bewusst zu werden?

Bis zu 100 Menschen behandeln die humedica-Kräfte in Äthiopien pro Tag. Foto: humedica/Raphael Marcus

Die Auswirkungen der Hungersnot spürte ich erst, als ich direkt an die Menschen in den Lagern herantrat - vielleicht spürt man sie sogar erst, wenn man mit ihnen redet oder wie unsere Ärzte behandelt. Dann wird einem klar, dass die Hungersnot echt ist. Die Beschwerden sind real, typisch für eine Hungersnot und sehr ernst zu nehmen. Doch eben nicht ausstrahlend und überall auffindbar.

Vor kurzem wurde ich gefragt, ob die Hilfe von humedica denn nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein sei. Ein Tropfen? Ja. Aber nicht auf den heißen Stein, sagte ich. Denn die Hilfe kommt an und verpufft nicht einfach. Und wenn es „nur“ 100 Menschen sind, die wir täglich untersuchen und denen wir helfen, sind es trotzdem 100 Kinder, Frauen oder Männer, die sonst nirgends Unterstützung oder gar Rettung bekämen.

Und es sind Ausweitungen der humedica-Maßnahmen geplant und wir arbeiten daran, bis Januar vier Kliniken betreiben zu können, in denen wir insgesamt pro Woche 2.000 bis 3.000 Patienten sehen und medizinisch versorgen können.

Wir werden verarzten, behandeln, bei Geburten helfen und Leben retten, die sonst nicht gerettet werden könnten. Immer noch ein Tropfen - denn es sind so viele Betroffene am Horn von Afrika. Doch für jeden Behandelten unersetzliche Tropfen.

Langfristig wird humedica in Äthiopien mit dem Bau weiterer Krankenstationen und medizinischer Versorgung tätig sein. Wir sind während dieser Katastrophe nicht nur für die kurze Dauer der Katastrophenhilfe da, sondern um eine Infrastruktur aufzubauen, welche die Menschen in den Flüchtlingslagern brauchen.

Der Körper eines unterernährten Menschen reduziert seine Leistungsfähigkeit und wächst kaum noch, auch das Immunsystem leidet unter mangelnder Ernährung. Foto: humedica/Raphael Marcus

Denn eine Hungersnot ist eine Katastrophe, die sowohl langfristige als auch vielseitige Auswirkungen hat. Unter Hungersnot darf man nicht nur das Sterben durch Hunger verstehen. Nein, es geht um all die vielen Auswirkungen, die eine permanente Zeitspanne der Unterernährung mit sich bringt.

Das Immunsystem ist geschwächt, Fälle von Anämie (Blutarmut) steigen, der Blutzuckerspiegel verschlechtert sich, bakterielle Infektionen nehmen zu. Das gedrängte und unhygienische Leben im Flüchtlingslager bringt dazu noch weitere Probleme, so dass das gesamte Gesundheitswesen darauf eingestellt werden muss.

Eine Hungersnot ist eine lange, sich auf vielen Wegen ausbreitende Katastrophe. Nicht die klassische Natur- oder Umweltkatastrophe, bei der in einem Moment eine gesamte Bevölkerung an ähnlichen Beschwerden leidet.

Nein, die Hungersnot ist ein andauerndes Leiden der Ärmsten und Anfälligsten. Leise ist sie, ohne dass man davon erfahren muss wenn man nicht will. Sie dauert an, und am Schluss bemerken wir schon wieder, dass wir mit ehrlichem Bedauern nur noch zu retten versuchen können, was es noch zu retten gibt.

Bitte stehen Sie bei diesen Bemühungen weiterhin mit einer gezielten Spende an unserer Seite.
      humedica e.V.
      Stichwort „Hungerhilfe Afrika
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Anmerkung: Raphael Marcus ist Projektsachbearbeiter für die Hilfsmaßnahmen am Horn von Afrika. Der gebürtige Schweizer studierte und arbeitete bei einer Hilfsorganisation in Israel, bevor er im Sommer 2011 seine Arbeit bei humedica begann.

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