Pakistan: Fragen an Simon Gelzenleuchter - „Es hat viel Kraft gekostet, aber ich würde es jederzeit wieder machen“

von Sven Ramones, 25.11.2010

Kurz nach seiner Rückkehr hatten wir die Gelegenheit ein Interview mit Simon Gelzenleuchter zu führen. Der 35-Jährige war drei Monate lang für humedica als Koordinator in den Fluthilfeprojekten in Pakistan tätig.

Simon, Du warst seit Beginn des humedica-Einsatzes in Pakistan. Was wurde unternommen, um den Menschen in den Flutgebieten zu helfen?

Wir waren insgesamt mit sieben medizinischen Teams in Pakistan. Die Teams bestanden in der Regel aus zwei Ärzten und zwei Krankenschwestern oder -pflegern. Unser Einsatzgebiet war am Anfang die Region um die Stadt Charsadda, ein flaches Gebiet mit mehreren Flussläufen, in dem das Wasser teilweise drei Meter hoch in den Straßen stand.

In Charsadda wurde ein Schulgebäude zu einer Krankenstation umfunktioniert, um Patienten behandeln zu können. Außerdem hatten wir eine mobile Klinik eingerichtet, mit der das Team in abgelegene Dörfer fahren konnte, um die Menschen dort medizinisch zu versorgen.

Drei Monate in Pakistan für humedica im Einsatz: Koordinator Simon Gelzenleuchter. Foto: humedica

Meistens haben wir so im zwei bis dreitägigen Wechsel an vier Orten in der Region gearbeitet und zwischen 60 und 400 Patienten am Tag behandelt. Die Krankheitsbilder waren unterschiedlich. Anfangs gab es viele Atemwegserkrankungen, später vermehrt Hautkrankheiten.

Als der Norden von Pakistan mit Hilfsorganisationen weitgehend abgedeckt war, wurde beschlossen, dass wir unseren Einsatzort in den Süden verlagern. In der Region um die Stadt Sukkur stand quadratkilometerweit das Wasser, wo immer man auch hinsah.

Bei unseren Einsätzen in den Flüchtlingslagern konnten wir viele Menschen erst nachts behandeln, da sie tagsüber arbeiten mussten. Die Polizei hat dann für die notwendige Technik und Beleuchtung gesorgt. Auch hier im Süden hatten wir mobile Kliniken eingerichtet, in Zusammenarbeit mit unserem lokalen Partner Riverside Slum Children Project.

Wie war das Leben für die Teams bei der Arbeit in dem Katastrophengebiet?

Die Teams mussten sehr flexibel sein. Es gab Tage, an denen man bestimmte Regionen nicht erreichen konnte. Dann mussten wir uns kurzfristig einen neuen Einsatzort suchen. Von den regionalen Regierungen haben wir dabei erfreulicherweise immer gute Unterstützung bekommen.

Unter einfachsten Bedingungen behandelten die medizinischen Teams Patienten in Hütten und Zelten. Hier im Bild rechts: Dr. Toni Großhauser. Foto: humedica

Die Arbeitsbedingungen für uns waren oft sehr hart. Dort wo das Wasser zurückgegangen ist, blieben Schlamm und Gestank übrig. Überall Fliegen und extreme Hitze, den ganzen Tag. Für die Menschen in den betroffenen Gebieten waren das die täglichen Lebensbedingungen.

Gewohnt haben wir alle zusammen in einem Guest House. Trotzdem, dass bei der Enge oft kaum Platz für Privatsphäre geblieben ist, war das Zusammenleben sehr entspannt. Dankbar bin ich auch für die gute Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern des Riverside Slum Children Project. Die Hingabe an ihre Arbeit und die Herzlichkeit, mit der sie uns begegnet sind, hat mich beeindruckt.

Viele Menschen benötigten Eure Hilfe. Wie war die Behandlungssituation vor Ort?

