Der Beginn eines hoffnungsvolleren Lebens

von Hanns-Georg Heidecker/RBU, 22.03.2010

Dr. Hanns-Georg Heidecker ist eigentlich Radiologe. Seit Mitte Februar ist er für humedica in Haiti, allerdings nicht in Ausübung seiner ärztlichen Fähigkeiten, sondern als medizinischer Koordinator. Der Fokus seiner Arbeit liegt in der Planung und Umsetzung einer mobilen Prothesenwerkstatt. Wie er darüber hinaus hilft, wird in dem von ihm verfassten Bericht deutlich.

„Der apathische Junge, den wir bei unserem Besuch des Ärztepaars Bernadin getroffen haben, hat anscheinend keine Familie mehr und die Jugendlichen in seinem Umfeld berichteten uns, dass er früher in einer Hütte gelebt habe, die aber beim Beben zerstört wurde.

Der apathische Junge wurde von den humedica-Koordinatoren in ein Krankenhaus gebracht, wo er über Nacht bleiben konnte. Foto: humedica/Hanns-Georg Heidecker

Wir haben lange überlegt, ob wir den Jungen in dieser Verfassung an so einem Ort sitzen lassen könnten und kamen zu dem Schluss: Nein, das können wir nicht. Wo wir ihn hinbringen sollten, wussten wir allerdings auch nicht.

Klar war aber: zunächst mussten wir den Jungen entkleiden und notdürftig waschen, da er allem Anschein nach in seine Kleidung uriniert hatte und sich ohne Unterstützung nicht waschen konnte. Der Geruch war nicht schön und um uns herum bildete sich eine immer größer werdende Menschenmenge aus Schaulustigen. Einige lachten, einige machten blöde Witze, einige hielten sich theatralisch ein Tuch vor das Gesicht.

Ich forderte sie auf, uns einen Eimer mit Wasser zu bringen, aber die Reaktionen waren traurigerweise eher verhalten. Endlich brachte uns dennoch jemand etwas zum Reinigen, und gewaschen führten wir den Jungen zum Auto. Aus meinem langärmligen T-Shirt schnitt ich die Arme ab um daraus eine Hose zu machen. Sowohl mein Kollege Simon, als auch ich, waren ziemlich enttäuscht und traurig über das Verhalten der meisten Herumstehenden.

Wir wollten nicht einfach so gehen und so bat Simon seinen Fahrer ruhig aber bestimmt, die folgenden Worte, die ich nur noch sinngerecht wiedergeben kann, zu übersetzen: „Ihr Leute, Ihr fragt euch wohl was wir hier machen? Wir helfen einem von euch. Ihr seid Brüder und Schwestern, Haitianer, Ihr kennt Euch und dennoch lasst Ihr es zu, dass dieser Junge hier so sitzt. Einige von euch finden das lustig, ich finde das traurig.

Nach mehreren Stunden Autofahrt wurde für den Jungen schließlich ein Schlafplatz gefunden. Foto: humedica/Simon Gelzenleuchter

Wir kommen aus Deutschland um den Leuten in Haiti zu helfen, aber ihr, ihr helft euch nicht gegenseitig. Was hätte Jesus wohl getan? Hätte er herumgestanden und sich das angeschaut? Oder hätte er geholfen? Ich bin nicht wütend auf euch, aber mich macht das traurig. Danke denen, die uns das Wasser geholt haben, der Rest denke doch mal darüber nach.“

Wahrscheinlich kam das Gesagte nicht an, aber etwas befreiter konnten wir uns gemeinsam mit dem Jungen auf den Weg machen. Leider gestaltete sich auch dies schwieriger, als erwartet. Nach mehreren Anläufen erreichten wir schließlich, dass der Junge über Nacht in der Kinderstation eines Krankenhauses verbringen durfte. Für den nächsten Tag hatten wir dann endlich eine Lösung gefunden."

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