Ein Hauch von Normalität

von Ruth Bücker, 31.10.2011

Die kleine Ravea ist zwei Jahre alt, gesund und äußerlich unversehrt. Sie kann auch bereits wieder lächeln, was nur eine Woche nach dem Erdbeben vom vergangenen Sonntag nicht selbstverständlich ist. Ravea ist weggerannt vor Trümmern einstürzender Gebäude und konnte so ihr Leben retten.

Sowohl Raveas Mutter, deren Beine von herunterfallenden Trümmern eingeklemmt wurden, als auch dem kleinen Mädchen selber geht es inzwischen wieder gut. Foto: humedica/Ruth Bücker

Dies war ein schrecklicher Tag für die ganze Familie“, berichtet der Onkel der Kleinen, Coskun Bayram. „Als mich Raveas Vater anrief, war er völlig aufgelöst und meinte, er könne seine Kinder nicht finden.“

Ravea und ihr älterer Bruder hatten vor dem Gemüseladen des Vaters auf der Straße gespielt, direkt neben ihrem eigenen Wohnhaus, das jetzt dem Erdboden gleich ist. Als das Wohnhaus einstürzte, konnte der Vater sich selbst aus seinem Geschäft retten, vor Staub und Chaos seine zwei Kinder aber nicht ausfindig machen.

Wenn wir nicht gerade unterbrochen wurden, weil die Leitungen zusammenbrachen, telefonierten wir die ganze Zeit. Als er endlich aufschrie, dass er auf der Straße seine Kinder laufen sah, war es so eine unglaubliche Erleichterung. Wir alle werden diesen schrecklichen Tag nie vergessen, auch wenn er für uns ein glückliches Ende nahm.“

Sonntag den 23. Oktober 2011 wird so schnell wohl keiner der Menschen in der Provinz Van vergessen können, insbesondere in der Stadt Ercis nicht. Der Tag, dessen schreckliches Erdbeben eine Woche später die Gewissheit von mindestens 582 Toten mit sich bringt. Tausende sind verletzt worden. Der Hauptteil der Häuser in Ercis ist nicht mehr bewohnbar.

Die Rettungsmaßnahmen zur Suche nach lebenden Menschen wurden offiziell eingestellt. An einzelnen Stellen im Stadtzentrum wird noch nach begrabenen Personen gesucht. Dass diese aber zum jetzigen Zeitpunkt noch Überlebenschancen haben, daran kann keiner mehr glauben. Trotz der Trauer und des Schocks heißt es nun, die nächsten Schritte in die Zukunft gehen.

In der umfunktionierten Sporthalle am Stadtrand von Ercis kommen täglich mehrere hundert Patienten zur Behandlung. Kindern mit schweren Verbrennungen, die sie sich an den Wärme spendenden Lagerfeuern oder provisorischen Heizkörpern zugezogen haben, wechseln die humedica-Einsatzkräfte gemeinsam mit den lokalen Helfern die Verbände.

Ihr Onkel schrieb das Datum des alles verändernden Tages auf die Wange des Mädchens. Foto: humedica/Ruth Bücker

Bewohner der angrenzenden Zeltstadt kommen mit Erkältungen, Husten oder Schwächeanfällen ebenso zu den Medizinern wie Verletzte von Autounfällen, die von der lokalen Ambulanz eingeliefert werden. Neben der provisorisch eingerichteten Notaufnahme errichteten die lokalen Ehrenamtlichen in dem ehemaligen Sportzentrum mehrere Zelte, in denen nun die stationären Patienten in Ruhe und unter medizinischer Aufsicht wieder zu Kräften kommen können.

Es scheint langsam aber sicher Normalität einzukehren in dem Katastrophengebiet in und um Ercis. Zumindest was den äußeren Schein betrifft.

Doch wie bei der kleinen Ravea, wie bei Özcan und seiner Familie, wie bei der Rettungskraft Bekir und bei allen anderen Betroffenen und Helfern, ist dies lediglich die Sicht von außen. Ob in ihrem Inneren nach diesen Erfahrungen und Bildern jemals wieder von einem Normalzustand gesprochen werden kann, ist eine andere Sache.

Seien Sie Teil unserer Hilfe, bei der es um die nächsten Schritte in eine gesicherte Zukunft geht. Die Menschen benötigen Unterkünfte für den Winter und Unterstützung beim Wiederaufbau sowie Ausstattung ihrer Häuser. Helfen Sie aus Deutschland gemeinsam mit uns in Ercis. Vielen Dank.

      humedica e.V.
      Stichwort „Erdbebenhilfe Türkei
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Mit einer kleinen sms Großes bewirken: Stichwort DOC an die 8 11 90 senden und von den abgebuchten 5 Euro fließen 4,83 Euro unmittelbar in die humedica-Katastrophenhilfe.

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