Bevölkerung und internationale Helferteams in respektvoller Erwartung des Hurrikans "Tomas"

von Ruth Bücker, 05.11.2010

Seit Tagen geistert er als Phantom auch durch unsere Medien: "Tomas". Der Hurrikan hat auf seinem Weg durch die Karibik bereits massive Schäden auf St. Lucia und anderen Inseln angerichtet. Leider gab es auch Todesopfer.

Der Sturm wird in der Nacht von Freitag auf Samstag (MEZ) auf Haiti erwartet. Ruth Bücker, unsere Koordinatorin im Land, hat sich in ihrer Umgebung nach der Befindlichkeit der Menschen kurz vor dem Eintreffen des Hurrikans erkundigt.

Aufgrund des nahenden Hurrikans "Tomas" wurden die Hilfsgüterverteilungen für die Patenschaftsfamilien vorverlegt und um Planen ergänzt. Foto: humedica/Irmgard Harms

"Junior, einer unserer humedica-Fahrer hier in Haiti, scheint nicht ganz glauben zu können, dass ich ihm diese Frage tatsächlich gestellt habe. Ich fragte ihn nach seinen Gefühlen bezüglich des nahenden Tropensturm "Tomas". Besorgt sei er eher nicht, antwortet Junior. Bereits vor Tagen habe er die Schnüre seines Zeltes fester gespannt. Mehr könne er sowieso nicht tun.

Womit er leider vollkommen richtig liegt. Mehr als seine Unterkunft zu sichern und abzuwarten, liegt nicht in seiner Macht. Das eigene Zelt wegen des drohenden Sturms ja möglichst gut beschweren und im Boden verankern, mehr ist definitiv nicht möglich.

Seit dem verheerenden Erdbeben im Januar lebt Junior in einer einfachen Zeltunterkunft in Port-au-Prince. So wie schätzungsweise mehr als eine Millionen weitere haitianische Kinder, Frauen und Männer.

Prognosen, wo und wann "Tomas" auf Haiti treffen wird, wechseln von Stunde zu Stunde. Die Unsicherheit ist groß. Lediglich bei einer Sache scheint Einigkeit (auch bei zuständigen Behörden) zu herrschen: selbst im günstigsten Fall werden die Folgen des Sturms dramatisch sein.

Den sicher auftretenden starken Niederschlägen und den heftigen Winden werden die Zeltbewohner nichts entgegensetzen können. Es wird mit Überschwemmungen gerechnet, provisorische Unterkünfte könnten dem Hurrikan nicht standhalten und weggerissen werden.

Was darüber hinaus im schlimmsten Fall eines Hurrikans der Stufe 4 geschehen würde, daran möchte noch keiner denken. Auch die humedica-Helfer nicht, die ursprünglich zur Behandlung der an Cholera erkrankten Menschen nach Haiti gekommen waren. Vorbereitungen müssen trotzdem getroffen werden.

Insbesondere in der Klinik in Drouin. Da die Klinik durch über die Ufer tretende Flüsse von Überschwemmungen bedroht ist, werden Patienten evakuiert. Medikamente und medizinisches Equipment müssen noch am heutigen Tag abtransportiert werden.

Die Patienten erhalten Nahrungspakete und für weitere Kranke wurde eine stabile Wasseranlage installiert, um ihnen den Zugang zu sauberem Wasser zu sichern.

In Port-au-Prince wird ebenfalls mit Hochdruck daran gearbeitet, "Tomas" etwas entgegen setzen zu können. Das humedica-Team hat für genügend Trinkwasser und Nahrung gesorgt. Ab Freitag früh wird der Arbeitsbetrieb eingestellt werden müssen.

Dank dieser Wasseraufbereitungsanlage verfügt die Klinik in Drouin über sauberes Trinkwasser für die Patienten. Foto: humedica/Ruth Bücker

Das "Krankenhaus der Hoffnung" wurde bereits mit ausreichend Sandsäcken gegen die Fluten ausgestattet. Patienten haben ihre Krankenzimmer in den oberen Stockwerken bezogen. Die Familien des Patenschaftsprogrammes bekommen heute noch weitere Planen und Lebensmittelrationen verteilt.

Wegen der Cholerafälle in der vergangenen Woche wurde die Nahrungsmittelverteilung nun auf drei Tage in dieser Woche verkürzt. Aufgrund des nahenden Sturms mussten die Verteilungstage nun abermals verändert werden.

Die Menschen hier befinden sich inmitten zweier Katastrophen. Und all unsere Anstrengungen wirken irgendwie surreal. Solche Szenarien kenne ich bisher aus Katastrophenfilmen, aber nicht aus meinem eigenen Leben.

Mit einem Vorrat an Lebensmitteln, Wasser und Kerzen werden wir auf "Tomas" warten müssen, um dann im schlimmsten anzunehmenden Falle schnellstmöglich reagieren und helfen zu können.

Junior wusste durch uns bereits von dem nahenden Tropensturm. Ebenso all unsere einheimischen Mitarbeiter und die Menschen, die wir in den Familienpatenschaftsprogrammen betreuen. Dies gilt jedoch längst nicht für die komplette Bevölkerung.

In Gebieten, die der Tropensturm voraussichtlich besonders stark treffen wird, fragen die Menschen unwissend, warum wir so viele Einkäufe tätigen. Warum wir uns bereits verabschieden und unsere Rückkehr erst für einen Zeitpunkt in einigen Tagen ankündigen.

Es ist erschreckend, machtlos auf eine Naturkatastrophe warten zu müssen. Noch erschreckender ist es aber, dass viele der Menschen, deren Leben bedroht ist, nicht einmal darüber informiert sind. Sie werden vom Sturm überrascht werden, haben keine Gelegenheit gehabt, sich auf das Unwetter vorzubereiten. Wie das passieren kann, ist mir ein Rätsel.

Wir sind zumindest, so gut es uns möglich ist, gewappnet gegen den Tropensturm. Das humedica-Team wird unmittelbar nach Vorüberziehen der Sturmfront wieder in die Klinik in Drouin zurückkehren. Bis dahin heißt es warten, hoffen, beten. Wie Junior sagte: „Was soll ich sonst anderes tun?“

Herzliche Grüße aus Haiti und vielen Dank für jede Form der Unterstützung.

Ihre Ruth Bücker"

Liebe Freunde und Förderer, bitte geben Sie uns mit einer gezielten Spende auch weiterhin die Chance, den Menschen in Haiti zu helfen. Vielen Dank.
      humedica e. V.
      Stichwort „Haiti Cholera"
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Sicher, schnell und direkt ist die Möglichkeit der sms-Spende: Textmitteilung mit Stichwort DOC an die 8 11 90. Von den damit gespendeten 5 Euro fließen 4,83 direkt in die humedica-Katastrophenhilfe.

Selbstverständlich halten wir Sie über die Entwicklung in Haiti auf dem Laufenden. Bitte beachten Sie in diesem Zusammenhang auch unsere Social Media-Präsenzen, twitter (hier postet Simon Oeckenpöhler direkt aus Haiti), facebook und myspace.

Kaum auf der Erde angekommen, schon lauern erste Gefahren: Das humedica-Team durfte bei der Geburt eines weiteren Babys behilflich sein. Foto: humedica/Ferdinand Hofer

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