Verletzungen nach einem Erdbeben

von Prof. Dr. Dr. Bernd Domres, Ruth Bücker, 01.11.2011

Wie bereits nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti im Januar 2010, war auch nach den schweren Erschütterungen in der Türkei der erfahrene Katastrophenmediziner Prof. Dr. Dr. Bernd Domres Einsatzkraft im ersten humedica-Team. Im Gespräch erklärt der Tübinger Chirurg, welche Verletzungen nach einem Erdbeben typischerweise auftreten und welche Gefahren sie mit sich bringen:

Prellungen, Knochenbrüche und Quetschungen gehören zu den vergleichsweise leichteren Verletzungen. Foto: humedica/Ruth Bücker

"Die häufigsten und in den meisten Fällen vergleichsweise harmlosen Verletzungen nach einem schweren Erdbeben sind Prellungen, Schürf- und Schnittwunden durch zerbrechende Glasscheiben und umstürzende Gegenstände.

Als typische Erdbebenverletzungen gelten auch Knochenbrüche und schwere Quetschwunden durch Verschüttung unter den schweren Lasten, die durch einstürzende Gebäude hervorgerufen werden.

Schwerwiegendere und akutere Erdbebenverletzungen sind das sogenannte Compartmentsyndrom und das daraus häufig resultierende Crushsyndrom. Am tragischsten gestaltet sich der sogenannte Bergungstod.

Compartmentsyndrom

Unter einem Compartment versteht man den Raum, in dem sich die Muskulatur mit den Gefäßen, Nerven und Lymphbahnen befindet. Am Unterschenkel beispielsweise befinden sich vier dieser Räume, die von Faszien (dünne Bindegewebewände) gebildet werden und an den Knochen anhaften.

Die Leben tausender Menschen liegen nach einem schweren Erdbeben in Trümmern. Foto: humedica/Ruth Bücker

In jedem dieser Compartments herrscht normalerweise ein Druck von 11 Millimeter Hg (Quecksilbersäure). Der Blutdruck in den kleinen Muskelgefäßen beträgt 20 bis 30 Millimeter Hg und liegt somit höher als der Druck in dem Compartment, sofern dieses nicht übermäßigen Lasten ausgesetzt ist.

Drücken nun Lasten oder Trümmer, wie durch einstürzende Gebäude bei Erdbeben, über einen längeren Zeitraum auf den Verschütteten, reagiert die Muskelzelle mit Wassereinlagerung in die Zelle selber und Flüssigkeitsansammlung zwischen den Muskelfasern.

Bei einer solchen Wassereinlagerung spricht man von einem Ödem. Die Bildung eines Ödems hat zur Folge, dass das Volumen in dem Compartment steigt und damit auch der Druck höher wird. Steigt dieser über den Druck in den kleinen umliegenden Gefäßen, werden die Muskelgefäße abgedrückt, der Muskel erhält keinen Sauerstoff mehr und stirbt ab.

Behandlung des Compartmentsyndroms

Trifft man auf ein drohendes Compartmentsyndrom, muss zunächst mit der Schockbehandlung begonnen und Infusionen gegeben werden. Gleichzeitig muss der Übersäuerung des Körpers (Azedose) und dem zu hohen Kaliumgehalt (Hyperkaliaemie) entgegengewirkt werden, um einen Herzstillstand und Organversagen zu verhindern.

Darüber hinaus müssen Mittel zum Antreiben der Nieren verabreicht werden, um den Harnfluss zu intensivieren und die natürliche Blutwäsche zu beschleunigen.

Um den entstandenen Druck, der die Muskeln absterben lassen kann, zu senken, wird eine chirurgische Spaltung der Haut und der darunter liegenden Faszien vorgenommen (Fasziotomie). Ist aber die Muskulatur bereits abgestorben oder in dem Ausmaß beschädigt, dass sie sich nicht mehr erholt, muss das tote Gewebe entfernt werden. Im schlimmsten Fall muss eine lebensrettende Amputation der Gliedmaße vorgenommen werden.

