Haiti: Kein Besitz, stattdessen große Herausforderungen

von Susanne Merkel/RBU, 28.04.2011

Die für Familienpatenschaften zuständige humedica-Mitarbeiterin Susanne Merkel reiste im März dieses Jahres erneut nach Haiti, um sich vor der bevorstehenden Hurrikansaison ein Bild von der Lebenssituation der Menschen zu machen.

Seit Susanne Merkels Reise nach Haiti vor zwölf Monaten hat sich vieles zum Guten verändert - die Lebensumstände leider kaum merklich Foto: humedica/Susanne Merkel

Sie besuchte die Familien, die dank der Hilfe durch Spenden aus unserem Patenschaftsprogramm unterstützt werden können. Obwohl Susanne bereits viel Not und für unser Verständnis lebensunwürdige Verhältnisse gesehen hat, berührten sie die Schicksale einiger Familien in Haiti dennoch besonders.

„Ein Jahr nach meinem ersten Besuch kehrte ich erneut nach Haiti zurück. Was sich seitdem verändert hat? Auf den ersten Blick sieht man bereits, dass weniger Ruinen in der Hauptstadt Port-au-Prince zu sehen sind. Einige zerstörte Gebäude sind inzwischen abgetragen, wurden auch teilweise wieder aufgebaut. An vielen Orten deuten Baustellen darauf hin, dass hier auch neue Gebäude entstehen.

Doch leider gibt es auch sehr viele Parallelen zu meinem Aufenthalt von vor zwölf Monaten: die Straßen sind schlecht, es herrscht viel Verkehr und überall am Straßenrand stehen Zelte oder gar ganze Zeltstädte. Besonders am Stadtrand sind neue Zeltsiedlungen entstanden, die weit entfernt von jeglicher Infrastruktur auf Lieferungen von Wasser und anderem Lebensnotwendigen angewiesen sind.

Mein Besuch sollte dazu dienen, zusammen mit unseren lokalen Kollegen Familien zu besuchen und ihre Lebensumstände einzuschätzen. In diesem Zusammenhang war es mir auch möglich, unseren verantwortlichen haitianischen Mitarbeiter Jacqueson persönlich kennen zu lernen. Er macht seine Sache sehr gut und hat ein großes Herz für die Familien.

Einige Schicksale haben mich besonders berührt. Frednel beispielsweise lebt mit seiner jungen Frau und den gemeinsamen fünf Töchtern in dem am stärksten von den Zerstörungen betroffenen Stadtgebiet Delmas 75 in einem kleinen Zeltcamp. Das jüngste Kind ist gerade sechs Wochen alt.

Wie Frednel und seiner Familie ergeht es Tausenden in Haiti: immer wieder stehen sie vor neuen Herausforderungen. Foto: humedica/Susanne Merkel

Die Familie wohnt auf einem Feld in zwei Zelten, in denen es tagsüber unerträglich heiß wird und die im Freien kaum Schatten bieten. Bereits während meines Aufenthaltes regnete es jede Nacht stark, wenn bisher glücklicherweise stets auch nur für kurze Zeit. Dennoch lief das Wasser in die am Hang stehenden Zelte hinein.

Die Drillinge der Familie heißen Fedleine, Fedna und Fedlyne und sind jetzt gute drei Jahre alt und sehr aufgeweckt. Die älteste Tochter Fedjina geht zur Schule, dank des humedica-Familienpatenschaftsprogramms konnten ihre Schulgebühren von uns übernommen werden.

Früher hat Frednel in einem Geschäft elektronische Geräte wie Radios und Fernseher verkauft. „Früher“, das bedeutet vor dem Erdbeben, denn das Geschäft wurde am 12. Januar 2010 zerstört und trotz intensiver Suche ist es dem Familienvater bisher nicht gelungen, eine neue Arbeit zu finden.

Seine Eltern und Geschwister leben in St. Marc, in Port-au-Prince haben weder er noch seine Frau Verwandte, bei denen sie unterkommen könnten. Nun steht die Familie nach dem Verlust all ihres Hab und Guts vor einer erneuten Herausforderung: der Eigentümer des Geländes, auf dem die Zelte stehen, benötigt das Feld in Kürze für seinen Eigenbedarf, was für die dort lebenden Familien bedeutet, dass sie das Grundstück räumen müssen.

