Das Leben jenseits der Trümmer wahrnehmen

von Anne C. Schmitt, 07.06.2010

Über 140 Einsatzkräfte entsandte humedica seit Januar nach Haiti, um den Opfern des Erdbebens medizinische Versorgung zukommen zu lassen. Eine der momentan behandelnden humedica-Einsatzkräfte ist die Oldenburger Ärztin, Anne C. Schmitt. Über ihre ersten Eindrücke und die Notwendigkeit des Umdenkens schreibt sie in ihrem Bericht.

Ärztin Anne Schmitt gemeinsam mit lokalen Krankenschwestern auf dem Weg in umliegende Dörfer. Foto: humedica/Anne Schmitt

„Seit gut einer Woche bin ich erst in Haiti, aber es kommt mir schon wesentlich länger vor! Ich habe mich schnell an die Bedingungen gewöhnt, unter denen wir leben – das Schlafen in Zelten, Dixie-Toiletten, Vogelspinnen, zum Essen Bohnen und Reis. Auch an die Umgebung, die gekennzeichnet ist von Armut, eingestürzten Häusern und Schmutz.

Und auch an die Menschen, die im Großen und Ganzen gut zurechtzukommen scheinen. Ihr Leben baut sich um die Trümmer herum wieder auf und ich habe bereits in der kurzen Zeit viele nette und fröhliche Menschen getroffen. Leider auch viele schwere Schicksale, aber vielleicht berichte ich lieber von Anfang an.

Wir sind nach einer langen Reise am letzten Maitag in einem heißen und lauten Land angekommen, und die erste Fahrt zu der humedica-Unterkunft war, davon gehe ich zumindest aus, für jeden von uns ein gewisser Kulturschock, egal was man vorher schon gesehen und erlebt hat.

Aber ich habe schnell angefangen, auch das Leben wahrzunehmen, welches neben den Trümmern wieder aufersteht: das große Haus in dem einst ein Frisörladen war, mag zwar eingestürzt sein, aber vor den Trümmern steht jetzt ein kleines Zelt, in dem die Leute zusammensitzen und Haare und Bärte gestutzt bekommen. Ebenso die Verkaufstätigkeiten, die nun in erster Linie auf der Strasse getätigt werden.

Ich arbeite in Leogane, eine Stadt die nur sieben Kilometer vom Epizentrum des Erbebens entfernt liegt und sehr schwer getroffen wurde. Das humedica-Team lebt auf einem Art Campingplatz gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen. In Kooperation mit der Johanniter-Unfall-Hilfe und einer weiteren Hilfsorganisation betreiben wir hier mobile Kliniken.

Ein provisorisch vor Sonne und Regen geschützter Wartebereich für die Patienten. Foto: humedica/Anne Schmitt

Wir fahren jeden Morgen in verschiedene Dörfer oder auch in die neu entstandenen Zeltstädte und halten dort unsere Sprechstunde ab. Unser „Praxisraum“ besteht meist aus einem Tisch, auf dem die Apotheke mit allen Medikamenten aufgebaut wird, einem Stuhl für mich und aus einem weiteren für den Patienten.

Ich arbeite mit einer oder zwei einheimischen Krankenschwestern und meinem Übersetzer zusammen. Der Dolmetscher ist sehr wichtig, da die Menschen in den Dörfern meist ausschließlich Kreol sprechen.

Die Patientenzahl variiert und ist wetterabhängig, da wir noch nicht in allen Orten überdachte Plätze haben. Wenn es zu regnen anfängt, müssen wir die Behandlungen leider abbrechen, da der Regen in Haiti echt tropische Regenschauer bedeutet, die einen binnen kürzester Zeit bis auf die Haut durchnässen. Aber wir arbeiten stetig daran, diese Bedingungen zu verbessern.

Durchschnittlich untersuchen wir 100 bis 150 Patienten pro Tag mit den unterschiedlichsten Erkrankungen. Kinder mit Würmerbefall sind sehr häufig, die zum Teil erhebliche Mangelernährung aufweisen, was besonders ausgeprägt in den Zeltstädten auftritt, da die dort untergekommenen Menschen alles verloren haben, oft eben auch das kleine Fleckchen Erde, auf dem sie noch etwas anbauen konnten.

Es kommen immer wieder auch Menschen, die seit dem Erdbeben Verletzungen haben, diese aber bisher nicht behandeln lassen konnten. Viele Symptome wie beispielsweise zunächst ungeklärte Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit oder unspezifische Schmerzen, die seit dem Beben bestehen, fallen ebenso in den Bereich des posttraumatischen Stress Syndroms wie die Angst vieler Menschen vor geschlossenen Gebäuden.

Um auch Personen mit solchen Problemen auffangen zu können, kooperieren wir mit einem psychosozialen Projekt. Eine weitere Auffälligkeit des Schocks ist auch die Tatsache, dass viele der Einheimischen das Wort Erdbeben kaum in den Mund nehmen. Stattdessen sprechen sie entweder vom 12. Januar oder von dem Ereignis.

Von Oldenburg nach Haiti: für vier Wochen arbeitet die Ärztin ehrenamltich für humedica in Haiti. Foto: humedica/Anne Schmitt

Allgemein musste ich mich schon sehr umstellen. Man muss sehr flexibel bleiben und sich anpassen können, täglich mit neuen Gegebenheiten klarkommen. Aber es gibt einige Dinge, die dies mehr als ausgleichen: das Lachen der Kinder bei meinen ersten Kreol-Versuchen beispielsweise, oder die Zusammenarbeit mit den Einheimischen, die bleiben und die Arbeit von humedica und anderer Hilfsorganisationen fortsetzen werden.

Ich sende liebe Grüße in die Heimat und bedanke mich bei Ihnen, liebe Freunde und Förderer von humedica, für Ihr anhaltendes Interesse an der Arbeit, die in Haiti geleistet werden kann.

Herzliche Grüße,
Ihre Anne Schmitt"

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      Stichwort "Erdbeben Haiti"
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
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