„Mir sind unsere Patienten einfach ans Herz gewachsen“

von Karin Uckrow, 29.06.2010

Seit Ende April hat das humedica-Team in Port au Prince dringend notwendige Unterstützung von 2 Physiotherapeuten aus Deutschland. Acht Wochen sind seitdem vergangen, und viel Positives konnte dank ihrer Arbeit bewirkt werden. humedica-Projektkoordinatorin Karin Uckrow sprach mit den zwei Helfern über ihre Arbeit, ihre Eindrücke und ihre Gefühle.

Erste Schritte in ihr neues Leben - dank der Hilfe von Andreas Moll. Foto: humedica/Henning Günzler

„In den ersten Wochen nach dem Erdbeben lag der Schwerpunkt der humedica-Arbeit auf der medizinischen Erstversorgung der Erdbebenopfer. Dies umfasste die Behandlung von Quetschungen, schwersten Frakturen und in vielen Fällen mussten Gliedmaßen amputiert werden.

Ein Großteil dieser Patienten wird noch immer stationär und ambulant nachversorgt, was nun auch umfangreiche physiotherapeutische Behandlungen umfasst.

Andrea Glass und Andreas Moll kamen Ende April nach Port-au-Prince, um das medizinische Team bei den nunmehr notwendigen Rehabilitationsmaßnahmen zu unterstützen. Die beiden erfahrenen Physiotherapeuten hatten sich innerhalb kürzester Zeit dazu entschieden, mit humedica in Haiti tätig zu werden.

Ohne Zögern anderen helfen

Andrea Glass wollte schon seit längerer Zeit einen humanitären Einsatz im Ausland machen. „Als Physiotherapeutin weiß ich, wie wichtig die Betreuung und Rehabilitation für Patienten mit amputierten Gliedmaßen ist. Und als ich einen Bericht auf der humedica-Homepage las mit der dringenden Suche nach Physiotherapeuten für Haiti, dachte ich mir sofort, dort möchte ich gerne mitarbeiten.“

Als das Erdbeben am 12. Januar 2010 Haiti erschütterte, hatte Andreas Moll bereits den Wunsch, zu helfen und als Freiwilliger nach Haiti zu gehen. Jedoch hatte er damals andere berufliche Verpflichtungen. Als er Anfang April eine E-Mail erhielt mit dem Anliegen, dass humedica dringend Physiotherapeuten suche, zögerte er nicht lange und befand sich kurze Zeit später im Flugzeug nach Haiti.

Mit vielen Übungen werden Muskulatur und der Umgang mit Prothesen trainiert. Foto:humedica/Jens Großmann

In Haiti gibt es derzeit für Physiotherapeuten sehr viel zu tun. Einerseits gibt es kaum Haitianer, die darin ausgebildet sind. Andererseits gab es nach dem Erdbeben Tausende von Amputationen und viele Menschen, die zum Teil komplizierte und komplikationsreiche Knochenbrüche erlitten.

Im Hôpital Espoir besteht daher nach wie vor ein hoher Bedarf an umfangreichen und langfristigen physiotherapeutischen Behandlungen. „Anfangs waren die wichtigsten Aufgaben, den Muskelaufbau der amputierten Gliedmaßen zu unterstützen, die Mobilisation von Patienten nach monatelangem Liegen zu fördern und ein normales physiologisches Gangbild zu erarbeiten.“

Die Annäherung an die Patienten war erst sehr vorsichtig, nicht zuletzt weil die Therapien oft schmerzhaft sind und darüber hinaus die Menschen sehr ängstlich und schmerzbelastet sind. Es erforderte Geduld von beiden Seiten, sich auf die Behandlungen einzulassen.

Zu Beginn waren die Patienten sehr zurückhaltend. Nach einer Gewöhnungsphase kamen dann die meisten Patienten mit dem Wunsch, uns täglich zu sehen und zusätzlich in Eigenverantwortung ihre Übungen im Physiotherapiebereich durchzuführen“.

Durch die Kooperation von humedica mit den Organisationen Handicap International und Healing Hands for Haiti haben viele Patienten eine Beinprothese erhalten. Die Arbeit der Physiotherapeuten besteht im Anschluss vor allem darin, das aktive Laufen mit der Prothese zu trainieren, damit die Patienten schnellstmöglich Vertrauen im Umgang mit den künstlichen Gliedmaßen gewinnen.

Auf das "Leben danach" vorbereiten

Wenn die Knochenbrüche verheilt sind, kann die Physiotherapie ansetzen. Foto: humedica/Jens Großmann

Beide Physiotherapeuten sagen jedoch auch, dass die besondere Herausforderung darin liegt, die Patienten auf das „Leben danach“ vorzubereiten. Einige Patienten haben durch das Erdbeben alles verloren – ihre Familie, ihr Zuhause und die Möglichkeit, wieder beruflich tätig zu werden.

Der größte Erfolg der Arbeit lag für uns insbesondere darin, die Entwicklung der Patienten zu beobachten und zu sehen, wie sie mit jedem kleinen gesundheitlichen Fortschritt ein kleines bisschen mehr Mut und Vertrauen in ihren Körper und damit für ihre Zukunft gewonnen haben“, sagt Andrea Glass.

Die Entlassung der Patienten geschieht nur dann, wenn es aus medizinischer Sicht verantwortlich ist und die Bereitschaft der Patienten, wieder in das normale Leben zurückzugehen, vorhanden ist. „Wir wollten mit unserer Arbeit die Patienten körperlich bestmöglich auf ihr Leben außerhalb des Krankenhauses vorbereiten und ihnen zeigen, dass es ein Leben auch mit einer Behinderung geben kann.

Dennoch weiß ich auch, dass die Lebensumstände nicht vergleichbar sind mit unseren europäischen Standards. Ich hoffe, dass unsere Patienten und die vielen anderen Verletzten in Haiti weiterhin eine Anlaufstelle haben werden, wo sie sich bei gesundheitlichen Problemen und Schwierigkeiten mit ihren Prothesen hinwenden können.

Mir sind unsere Patienten einfach ans Herz gewachsen und es fällt mir schwer, Haiti jetzt zu verlassen. Es gibt immer noch so viel Bedarf an medizinischer Versorgung... “ – fasste Andrea Glass bei ihrem Abschied aus Haiti zusammen.

Rückkehr durchaus vorstellbar

Physiotherapeuten bringen den Patienten Hoffnung für ihre Zukunft. Foto: humedica/Andrea Glass

Andreas Moll ist noch bis Juli 2010 in dem Krankenhaus tätig bevor er wieder, vorerst, nach Deutschland zurückkehrt. Neben der Arbeit mit den Patienten sind es vor allem die gesammelten Erfahrungen – unter anderem der Einblick in eine fremde Kultur, die große Bedeutung von nonverbaler Kommunikation, der intensive interdisziplinäre Austausch mit Kollegen und anderen Organisationen sowie die Erfahrung, sich in andere Schicksale einzufühlen – die er an dem Einsatz mit humedica sehr schätzt.

Ich kann mir gut vorstellen, zu einem späteren Zeitpunkt wieder nach Haiti zu kommen, um hier als Physiotherapeut zu arbeiten“. Bei 1.500 Amputierten, von denen offiziell ausgegangen wird, und unzähligen Erdbebenopfern, deren schwere Frakturen noch immer nicht verheilt sind, ist der Bedarf an Physiotherapeuten noch für lange Zeit gegeben (siehe Stellenanzeige unten).

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