Die meisten der Menschen haben keinen anderen Ort zum Unterkommen, ebenso Frednel und seine Familie. Ihre einzige Option wäre, nach St. Marc zu gehen, wo sie zumindest vorübergehend bei Angehörigen unterkommen könnten. Doch wie soll Frednel in der fremden Stadt seinen Lebensunterhalt verdienen, an Hilfe kommen und seiner Tochter die Möglichkeit auf Bildung zuteil werden lassen?

Ein weiteres Familienschicksal, welches mich sehr bewegte, ist das von Michele Masila. Frau Masila war früher Krankenschwester. Als sie aufgrund einer Augenkrankheit erblindete, wurde sie von ihrem ersten Ehemann verlassen. Später fand sie einen neuen Ehemann, der die Familie versorgte. Mit ihm bekam sie noch zwei weitere Kinder.

Die provisorischen Unterkünfte sind insbesondere im Hinblick auf die kommende Hurrikansaison keine wirkliche Option. Foto: humedica/Susanne Merkel

Durch das Erdbeben verlor sie ihren Mann - und darüber hinaus auch ihre Eltern und viele weitere Verwandte. Frau Masila zog daraufhin mit ihren vier Kindern in ein Zelt im Hof von Bekannten. Eine dauerhafte Lösung war dies allerdings nicht, so dass sie in ein nur teilweise fertig gestelltes Haus zogen, welches aber nicht ihnen gehörte.

Im selben Haus wohnt ihr Bruder Louidonne, Vater von sechs Kindern und seit dem verheerenden Erdbeben Witwer. Ähnlich wie den Familien in der oben genannten Zeltstadt geht es nun auch ihnen: der Eigentümer des Hauses hat die durch das Beben obdachlos gewordenen Familien aufgefordert, das Haus zu verlassen.

Gemeinsam können wir viel erreichen

Frednel, Masila und Louidonne stehen exemplarisch für viele andere, die nicht auf Dauer in Camps oder im Zelt leben wollen und können. Die Lebensbedingungen sind schwierig und oft auch sehr ungesund, besonders mit kleinen Kindern. Die Regenzeit hat bereits begonnen, im April wird sie stärker und danach besteht bis zum Ende des Jahres noch die Gefahr von Hurrikans. Diese in einem Zelt überstehen zu müssen, ist eine Option, die eigentlich keine ist.

Wohnraum und Arbeit sind Grundlage für ein eigenständiges Leben. Unser Patenschaftsprogramm gibt Hilfe in Form von Nahrungsmitteln und medizinischer Basisversorgung, außerdem bezahlen wir für die Kinder die Schulgebühren. Doch manche der Familien brauchen mehr. Starthilfe für ein Kleingewerbe ist eine gute Möglichkeit. Einige Paten haben dazu schon Sonderspenden von 100 bis 200 Euro für ihre Familien gegeben.

Lassen Sie uns gemeinsam helfen - vielen Dank für Ihre Unterstützung. Foto: humedica/Susanne Merkel

Andere Familien haben ein Stück Land, auf dem sie eine bessere Bleibe für sich aufbauen könnten, doch es fehlt an Baumaterial. Wir würden gerne auch dabei helfen. Einfache Häuser, welche die Familien mit einer Anleitung selber aufbauen können, sofern sie einen Bauplatz haben, kann man in Haiti erwerben. Mit etwa 2000 Euro gibt es Schutz vor Regen und Sturm und eine erdbebensichere Bleibe.“

Bitte helfen Sie uns dabei, den Menschen in Haiti auch weiterhin zu helfen. Auch - oder gerade weil - die Aufmerksamkeit für das Leid immer mehr schwindet, während die Lebenssituation nur langsame Verbesserungen aufweist. Den Antrag für die Übernahme einer Patenschaft finden Sie hier.

Ansonsten unterstützen Sie uns bitte mit einer Onlinespende oder einer Überweisung auf folgendes Konto:
      humedica e.V.
      Stichwort „Erdbeben Haiti
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Sicher, schnell und direkt ist auch die Möglichkeit der Unterstützung durch eine sms: Textmitteilung mit Stichwort DOC an die 8 11 90. Von den damit gespendeten 5,- Euro fließen 4,83 Euro direkt in die humedica-Projekte.

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