ERDBEBEN IN HAITI: Aktueller Situationsbericht unserer Koordinatorin Simone Winneg

von Simone Winneg/SRI, 19.01.2010

Sie ist neben dem Koordinatoren Dieter Schmidt (Nesselwang) die zweite Koordinationskraft, die humedica mit den beiden Ärzteteams in den Einsatz nach Haiti geschickt hat: Der aktuelle Bericht von Simone Winneg (Kaufbeuren) ist vor wenigen Minuten eingetroffen: "Die Eindrücke der letzten zwei bis drei Tage waren so überwältigend, einerseits so schlimm, andererseits aber so ermutigend."

Helfen unter schwierigen Bedingungen: Das humedica-Team arbeitet hart, um möglichst vielen Menschen helfen zu können. Foto: humedica/Jens Großmann

Die Zerstörung hier in Port-au-Prince ist erschreckend: ganze Straßenzüge exisitieren im westlichen Teil der Stadt nicht mehr, Hochhäuser, Hotels und Supermärkte sind zusammengefallen wie Kartenhäuser. Unsere Arbeit im Krankenhaus „Espoir“ (dt: Hoffnung) ist seit Tagen in vollem Gange. Das humedica-Ärzteteam leistet hier wirklich Außerordentliches.

Selten bei Einsätzen habe ich einen derart guten Teamgeist, Durchhaltevermögen und Engagement bei einem Team gesehen, wie in diesem. Einen richtigen kleinen Krankenhausbetrieb haben wir hier aufgenommen: mit stationären Patienten, mit Visite und mit Operationen.

Dabei haben wir auch wirklich ein sehr großes Glück mit unserem Einsatzort: das Krankenhaus „Espoir“ ist eigentlich eine Privatklinik und musste aber schon am Mittwoch seine Tore schließen. Die Direktorin berichtete uns, dass sie mit dem vorhandenen Personal drei Tage lang durchgearbeitet hatte und dann, aufgrund von Mangel an Personal und vor allem von Mitteln, keine Patienten mehr aufnehmen konnten.

Unser Team war zur rechten Zeit am rechten Ort: Mit unserem Medi-kit waren wir bestens ausgestattet, die angekommenen Überlebenden zu verarzten. Nahezu alle unsere Patienten sind Verletzungen und Brüche. Zum Teil so schwere Verletzungen, dass Körperteile bereits vollständig abgestorben sind und per Operation abgenommen werden müssen. Bereits zwei Amputationen mussten wir durchführen, einmal am rechten Unterarm und einmal am linken Oberarm.

Improvisieren ist angesagt: Wir haben keine Knochensäge und auch keine normale Narkose, sondern nur Ketanest und ein größeres Taschenmesser. Aber schwierige Situationen erfordern nun mal mitunter auch Improvisation und entsprechend unorthodoxe Mittel. Die Operation war für die Frauen überlebenswichtig. Ihre Arme beziehungsweise Hände waren durch einen schweren Aufprall bereits abgestorben und infiziert; das Risiko einer Blutvergiftung sehr groß.

Leider mussten die Ärzte auch bereits Amputationen vornehmen; die Verletzungen waren einfach zu gravierend. Foto: humedica/Jens Großmann

Unsere Patienten brauchen viel Zeit für Ihre Behandlung: mit einfachsten Mitteln bastelt und erarbeitet das medizinische Team Extensions-Anlagen, gipst und verbindet. Da sind 15 bis 30 Minuten pro Patient keine Einzelheit, bei Operationen und schwierigen Fällen natürlich auch schon mal länger! Jede Wunde, die nun, fast eine Woche nach dem Beben zu uns kommt, ist verschmutzt, nur notdürftig verbunden oder sogar mit Kuhdung bedeckt.

Aber schon nach drei Tagen stoßen wir an unsere Grenzen: im Krankenhaus sind nicht genügend Betten, nicht genügend Matratzen, um alle Leute unterzubringen. Wieder ist improvisieren angesagt: Alle Räume werden geräumt, Matratzen aus allen möglichen Räumen heraus gesucht und trotzdem müssen viele Patienten leider mit dem Boden Vorlieb nehmen, weil einfach kein Platz mehr da ist, aber die Fälle reißen nicht ab.

