Im Gespräch mit Dr. Irmgard Harms in Haiti: "Die Situation hat sich gebessert, ist aber noch nicht entspannt"

von Ruth Bücker, 02.11.2010

Sie wurde vom Ausbruch der Cholera in Haiti ebenso überrascht, wie viele betroffene Menschen im Land. Dr. Irmgard Harms aus Bad Hindelang sollte für humedica die Wiedereröffnung des "Hopital Espoir" in Port-au-Prince mit ihrer Erfahrung begleiten; es kam alles anders. Ruth Bücker hat mit Irmgard Harms gesprochen.

Irmgard, was war der Grund für Deine Reise nach Haiti?

Ich sollte wieder nach Haiti reisen, um die Neueröffnung des "Hopital Espoir" mit zu betreuen. Bereits im Niger konnte ich dabei behilflich sein, die humedica-Klinik aufzubauen. Und nachdem ich bereits im Ersteinsatzteam unmittelbar nach dem Erdbeben im Januar in Port-au-Prince war, bot es sich natürlich an, mich wieder hierher zu schicken.

Was sind mittlerweile Deine Aufgaben?

Am Tag meiner Ankunft kam aus der Gegend nördlich von Port-au-Prince die Meldung, dass Cholera-Fälle bekannt geworden seien. Im Laufe des Tages bestätigte sich dann der Ausbruch der Cholera in der Umgebung der Stadt St. Marc.

Meine jetzigen Aufgaben haben daher reichlich wenig mit den geplanten Tätigkeiten zu tun. Vielmehr bin ich jetzt damit beschäftigt, an Cholera erkrankte Patienten zu behandeln und im Gegensatz zu den organisatorischen Aufgaben kümmere ich mich nun mit dem humedica-Ärzteteam um die medizinische Versorgung der Menschen.

Im Gegensatz zu Deinen sonstigen Einsätzen, musstest Du nicht erst aus Deutschland in das Notgebiet reisen, sondern warst ja unmittelbar am Ort. Wie ist es Dir ergangen und wie sah deine Arbeit aus, bis weitere Ärztekollegen aus Deutschland eintrafen?

humedica-Koordinatorin Caroline und ich prüften zunächst, wo und wie sinnvolle Hilfe durch das anreisende Team geleistet werden könnte. Das heißt, zahlreiche Behördengänge für die Koordinatorin, um den Ort des Einsatzes effizient und die Situation richtig einschätzen zu können.

Dr. Irmgard Harms war bereits Mitglied des Ersteinsatzteams nach dem Erdbeben in Haiti, seit mehr als einer Woche kämpft sie gegen die Cholera im Land. Foto: humedica/Archiv Januar 2010

Wegen der langjährigen, guten Zusammenarbeit mit den verschiedenen Gesundheitsbehörden und anderen Organisationen, wie beispielsweise UNICEF, konnten wir ein kleines Krankenhaus im Zentrum des Ausbruchs der schlimmen Durchfallerkrankung betreuen.

Als einzige Medizinerin konnte ich aber leider nicht so viel ausrichten, wie ich es mir der Lage entsprechend gewünscht hätte. Zu viele Patienten, die bereits zu stark ausgetrocknet waren durch den Durchfall, kamen in die Klinik. Und ich konnte als Ärztin von humedica zwar unterstützend tätig sein, aber nicht so weit helfen, wie ich es sonst von dem Einsatz innerhalb eines Teams gewohnt bin.

Daher erschien mir die kurze Zeit, bis das erste humedica-Team in Haiti eintraf, dennoch als sehr lang und ich sehnte die Ankunft regelrecht herbei. Mittlerweile sind wir sehr gut aufgestellt.

Was erwartete das medizinische Team nach der Ankunft im Choleragebiet?

Wir mussten die Klinik zunächst nach unseren Vorstellungen herrichten, also säubern und verschiedene Behandlungs- und Liegezimmer einrichten, so dass die Patienten mit Cholera von den anderen getrennt wurden.

