NACHBEBEN IN HAITI: humedica-Koordinatorin Simone Winneg berichtet von dem Nachbeben

von Simone Winneg/Ruth Bücker, 21.01.2010

Eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti erschütterte ein starkes Nachbeben abermals das Land. Simone Winneg, humedica-Koordinatorin in Haiti, beschreibt in folgendem Bericht ihre Gedanken und Gefühle während des Nachbebens und wie sich die Situation nach den erneuten Detonationen darstellt.

"Unser normaler Tag beginnt um 6 Uhr. Seit wir angekommen sind, hat sich so etwas wie Alltag oder Routine eingespielt, die uns gerade in der hiesigen, schwierigen Situation geholfen hat, eine gewisse Struktur aufbauen zu können. Doch heute ist alles anders.

Der Wecker klingelt gerade noch und halb verschlafen krieche ich aus meinem Schlafsack. Ein komisches Gefühl macht sich auf einmal breit. Mein erster Gedanke ist noch: „Warum bin ich denn so wackelig auf den Beinen heute?". Ich hab weiche Knie und laufe wie auf Eiern.

Dr. Irmgard Harms und Prof. Dr. Dr. Bernd Domres bei der Visite einer kleinen Patientin. Foto: humedica/Dieter Schmidt

Und auf einmal die Erkenntnis: das bin nicht ich, sondern der Boden unter mir! Im selben Moment springen die Leute im Zimmer auf, laute Schreie "GO OUT" sind überall zu hören - und erst jetzt wird mir wirklich bewusst, dass das gerade ein Erdbeben ist.

Es ist ein komisches Gefühl, was sich da in einem ausbreitet: völlige Hilflosigkeit, völliges Ausgeliefertsein an Kräfte, die man gar nicht recht verstehen kann und die so unbegreiflich stark sind, dass sie eine solche Zerstörung anrichten!

Aber der Schreck lässt relativ schnell nach: das Team ist komplett, niemand hat Verletzungen, keinem ist was passiert, nichts ist kaputt gegangen. Alles scheint gut zu sein. Wirklich? Ich weiß es noch nicht. Schlimmes ist zu befürchten.

Die Situation ist noch immer so kritisch, dass selbst eine Woche nach den schweren Erschütterungen schwere Nachbeben folgen, die die noch stehenden aber gefährdeten Gebäude doch noch zum Einsturz bringen können. Und das mit den gleichen verheerenden Folgen wie das ursprüngliche Beben.

Schwer traumatisiert haben die Opfer des Erdbebens Angst, sich in Gebäuden aufzuhalten. Foto: humedica/Dieter Schmidt

Bei dem humedica-Team am Ort und mir selbst sitzt die Angst nicht sehr tief. Doch in der lokalen Bevölkerung bricht nach den schrecklichen Erfahrungen der letzten Tage Panik aus, was uns besonders bei der Ankunft im humedica-Krankenhaus der Hoffnung deutlich wird: alle Patienten, die wir noch am Vortag in ihren Betten verabschiedet haben, liegen heute im Vorhof.

Wegen des Einsturzrisikos des Hospitals mussten sie evakuiert werden. Ebenso müssen unsere Materialien aus den gefährdeten Gebäudeteilen ausgeräumt werden und wir müssen über Alternativen für die Lagerung nachdenken.

Eine Lösung ist schnell gefunden: wir stellen die mitgebrachten Zelte auf. Ein Zelt wird als Operationsraum dienen, die anderen werden zu Nachschub- und Behandlungszelten. Selbst in unserem eingespielten Team, das sich seit einer Woche zusammen im Katastrophengebiet befindet, ist dies eine Herausforderung. Wir können es aber bewerkstelligen, unserer Teamarbeit sei Dank.

Dr. Harms und Dr. Hohlweck behandeln die kleine Patientin im Freien. Foto: humedica/Dieter Schmidt

Kaum sind wir mit allen Vorbereitungen fertig, gibt ein Team vom Technischen Hilfswerk (THW) die Entwarnung. Einige Teile des Gebäudes seien zwar einsturzgefährdet, aber nicht alle. Die sicheren Teile des Gebäudes werden daher wieder in Betrieb genommen und Materialien eingeräumt.

