Wenn Freude und Trauer so nahe beieinander liegen

von Ruth Bücker, 11.11.2010

Manche Erlebnisse und Situationen im Leben enden in einem einzigartigen Glückszustand. Andere wiederum lassen uns in einem Zustand zurück, in dem wir in Sorge und Trauer sind. Immer wieder im Leben gibt es Ereignisse, die uns gezwungenermaßen über das Glück des Lebens und die Trauer des Todes nachdenken lassen. Gestern war einer der Tage, an denen all dies auf einmal eingetreten ist.

Wie bereits vergangene Woche, war Koordinatorin Caroline Klein erneut mit zwei Medizinern mit Booten von MINUSTAH in das Dorf Grand Saline gefahren. Aufgrund starker Regenfälle der vergangenen Zeit ist die kleine Gemeinde komplett von den umliegenden Regionen abgeschnitten.

Durch die starken Regenfälle der vergangenen Zeit sind ganze Regionen in Haiti überschwemmt. Foto: humedica/Ruth Bücker

Neben einer von den Blauhelmen organisierten Nahrungsmittel- und Wasserverteilung, erhielten die Bewohner von Dr. Rashid Al Badi und Norman Hecker medizinische Versorgung. Und einem kleinen Mädchen wurde auf die Welt geholfen.

Die werdende Mutter lag bereits mehrere Stunden in den Wehen, als wir in Grand Saline ankamen. Schnell wurde klar, warum die Geburt nicht weiterging: das Baby lag im Bauch der Mutter verkehrt herum. Anstatt des Kopfes, konnte Dr. Rashid Al Badi lediglich den Hintern erfühlen. Ein Kaiserschnitt wie in Deutschland und auch der Transport in eine Klinik war unter den gegebenen Umständen nicht möglich.

Aber die Geschichte nahm ein glückliches Ende und Caroline und ich sind nun Paten der kleinen Christina. Es war ein wunderbares Gefühl, dabei sein zu dürfen in dem Moment, in dem das kleine Mädchen das Licht der Welt erblickte. Und noch unbeschreiblicher war für mich als Nicht-Medizinerin das Erlebnis, die Nabelschnur abklemmen zu dürfen. Mittendrin statt nur dabei zu sein.

Dr. Rashid Al Badi, Arzt im humedica-Team in Haiti, mit der Mutter und dem neugeborenen Kind. Die Freude über die geglückte Geburt war groß. Foto: humedica/Ruth Bücker

Ich war glücklich. Wie sich Dr. Rashid fühlte, konnte man seinem Gesicht ablesen. Und alle Nachbarn, die sich in der kleinen Hütte eingefunden hatten, lachten und applaudierten. Leider wurde diese Zeit des Sich-Freuens abrupt unterbrochen. Eine Dorfbewohnerin kam herein und sagte, die Mediziner würden draußen dringend gebraucht.

Ein kleiner Junge war von seinem Vater zu dem Haus gebracht worden, von dem er wusste, dass sich unsere Ärzte darin befinden und gerade die Geburt begleitet hatten. Es bot sich uns ein Bild, dass schlagartig wieder das Leiden der Menschen hier in den Vordergrund rückte.

Der kleine Junge lag schlaff im Arm des Vaters. Sein Köpfchen, das viel zu groß für seinen ausgemergelten Körper schien, konnte er mit eigenen Kräften nicht mehr halten und er hing über dem Arm des Vaters. Schwer unterernährt und dehydriert sei er, diagnostizierten die humedica-Ärzte.

So glücklich und unbekümmert ich mich wenige Augenblicke zuvor noch gefühlt hatte, so schnell war dieser Zustand auch schon wieder vorbei. Der kleine Junge hatte aufgrund seines ausgetrockneten Körpers sehr schlechte Venen, die für die lebensnotwendige Infusion hätten angestochen werden können. Weder an den Füßen noch in seinen Armbeugen konnte eins der Blutgefäße getroffen werden.

Sein Körper wurde immer schwächer, die Lebenskräfte verließen ihn zunehmend. Der Kopf fiel ihm immer wieder nach hinten, seine Augen waren nur noch halb geöffnet. Als die Mediziner endlich eine Vene gefunden hatten und die Flüssigkeit in den kleinen Körper tröpfelte, war es bereits beinahe zu spät gewesen für das junge Leben.

Glück inmitten der weitverbreiteten Not: Die kleine Christina erblickte durch den Einsatz des humedica-Teams gesund das Licht der Welt. Foto: humedica/Ruth Bücker

Ich würde gerne sagen, dass auch diese Geschichte glücklich endete. Aber das kann ich nicht, denn ich weiß es nicht. Das Team war bereits zwei Stunden länger in dem Dorf, als vorgesehen. Unsere Begleiter der MINUSTAH baten uns darum, aus Sicherheitsgründen schnellstmöglich Drouin verlassen und die einstündige Rückfahrt antreten zu können. Bald würde die Dunkelheit hereinbrechen.

Uns blieb nichts anderes übrig, als einer einheimischen Krankenschwester weiter benötigte Infusionen zu überlassen und sie darum zu bitten, sich über Nacht um den Jungen zu kümmern. Ich würde gerne sagen, dass der kleine Junge überlebt hat. Aber leider weiß ich es nicht.

Wir haben alles getan, was möglich ist. Aber trotzdem kreisen meine Gedanken darum, dass dies für den Jungen unter Umständen nicht genug gewesen ist. Ohne die Anwesenheit des humedica-Teams hätte er an diesem Nachmittag sicher sein Leben verloren. Diese Alternative, die keine ist, und das Erlebnis der Geburt der kleinen Christina sind die Dinge, die zumindest ein klein wenig die nagenden Gedanken übertünchen.

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