Crushsyndrom

In Verbindung mit einem eingetretenen Compartmentsyndrom steht in vielen Fällen das sogenannte Crushsyndrom. Ist die Muskulatur aufgrund des erhöhten Drucks abgestorben, wird Muskeleiweiß aus dem toten Muskel (Myoglobin) freigesetzt und gelangt in die Nieren.

Kommen noch Schock, Blutverlust durch Verletzungen und Übersäuerung des Stoffwechsels hinzu, folgt Nierenversagen, auch Crushsyndrom genannt.

Der Begriff Crushsyndrom wurde 1941 von englischen Wissenschaftlern geprägt, die nach Bombenangriffen auf London Untersuchungen an verschütteten Personen durchführten, die nach ihrer Rettung verstorben waren.

Behandlung des Crushsyndroms

Das durch Eiweiß des abgestorbenen Muskels entstandene Nierenversagen wird durch eine Blutwäsche (Dialyse) behandelt. Es gibt zwei Vorgehen bei der Dialyse.

In der provisorisch eingerichteten Ambulanz in Ercis werden die Patienten untersucht und nach Schwere ihrer Verletzung in umliegende Krankenhäuser transportiert. Foto: humedica/Ruth Bücker

Die apparative Dialyse ist die in Deutschland am weitesten verbreitete Form der Blutwäsche. Das Blut wird durch die Arterie aus dem Körper geleitet. In einer Apparatur wird das Blut, welches durch die Nieren nicht mehr automatisch gereinigt wird, gefiltert und die Giftstoffe werden ausgesondert. Durch die Vene wird das gereinigte Blut anschließend wieder in den Körper geführt.

Bei der zweiten Form der Dialyse, der peritonealen, wird Dialyseflüssigkeit in die Bauchhöhle eingeführt. Die Giftstoffe, welche die Nieren nicht mehr filtern können, werden in die Bauchhöhle gezogen und - anstatt in den Nieren - dort bereinigt. Gemeinsam mit der Dialyseflüssigkeit werden die Giftstoffe anschließend aus dem Körper gespült. Nachteil dieser Form der Dialyse ist der hohe Bedarf an Flüssigkeit, der in Katastrophengebieten meist nicht gegeben ist.

Rettungs- oder Bergungstod

Bergungstod beschreibt ein tragisches Phänomen, welchem Mediziner nichts entgegenzusetzen haben. Bei dem Rettungs- oder Bergungstod wird der Verschüttete, der mehrere Tage unter Trümmern gelegen hat, zunächst glücklich und anscheinend ohne schwerere Verletzungen gerettet, wobei die Befreiung selber möglicherweise aber weitere Verletzungen nach sich gezogen hat, die nicht verhindert werden konnten.

Die Ursachen des tragischen und plötzlichen Rettungs-, beziehungsweise Bergungstodes. Abbildung: humedica/Bernd Domres

Die Schwere der ohnehin erlittenen Verletzungen wird intensiviert und selbst ohne diese stirbt der gerettete Verschüttete innerhalb weniger Minuten in den Armen seines Retters.

Verursacht wird dieser plötzliche Tod durch mehrere Faktoren. Der unter Trümmern Eingeklemmte leidet unter enormem Stress und schüttet die Stresshormone Adrenalin und Cortison aus. Diese sorgen bei gleichzeitig bestehendem Schock und vorangegangenem Blutverlust dafür, dass nur der zentrale Blutkreislauf aufrecht erhalten wird und die lebenswichtigen Organe gerade ausreichend Blut zum Funktionieren haben.

Wird der Verschüttete dann gerettet und der Druck der Lasten von ihm genommen, schießt das ohnehin gering vorhandene Blut auch wieder in Haut, Muskeln und alle Organe. Das Blutvolumen reicht nun aber nicht mehr aus, um die lebenswichtigen Organe zu durchbluten und es tritt ein plötzlicher Tod infolge eines Herz-Kreislaufversagens ein.

Hinzu kommt, dass durch das Entfernen der auf dem Körper lastenden Gewichte der venöse Rückstrom aus den Compartments frei wird und sauere Stoffwechselprodukte, Kalium und Muskeleiweiß von totem Gewebe (Myoglobin) in den Kreislauf gelangen, die ebenfalls Herzversagen hervorrufen."

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