Die Patienten dazu zu bewegen, wieder zurück in ihre Zimmer zu gehen, gestaltet sich da sehr viel schwieriger. Sie sind so stark traumatisiert, dass sie aus lauter Angst vor einem erneuten Bebens und erneuter Einstürze Gebäude nicht mehr betreten wollen. Der Schreck sitzt bei ihnen einfach zu tief, was aber nur allzu verständlich ist, wenn man die Zerstörung sieht, die sich um sie herum ereignet hat und die ihnen teilweise ihre Häuser und ihre Familien genommen hat.

Die lang ersehnte Ankunft des dritten Teams

Sehr lange hat die Anreise für das neue Team gedauert. Fast drei Tage haben sie gebraucht, um die lange Strecke von Deutschland nach Haiti zu überwinden. Doch jetzt sind sie endlich hier. Mit vielen Materialien, Arbeitskräften und Enthusiasmus kommen sie, um unser bisheriges Team zu unterstützen.

Die kleine Sulvana kann bereits wieder lachen und singen. Foto: humedica/Dieter Schmidt

Acht Mediziner, zwei Krankenschwestern, zwei Rettungsassistenten und eine Apothekerin, unterstütz von Koordinatoren und Logistikern, sind mittags endlich bei uns angekommen! Der nächste Anlaufpunkt steht bereits fest: wir werden in einer der unterversorgten Gegenden der Stadt eine Klinik wieder in Betrieb nehmen können, von deren Hilferuf wir erfahren haben.

Wie bereits das „Krankenhaus der Hoffnung“ musste auch dieses aufgrund von Personalmangel geschlossen werden, obwohl die Hilfe dringend notwendig wäre. Bereits bei der ersten Besichtigung kamen menschen auf der Straße auf uns zu und sagten, dass es so viele Kranke hier gäbe und so viele auf Hilfe warteten.

Voller Tatendrang werden wir also dort unsere Zelte und Feldbetten für die Patienten aufstellen, den OP vorbereiten und das benötigte Material anfahren. Je früher wir anfangen können, desto besser: bei den schweren Verletzungen hier zählt jeder Tag, um ein Menschenleben zu retten, bevor die tödliche Blutvergiftung zu weit fortgeschritten ist.

Wir sind dankbar dafür, den Menschen hier helfen zu können und schicken liebe Grüße an alle in Deutschland, die unsere Arbeit hier in Haiti möglich machen und an uns denken.

Eure Simone und das humedica-Team Haiti"

humedica bittet die Bevölkerung in Deutschland auch weiterhin dringend um konkrete Unterstützung für alle geplanten Hilfsmaßnahmen in Form von Spenden auf das folgende Konto:
      humedica e. V.
      Stichwort „Erdbeben Haiti"
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

BITTE SPENDEN SIE AUCH HIER ONLINE. Vielen Dank.

Die Hilfsmaßnahmen in Haiti werden in enger Zusammenarbeit mit der Kindernothilfe (Duisburg), World Vision (Friedrichsdorf) und Bild hilft - Ein Herz für Kinder (Hamburg) umgesetzt. Unsere Bemühungen werden darüber hinaus unterstützt von der AIR BERLIN GROUP (Berlin), GAiN Germany e. V. (Gießen), Skandinavische Kindermission, hoffnungszeichen e. V. (Singen), Apotheker ohne Grenzen Deutschland e. V., Deutsches Institut für Katastrophenmedizin (Tübingen) und Apotheker helfen - Hilfswerk der Bayerischen Apotheker (München). Auch an dieser Stelle vielen Dank für jede Form der Unterstützung und die hervorragende Zusammenarbeit.

Hinweis für Medienvertreter: Das Einsatzteam in Haiti steht für Telefon- und Live-Interviews zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich bei Interesse an humedica-Pressesprecher Steffen Richter.

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