Die Gesundheitssituation in den Flüchtlingslagern war zum Schreien. Es gab keine Toiletten, kein sauberes Wasser und keine Waschmöglichkeiten für die Menschen. Daher kam es vermehrt zu Hautkrankheiten, infizierten Wunden, Eiterbeulen und ähnlichen Problemen. Die Behandlungen waren tragisch. Überall schreiende Kinder, die Schmerzen hatten. Man hätte heulen können.

Umso mehr Freude hat es gemacht zu sehen, wenn es den Leuten und vor allem den Kindern nach der Behandlung wieder besser ging. Oft haben wir bis Mitternacht gearbeitet, bis die letzten Patienten versorgt waren. Und immer wieder haben wir Kinder gefunden, die wir retten konnten. Das Schicksal der Kinder hat mich persönlich am meisten berührt.

Welchen Herausforderungen seid Ihr bei Eurem Einsatz begegnet?

Ein großes Problem ist die weitverbreitete Unterernährung im Süden Pakistans. Zwar kann man den Menschen zunächst medizinisch helfen, aber durch die mangelhafte Nährstoffversorgung fehlen ihnen jegliche Abwehrkräfte. Die Krankheiten, die man gerade erst behandelt hat, kommen deshalb schnell wieder.

Die Situation der Unterernährung hat sich in vielen Regionen in Südpakistan verschlechtert. Die Flut hat die Ernte zerstört, so dass für viele der Menschen, die schon vor den Überschwemmungen nicht viel zu essen hatten, noch weniger bleibt.

Die größte Not erleiden die Schwächsten. Auch für zahlreiche Kinder in Pakistan kam Hilfe mit den humedica-Teams. Foto: humedica

Um den Menschen helfen zu können, haben wir über unseren Partner, die Kindernothilfe sogenannte „High Power“-Kekse bezogen, die besonders energiereich und mit Nährstoffen angereichert sind. Diese Kekse haben wir an Frauen und Kinder verteilt, die von der Unterernährung im Allgemeinen stärker betroffen sind als die Männer.

Wir haben Toiletten und Waschräume gebaut, um die Krankheitsherde einzudämmen, die durch die schlechten hygienischen Bedingungen entstanden sind, sowie Hygieneschulungen durchgeführt und Wasserkanister und -reinigungstabletten verteilt. Für die Kinder haben wir sogenannte „Child Friendly Spaces“ eingerichtet, in denen sie sich tagsüber sicher aufhalten, sowie spielen und lernen konnten. Für die ungefähr 950 Kinder dort gab es auch täglich ein Mittagessen.

Schwerst unterernährte Kinder haben wir in Zusammenarbeit mit Ärzte ohne Grenzen versorgt, die ein Unterernährtenzentrum in Sukkur betrieben haben. Die Herausforderung ist, die unterernährten Frauen und Kinder überhaupt zu finden um ihnen helfen zu können, da die Familien langsam wieder in ihre Heimatgebiete zurückkehren.

Welche persönliche Erfahrung nimmst du aus dem Einsatz mit?

Ich sehe den Einsatz als eines der sinnvollsten Dinge die ich in meinem Leben gemacht habe. Ich denke wir haben in Pakistan einen wichtigen Beitrag mit humedica geleistet. Hier, wo die Menschen ohne Hoffnung sind, kann man hin, um zu helfen. Ich bin dankbar, dass sich mir diese Möglichkeit und Herausforderung geboten haben. Ich habe viel gelernt und Freunde in Pakistan gefunden.

Ich bin dankbar dafür, dass uns in der Zeit während des Einsatzes nichts passiert ist. Auch wenn mich die Aufgabe sehr viel Kraft gekostet hat, war es eine wertvolle Erfahrung für mich und ich würde es jederzeit wieder machen.

Vielen Dank für das Gespräch, Simon. Wir wünschen dir alles Gute und Gottes Segen auf Deinem weiteren Weg.

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