Zu Beginn der ansteigenden Krankheitsfälle durchliefen bis zu 400 Patienten pro Tag die Klinik. Inzwischen werden es glücklicherweise bereits viel weniger Menschen am Tag, die bei uns Hilfe suchen. Ich sehe dies als ein sehr gutes Zeichen an, wobei man auch nichts übereilen darf und noch abwarten muss, bevor man Entwarnung gibt.

Insbesondere wenn wieder starker Regen über Drouin niederprasseln sollte, könnte der Fluss Artibonite wieder die Häuser und Latrinen und die provisorischen Trinkwasseranlagen überschwemmen. Ich freue mich über die momentane Verbesserung, kann aber noch nicht völlig entspannen.

Was könnt ihr für die Patienten tun?

Bei Cholera handelt es sich um eine schwere Durchfallerkrankung, bei der Bakterien im Darm zu extremen Wasserverlust durch Erbrechen und Ausscheiden führen. Insbesondere bei Kindern und bereits geschwächten Menschen kann dieser starke Flüssigkeitsentzug den Tod zur Folge haben. Daher isolieren wir die Patienten mit Verdacht auf Cholera zunächst von den anderen und fügen ihnen dann schnellstmöglich Flüssigkeit zu.

In schlimmen Fällen geschieht dies über eine Infusion; bei den Patienten, die sich nicht erbrechen müssen, versuchen wir eine möglichst große Flüssigkeitsmenge oral in die ausgetrockneten Körper zu bekommen. Versetzt mit Elektrolyten helfen wir dem dehydrierten Körper dadurch wieder zu einem normalen Flüssigkeitshaushalt.

Darüber hinaus konnten wir Hygieneartikel, Chlortabletten und besondere Nahrung an unsere Patienten verteilen.

Gab es traurige Momente in den vergangenen Tagen?

An zweiter Stelle steht sicherlich das Gefühl, auf das Team aus Deutschland zu warten und nicht so viel tun zu können, wie ich das sonst gewohnt bin.

Am schlimmsten allerdings war, dass wir nicht alle Menschen retten konnten. Wenn wir trotz intensiver ärztlicher Bemühung einem Patienten nicht mehr helfen konnten, erleben zu müssen, wie manche der Patienten starben.

Und welche Situation konnte euch als Team aufbauen, motivieren?

An einem der ersten Tage kam ein alter Mann mit seinem Enkel. Der Junge hing auf seinem Arm und schien dem Tod näher, als dem Leben. Der Junge war nicht mehr ansprechbar und völlig ausgetrocknet. Wir legten Infusionen und zwei Tage später, als ich morgens in die Klinik kam, saß der kleine Patient lachend im Bett, wollte essen und trinken.

Der Großvater berichtete uns, dass die Familie sehr glücklich sei und die Mutter bald ein weiteres Kind zur Welt bringen würde.

Abschließend noch eine andere Frage: Du warst bereits im Ersteinsatzteam im Januar in Haiti. Wie erlebst du die Veränderungen in den vergangenen neun Monaten und bewertest die heutige Situation in Haiti, abgesehen von dem Cholerausbruch?

Es gab irgendwann in dieser Zeit mal eine Überschrift in einem deutschen Magazin, die lautete: „Haiti – ein Land stirbt“. Ich denke, realistischerweise müsste es heißen: „Haiti – ein Land leidet“. Ich persönlich sehe so viele Zeichen der Hoffnung, wie beispielsweise die Versorgung mit Prothesen, die Aufräumarbeiten, der Wiederaufbau von Häusern macht gute Fortschritte, auch der Straßenbau.

Das Wichtigste aber scheint mir, dass die haitianische Bevölkerung nicht aufgibt. Das ist ein wichtiger Schritt, der den Weg in die Zukunft weist.

Liebe Irmgard, vielen Dank für Dein Engagement und für die Zeit, die Du Dir genommen hast. Alles Gute Dir und dem Team.

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