"Wir dürfen nur nicht ungeduldig werden"

von Ruth Bücker, 12.01.2011

Mehr als 100 Menschen waren es, die im vergangenen Jahr mit humedica nach Haiti reisten, um dort das Leid der Menschen zu mildern, die durch das Erdbeben im Januar 2010 oft nicht nur all ihr Hab und Gut verloren hatten, sondern auch Angehörige und den eigenen Lebenswillen.

Seitdem ist viel passiert und einige dieser 100 ehrenamtlichen Helfer kehrten Ende des Jahres zu einem weiteren Einsatz nach Haiti zurück oder blieben als Koordinator länger in dem geschundenen Inselstaat. Im Gespräch haben sie erläutert, wie sie die vergangenen zwölf Monate sehen und was ihre Einschätzungen für die Zukunft sind.

Dr. Irmgard Harms (in Haiti im Januar und von Oktober bis Dezember)

Dr. Irmgard Harms und Dr. Markus Hohlweck bei der Behandlung einer kleinen Patienten, die Opfer herabstürzender Gesteinstrümmer war. Foto: humedica/Simone Winneg

Unser Einsatz - nur wenige Tage nach dem Erdbeben in Haiti im Januar 2010 - hat unser Team und jeden Einzelnen von uns besonders berührt. Aber kaum weniger beeindruckend war für michr das, was ich Ende des Jahres 2010 bei einem anderen Einsatz in Haiti erleben durfte.

Ja, in Port-au-Prince wird aufgebaut, überall, auch wenn es uns Helfern nicht schnell genug geht. Ich sah immer wieder kleinere und größere Zeichen der Hoffnung: Straßenbau, Häuser werden wieder aufgebaut, Trinkwasseranlagen, Haitianer in ihren gelben Shirts - CASH FOR WORK - räumen auf und beseitigen den Müll, die Kinder gehen wieder in die Schulen, und "unser Krankenhaus der Hoffnung" ist wieder aufgebaut, modernisiert und endlich eröffnet.

Ich glaube ganz fest daran: Haiti hat eine Chance und eine Zukunft, wir dürfen nur nicht ungeduldig werden und dürfen Haiti nicht aufgeben.

Wendell Endley (in Haiti im Januar und aktuell seit Dezember)

Der erfahrene Orthopädietechniker-Meister Wendell Endley aus Südafrika sieht in der internationalen Aufmerksamkeit für Haiti eine große Chance für das Land. Foto: humedica

Ich habe bereits Anfang des Jahres 2010 in Haiti gearbeitet, und seit Dezember tue ich es wieder. In den vergangenen zwölf Monaten wurden viele Wiederaufbauprojekte und Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur ins Leben gerufen, auch wenn die Vorgänge gesamt eher langsam vorankommend erscheinen.

Das Leben der meisten Menschen scheint wieder einen gewissen Routinezustand erreicht zu haben. Die Lebensbedingungen und sozialen Umstände sind leider immer noch unbefriedigend. Insbesondere für die vielen Menschen, die mit Amputationen leben müssen.

Um Kinder, Frauen und Männer mit einer Prothese oder einer Gehbehinderung kümmert sich humedica daher in einem gesonderten Projekt, das nachhaltig zu einer Besserung der Situation beitragen wird. Auch die Ausbildung einheimischer Mitarbeiter zu Experten auf diesem Gebiet.

Für die Zukunft von Haiti bin ich wegen der politischen Instabilität ein wenig besorgt, die eine Verzögerung des weiteren Wiederaufbaus des Landes zur Folge haben könnte. Unabhängig von den Fortschritten in dem vergangenen Jahr hat das Erdbeben aber auf jeden Fall zur Folge, dass die internationale Aufmerksamkeit für dieses geschundene Land glücklicherweise gewachsen ist.

Simon Oeckenpöhler (in Haiti im Januar und November)

Der Aufbau ist noch am Anfang, aber der Grundstein ist gelegt worden. Foto: humedica/Irmgard Harms

Nach dem Beben vor einem Jahr konnte humedica unglaublich schnell, vielen Menschen in extremer Not medizinische Hilfe anbieten. Damit war und ist es aber nicht genug - bis heute hat sich für mich unglaublich viel getan!

