Der erschreckende Zustand der Kinder in Sukkur

von Saskia Hankel, 05.10.2010

Saskia Hankel ist examinierte Kinderkrankenschwester und studiert in Bochum Medizin. Bereits mehrfach war die engagierte junge Helferin mit humedica im Einsatz. Aktuell befindet sie sich mit dem fünften medizinischen Team in Pakistan, um den Menschen dort zu helfen. Trotz ihrer Erfahrungen in Krisengebieten, ist Saskia von der Lage in Sukkur sehr erschreckt, wie sie in ihren Gedanken aus Pakistan berichtet.

„Was mich an meinem ersten Tag mit der mobilen Klinik in Sukkur erwartete, war schlimmer als ich es mir vorgestellt hatte. Aus meinen früheren Einsätzen wie beispielsweise in Somalia, Indien oder Haiti, sind mir Kinder in schlechter Verfassung nicht unbekannt. Aber was ich hier bisher sehen musste, übertrifft dies um einiges.

Mit unserem Team von humedica bestehend aus zwei Ärzten, einer Rettungsassistentin, mir als Kinderkrankenschwester und vielen engagierten lokalen Helfern der Kindernothilfe und des Riverside Slum Children Projects fuhren wir in eine Gegend, in der sich Flüchtlinge der Flutkatastrophe angesiedelt haben.

Tausenden Kindern in Pakistan droht nach der Flutkatastrophe neues Leid durch Unterernährung. Foto: humedica/Raphael Müller

Rasch wurden Behandlungsplätze und ein Bett für Untersuchungen aufgebaut und die Apotheke organisiert. Einige Patienten warteten bereits auf uns.

Viele der Kinder, die wir behandelten, hatten große Eiterabszesse, verteilt am ganzen Körper, die geöffnet werden mussten. Traumatisch für die Kinder und unter diesen Bedingungen auch nicht ganz einfach für uns. Unser Koordinator Simon, der in Deutschland Rettungsassistent ist, übernahm diese schwierige Aufgabe.

Was mich besonders erschreckte, war der Ernährungszustand der Kinder: dünne Ärmchen und Beine, die Haut in Falten, das Gesicht eingefallen und der Kopf überdimensional groß erscheinend. Viele waren bereits moderat unterernährt, einige so schwer, dass wir sie in diesem Zustand nicht wieder gehen lassen wollten und konnten.

Schlaff hingen sie im Arm ihrer ebenfalls ausgemergelt erscheinenden Mütter. Kein Weinen, kein Schreien, allerhöchstens ein Wimmern.

Wir erklärten den Müttern, dass wir sie und ihre Kinder in das Ernährungszentrum für schwer unterernährte Kinder von „Ärzte ohne Grenzen“ bringen würden. Die Frauen schienen offensichtlich mit der Situation überfordert, wollten nicht selber entscheiden und gehen. Stattdessen zogen sie es vor, auf ihre Männer zu warten bis diese abends von der Arbeit nach Hause kamen.

So kehrten wir in der Dunkelheit zurück, um mit den Männern zu sprechen. Was wir im Lichtkegel unserer Taschenlampen erblickten, verursachte mir einen Kloß im Hals. Überall lagen Menschen auf Matten auf dem Boden, kein Dach über dem Kopf, Kinder schutzlos schlafend im Staub. Ihr weniges Hab und Gut in kleinen Haufen zwischen sich liegend.

Der kleine Fasil

Zwei Kinder konnten wir nach einiger Überzeugungsarbeit in ein Ernährungszentrum für schwer unterernährte Kinder bringen. Eines davon ist der kleine Fasil: er ist zehn Monate alt und nur 3200 Gramm schwer. In Deutschland entspricht das einem eher niedrigen Geburtsgewicht.

Mit seinen zehn Monaten wiegt der kleine Fasil gerade einmal so viel, wie ein leichtgewichtiges Neugeborenes in Deutschland. Foto: humedica/Simon Gelzenleuchter

Bei Fasil wissen wir nun, dass er in guten Händen ist und er so eine reale Chance hat, gesund zu werden und zu überleben. Seine Mutter, die sich zuvor recht gesträubt hatte mit uns zu kommen, verabschiedete uns mit einem Lächeln im Gesicht und schien sichtlich erleichtert.

Ich würde gerne mehr für diese Kindern tun und habe das Gefühl, dass die Spezialnahrung zwar sehr hilfreich ist, mir jedoch wie ein Tropfen auf dem heißen Stein erscheint, wenn die Familien nicht regelmäßig etwas zu essen bekommen.

Wir sahen aber auch viele moderat unterernährte Kinder, die knapp an der Grenze zur schweren Unterernährung lagen, die wir mit hochkalorischer Spezialnahrung zurück zu ihren Familien gehen lassen mussten, mit einem Gefühl der Hilflosigkeit, weil die Kinder zwar in einem schlechten Zustand sind, aber noch nicht schlecht genug um stationär aufgenommen zu werden.

Offizielle Zahlen bestätigen derweil unsere Eindrücke. UN-Untersuchungen ergaben, dass 27 Prozent der Kinder moderat, 9 Prozent schwer unterernährt sind. In einigen Flüchtlingscamps ist die Situation sogar noch dramatischer: dort war von 500 Kindern jedes zweite Kind moderat unterernährt.“

Liebe Freunde und Förderer von humedica, „Nach der Flut kommt der Hunger“ lautete ein kürzlich veröffentlichter Bericht der ZEIT Online. Die Berichte unserer Einsatzkräfte aus Pakistan bestätigen dies und alarmieren.

Bitte helfen Sie uns weiterhin bei der medizinischen Versorgung der Flutopfer in Pakistan, die zunehmend auch die Behandlung unterernährter Kinder umfasst. Senden Sie dafür eine sms mit dem Stichwort DOC an die 8 11 90, spenden über unser Online-Formular für die pakistanische Bevölkerung oder auf dem traditionellen Weg der Banküberweisung:

      humedica e.V.
      Stichwort „Fluthilfe Pakistan
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Vielen Dank.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung. Foto: humedica/Simon Gelzenleuchter

Ihr Browser ist veraltet!

Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser, um diese Website korrekt darzustellen.

Den Browser jetzt aktualisieren×