Der Tag an dem die Welle kam

von Judith Kühl, 19.08.2010

Sie begleitet einen physisch wie psychisch herausfordernden Einsatz bereits seit mehr als zehn Tagen. Judith Kühl erlebt individuelles und kollektives Leid in Pakistan und manchmal gibt es schlicht keine Worte für unbegreifliche Schicksale. Von einem solchen berichtet sie heute in ihren "Gedanken aus Pakistan".

Schlimmer als ein Alptraum. Als die Flut in der Nacht ihr Dorf „Sulai Kamar“ (bei Charsadda) erreicht, bleibt Rose wie angewurzelt in ihrem Schlafzimmer stehen. Während die Nachbarn bereits panisch auf die Dächer klettern, um sich vor dem reißenden Wasserstrom zu fliehen, der sich mit zerstörerischer Kraft durch ihr Dorf bewegt, sieht Rose schweigsam ihren Mann Sultan an.

Wieder einmal trifft die Katastrophe primär Kinder. Existenziell! Foto: humedica/Simon Gelzenleuchter

Er liegt wie immer in seinem Bett; Tag und Nacht, seit er einseitig gelähmt ist. Er kann nicht laufen, erst recht nicht vor dem Wasser fliehen. Rose blickt hilflos umher, dann zu ihren zwei Söhnen. Was soll ich tun, denkt sie verzweifelt. Das Wasser steigt immer höher. Unmöglich kann sie mit ihrem Mann und den Kindern schnell genug fliehen.

Sultan ist wach. Er blickt seiner Frau ruhig in die Augen und befielt ihr, mit den Söhnen schnell auf das Dach der Moschee zu klettern. Dort ist der höchste und damit sicherste Ort in ihrer Nähe. Rose ahnt, was ihr Mann von ihr verlangt. Sie soll ihn zurücklassen und an das Leben der Kinder denken.

Ein herzzerreissender Befehl und zugleich der letzte Wille ihres Mannes. Das Wasser steigt höher, immer noch bleibt Rose bewegungslos stehen. Ihr Körper fühlt sich taub an, unfähig zu handeln. Ihr Mann wird lauter: „Lasst mich hier! Rettet Euch! Schnell!“

Ein letztes Mal schaut Rose Sultan in die Augen, dann nimmt sie ihre Jungen an die Hand. Sie rennt schluchzend aus dem Haus und klettert auf das Dach der Moschee. In Roses Kopf schwirren Gedanken, ohne dass sie einen klar fassen kann. Hat sie ihren Mann im Stich gelassen? Sie greift die Hände ihrer Söhne fester, denkt nur an sie, dass beide überleben.

Auf dem Dach der Moschee sind sie sicher. Unter ihnen macht sich das Wasser breit und bedeckt schließlich Autos und viele Häuser. Der Strom reißt jeglichen Besitz der Menschen erbarmungslos mit sich.

Rose kann nicht fassen, was sie sieht. Doch der Alptraum ist nicht vorbei. Nach kurzer Zeit sieht sie Sultan auf seinem Bett liegend, sich mit letzter Kraft an dem Gestell haltend, mit dem Wasserstrom forttreiben. Sie sieht ihn zum letzten Mal. Ein grauenhaftes Bild. Sie will, doch sie kann nichts mehr tun. Er ertrinkt in den Fluten.

Rose mit einem ihrer Söhne: Kein Einzelschicksal. Foto: humedica/Simon Gelzenleuchter

Ihre Augen spiegeln die Trauer in ihrem Herzen wieder. Wieder muss sie sich die Frage stellen, was sie tun soll? Obwohl das Wasser zurückgegangen ist, ist ihr Dorf unbewohnbar, ihr Haus zerstört und aller Besitz verloren. Wie kommt die Familie mit dem Verlust des Vaters zurecht? Viele Fragen. Keine Antworten.

Für die nächsten Wochen kann Rose mit den Kindern in einer Schule im nächsten Dorf übernachten. Ein Mal am Tag bekommen sie dort Essen. Trinkwasser gibt es auch. Doch es geht der Familie nicht gut. Neben dem äußeren Leid, plagt sie vor allem die Trauer um ihren Mann, den Vater ihrer Kinder.

Unser Koordinator Simon Gelzenleuchter traf Rose in unserer mobilen Klinik, die sich auf dem Schulgelände befindet. Sie kam mit ihren Kindern in Behandlung. Von Herzen hoffen wir, dass es Rose und den Jungen nicht nur gesundheitlich besser gehen wird, sondern dass sie ihren Weg in einer unklaren Zukunft finden und dass sie ebenso genug Kraft haben, den Schmerz zu überstehen.

Liebe Freunde und Förderer unserer Arbeit: Mit Tränen in den Augen stehen unsere Einsatzkräfte vor solch traurigen Schicksalen. Sie können an diesem Leid nichts ändern, und dennoch gibt es täglich unzählige Möglichkeiten, konkret und nachhaltig zu helfen. Bitte unterstützen Sie diese wertvolle Arbeit unseres medizinischen Teams im Flutgebiet.

Schicken Sie eine sms an die 8 11 90 mit dem Stichwort DOC und unterstützen uns mit 5 Euro, von denen 4,83 Euro in die Projektarbeit fließen. Spenden Sie über unser Onlineformular für die Flutopfer in Pakistan oder wählen die traditionelle Form der Überweisung auf folgendes Konto:
      humedica e.V.
      Stichwort „Fluthilfe Pakistan
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

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