Als ich Ende 2010 erneut im Krankenhaus Espoir sein durfte, konnte ich nicht glauben, was aus diesem Krankenhaus und seinem Personal geworden ist: aus dem Chaos ist ein funktionierendes Krankenhaus geworden, das durch die Unterstützung aus Deutschland nicht den Kopf hängen ließ, sondern glaube ich besser arbeitet als je zuvor.

Haiti braucht weiter Hilfe - vor allem strukturell! Ausbildung und Schaffen neuer Möglichkeiten wird der Schlüssel zum Erfolg sein, was aber nur möglich werden wird, wenn die Grundversorgung gewährleistet ist. Da können wir helfen und das wünsche ich den Haitianern für die Zukunft! Der Aufbau ist noch am Anfang...“

Caroline Klein (in Haiti seit Mai)

Seit Mitte des vergangenen Jahres ist Caroline Klein als Projektkoordinatorin in Haiti um zu helfen. Foto: humedica/Ruth Bücker

In den vergangenen zwölf Monaten hat Haiti versucht, sich langsam wieder aufzurichten. Kleine eingestürzte Häuser sowie Ministerien wurden abgetragen, Landstraßen werden ausgebaut, einige Straßen in Port-au-Prince werden von der eigenen Bevölkerung einfach verbessert.

Von außen scheint es leider manchmal trotzdem so, als ob die Haitianer noch keine enorm wichtige Verbesserung ihrer Lebensumstände haben erleben dürfen. Immer noch sind mehr als eine Million Menschen obdachlos und leben in Armut. Und schließlich kam Ende des Jahres auch noch eine Cholera-Epidemie hinzu.

Ich wünsche den Haitianern Kraft und neuen Lebenswillen, und hoffe immer mehr lächelnde Gesichter zu sehen. Haiti ist ein unglaublich interessantes, hinreißendes, vielfältiges, komplexes und manchmal auch widersprüchliches Land, das mein Leben seit fast einem Jahr verändert hat.

Ich freue mich die Projekte in Haiti für das Jahr 2011 leiten zu dürfen, und somit den Haitianern nicht nur zu helfen, sondern vor allem von ihnen zu lernen, und mit ihnen Erfahrungen zu teilen.

Dr. Markus Hohlweck (in Haiti im Januar und November)

Seine Einsätze sowohl im Januar als auch im November des vergangenen Jahres hinterließen bei Dr. Markus Hohlweck ein Gefühl der tiefen Verbundenheit zu Haiti. Foto: humedica/Dieter Schmidt

Selbst fast ein Jahr nach dem verheerenden Beben sind mir immer noch sehr viele Schuttberge und zerstörte Häuser aufgefallen. Was ich aber auch angetroffen habe, und was mich sehr freute, waren viele neu gebaute Straßen und Menschen, die ihre Notunterkunft auch unter schwierigen Bedingungen penibel sauber halten, immer Zeit für ein Lächeln haben und freundlich grüßen.

Als eine der ersten Hilfsorganisationen war humedica in Haiti tätig und ich behandelte im Ersteinsatzteam Patienten mit schlimmsten Verletzungen. Wir konnten Menschenleben retten, schmerzende Knochenbrüche und Wunden versorgen, aber vor allem der Bevölkerung durch menschliche Zuwendung das Gefühl geben, in dieser Katastrophe nicht alleine zu sein.

Haiti ist durch das Beben kurzzeitig in den Fokus der ganzen Welt gerückt. Viel Geld und Hilfe steht bereit. Aber vor allem hat das Volk von Haiti bei jedem der dort war und die tägliche Not und Dankbarkeit der Menschen erfahren durfte, tiefe Spuren der Verbundenheit hinterlassen, die nachhaltig sind.

Die Weltbevölkerung ist im Januar 2010 zusammengerückt und muss in den nächsten Jahren weiter für die Menschen von Haiti zusammen stehen und für eine bessere Zukunft kämpfen.“

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