Aber leider reißt auch unser Nachschub irgendwann ab: Die Verbandsmaterialien waren zwar genug für die ersten paar Tage, aber auch wir sehen: Nahtmaterial, Gips, Verbandswolle und Infusionen sind ungewöhnlich schnell weg, weil die Verletzungen auch ungewöhnlich schwer sind.

Und immer wieder erreichen uns Anfragen nach Material von zahlreichen Organisationen und auch Krankenhäusern: Das Projekt unserer Partnerorganisation Kindernothilfe e. V., die im Herzen von Port-au-Prince mit der Heilarmee eine Schule betreibt, führt uns erneut die Schwierigkeit der Lage vor Augen: eine Ärztin behandelt hier 58, teilweise schwer Verletzte unter freiem Himmel und am Nebentisch kommt ein Kind zur Welt.

Die Krankenschwestern schneiden Unterhemden klein und benutzen sie als Kompressen, weil das Verbandsmaterial zu Ende gegangen ist. Hinter der Schule tut sich ein weiterer Abgrund auf, der das Ausmaß des Leides noch mehr zum Ausdruck bringt. Auf dem ehemaligen Fußballplatz ist eine Zeltstadt entstanden, etwa 1000 Menschen haben dort ihr weniges Hab und Gut unter vier Holzpfosten und einem Laken gesammelt und leben nun auf engstem Raum, ohne Essen und Trinkwasser, ohne Wasser- und Abwasserversorgung, ohne Strom, vor allem aber ohne Zuhause.

Nahezu minütlich werden neue Patienten ins Krankenhaus "Espoir" transportiert. Foto: humedica/Jens Großmann

Leider sind das die idealen Bedingungen für den schnellen Ausbruch von Seuchen und Krankheiten: Gefahr durch verschmutztes Wasser, unzureichende Hygiene, die schweren Verletzungen und ein durch Mangelernährung geschwächter Allgemeinzustand. Wir können nur hoffen, dass wir dann vorbereitet sind oder vielleicht sogar Vorbeugen können.

Bereits morgen werden wir ein neues Team willkommen heißen können, das mit viel Material hier nach Port au Prince kommen wird, um der allzu hilfsbedürftigen Bevölkerung weiterhin so helfen zu können, wie wir es bisher konnten.

Die erste Not der Betroffenen kann so gelindert werden – wie es dann aber weitergeht, in der halb verfallenen Stadt, in der viele Häuser zwar noch stehen, aber nie wieder bewohnbar sein werden, steht in den Sternen. Es wird noch ein langer und beschwerlicher Weg Richtung Alltag werden, auch wenn langsam aber sicher die Straßenverkäufer zurückkommen, die Läden wieder aufmachen, und die Kommunikation stabiler wird.

Ein langer Weg, den wir mit unseren Teams aber für viele Leute erträglicher machen können durch die Hilfe, die wir ihnen bieten können.

Viele Grüße und vielen Dank.
Ihr humedica-Team Haiti"

humedica bittet die Bevölkerung in Deutschland auch weiterhin dringend um konkrete Unterstützung für alle geplanten Hilfsmaßnahmen in Form von Spenden auf das folgende Konto:
      humedica e. V.
      Stichwort „Erdbeben Haiti"
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

BITTE SPENDEN SIE AUCH HIER ONLINE. Vielen Dank.

Prof. Dr. Dr. Bernd Domres (Tübingen) bei der Behandlung von einem der vielen jungen Patienten. Foto: humedica/Jens Großmann

Die Hilfsmaßnahmen in Haiti werden in enger Zusammenarbeit mit der Kindernothilfe (Duisburg), World Vision (Friedrichsdorf) und Bild hilft - Ein Herz für Kinder (Hamburg) umgesetzt. Unsere Bemühungen werden darüber hinaus unterstützt von der AIR BERLIN GROUP (Berlin), GAiN Germany e. V. (Gießen), Skandinavische Kindermission, hoffnungszeichen e. V. (Singen), Apotheker ohne Grenzen Deutschland e. V., Deutsches Institut für Katastrophenmedizin (Tübingen) und Apotheker helfen - Hilfswerk der Bayerischen Apotheker (München). Auch an dieser Stelle vielen Dank für jede Form der Unterstützung und die hervorragende Zusammenarbeit.

Hinweis für Medienvertreter: Das Einsatzteam in Haiti steht für Telefon- und Live-Interviews zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich bei Interesse an humedica-Pressesprecher Steffen Richter.

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