Marilins steiniger Weg der Besserung

von Simone Hartel/RBU, 14.03.2010

Simone Hartel studiert Medizin in Marburg und ist seit dem 9. Februar für humedica in Haiti im Einsatz. Tatkräftig und mit großem Engagement unterstützt sie die Ärzte im Krankenhaus der Hoffnung, wechselt Verbände, untersucht die Patienten und ist für sie ein Zuhörer, wenn diese über ihre Erlebnisse sprechen möchten. Marilins Weg der Genesung schildert Simone in folgendem Bericht.

„Da Marilins Achillessehne gerissen ist, ihr Unterschenkel fast komplett mit abgestorbenem Gewebe bedeckt und die Verletzungen daher zu schwerwiegend waren, haben wir den Entschluss gefasst sie in ein anderes Krankenhaus zu verlegen. Sie hat nur sehr ungern zugestimmt. Sie wollte nicht weg von uns.

Gemeinsam mit humedica-Koordinator Simon habe ich sie dann mit einer Matratze auf der Ladefläche unseres Wagens in ein anderes Krankenhaus gefahren, wo sie auch sofort untersucht wurde. Wir hatten somit unser Möglichstes für Marilins Besserung getan, das dachten wir zumindest. Nur schweren Herzens und unter Tränen hat Marilin mich gehen lassen.

Für Marilins Krankentransport diente eine Matratze auf der Ladefläche. Foto: humedica/Simon Gelzenleuchter

Wie wir später erfuhren, ist am darauf folgenden Tag das Team der plastischen Chirurgen abgereist und es gab Schwierigkeiten bei der Suche eines Folge-Teams. Als Marilin dies erfuhr, ist sie – wahrscheinlich mit Hilfe ihrer Schwester und eines Freundes – aus dem Krankenhaus abgehauen.

Sie kann nicht laufen, kaum sitzen und ist immer noch schwer krank, aber trotzdem hat sie es irgendwie in eines der überfüllten Taxis geschafft und ist durch die halbe Stadt zu uns ins Espoir zurück gefahren. Die Chefärztin des anderen Krankenhauses hat mir später erzählt, dass Marilin überall gesucht wurde.

Als ich also morgens ins Behandlungszelt kam, lag sie wieder auf ihrem gewohnten Platz. Wir waren alle fassungslos wie sie das wohl geschafft hat. Ein Arzt aus dem anderen Krankenhaus hat im Gespräch mit uns auch gesagt, dass er nur zwei unserer Patienten mit uns zusammen gesehen hat, aber was ihn beeindruckt hat, ist mit welcher Zuneigung unsere Patienten an uns hängen – und umgekehrt wir an ihnen auch.

Wir sorgten uns lange Zeit wegen ihres Fußes, und der mögliche Verlust hat Marilin auch sehr erschreckt. Als die innere Anspannung für sie zu belastend wurde, brach sie vor mir unter Tränen zusammen. Und da habe ich auch verstanden, warum sie vorher nie weinte: ihre Angehörigen lassen sie nicht weinen, denn Weinen ist verpönt.

Mit einem Tap-Tap, dem haitianischen Taxi, kehrte Marilin eigenmächtig ins Espoir zurück. Foto:

Zu diesem Zeitpunkt war glücklicherweise keiner ihren Angehörigen bei uns. Sonst hätte sie Trauer, Angst und Verzweiflung der letzten Wochen wahrscheinlich abermals runtergeschluckt und die tapfere junge Frau gemimt. Aber so konnte sie viele der angestauten Emotionen endlich einmal herauslassen.

Nach ein paar Tagen hatte ich ein anderes Team ausfindig gemacht, das Marilin nun operieren wird. Sie musste mir versprechen, nicht wieder auf eigene Faust das andere Krankenhaus zu verlassen. Und ich versprach ihr, sie für die Nachbehandlung wieder ins Espoir zu holen.

Jetzt warten wir auf das Ergebnis der ersten Operation und darauf, dass das Gefühl endgültig in ihren Fuß zurückkehrt und sie ihn hoffentlich wieder benutzen kann. Ich bin sehr gespannt, denn sie ist mir sehr ans Herz gewachsen. Die junge Marilin mit den Narben und dem Strahlen, dem großen Mut und dem schweren seelischen Trauma."

Menschen wie Marilin helfen zu können ist nur aufgrund der bisher eingegangenen Spenden möglich. Unterstützen Sie unsere Arbeit in Haiti auch zukünftig mit einer konkreten Spende.

         humedica e.V.
         Spendenstichwort "Erdbeben Haiti"
         Konto 47 47
         BLZ 734 500 00
         Sparkasse Kaufbeuren

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