„Mit Booten wurden wir zu den Patienten gebracht“

von Dr. Lothar Biskup/RBU, 08.12.2010

Wie bereits zu Beginn des Jahres in Haiti, scheute Dr. Lothar Biskup auch aktuell nach den verheerenden Überschwemmungen in Westafrika keine Strapazen, um notleidenden Menschen zu helfen. Für zwei Wochen war der Kinderarzt aus Neuss mit humedica in Benin tätig. Zwei Wochen voller Herausforderungen und bleibender Eindrücke.

Nächstenliebe in Aktion: zwei Wochen versorgte der Kinderarzt Dr. Lothar Biskup Opfer der schweren Fluten in Benin. Foto: humedica/Irmgard Römpp

„Aus dem kühlen und feuchten Rheinlandwetter kam ich vor wenigen Wochen in Benin an, um dort gemeinsam mit humedica und meinem ärztlichen Kollegen Dr. Gerhard Gradl, der Koordinatorin Karin Uckrow, der Krankenschwester Irmgard Römpp und dem Krankenpfleger Herbert Seitz den Flutopfern zu helfen.

Unser erster Behandlungsort während des Einsatzes lag am Rand der Millionenstadt Cotonou. Was mir als erstes auffiel, war die Art der Menschen: sie zeigten keinerlei anfängliches Misstrauen, sondern waren stattdessen sofort freundlich und auch dankbar über unsere Ankunft. Ihre Lebensverhältnisse dagegen waren erschreckend.

Durch die starken Regenfälle gestaltete sich die gesamte Region als große See- und Sumpflandschaft. Die Wohnsiedlungen der Menschen lagen auf flachen Inseln im Wasser und konnten nur mit Booten erreicht werden. Motoren gibt es keine, die kanuähnlichen Boote werden vielmehr mit Stöcken wie Venedigs Gondolieri durch Abstoßen am Seeboden weiterbewegt.

Die Häuser und Hütten waren auf Pfählen gebaut, das Wasser verschmutzt und mit an Sicherheit angrenzender Wahrscheinlichkeit auch höchst bakteriell verseucht und somit gesundheitsschädlich.

Durch das Hochwasser wurden darüber hinaus die meisten Dorfbrunnen überflutet und durch Vermischung mit dem fast stehenden Gewässer und Bestandteilen aus den Kloaken gefährlich verunreinigt. Infektionen mit Würmern, Amöben, diversen Bakterien und vor allem auch durch Egel übertragene Krankheiten waren die Folgen und unser prägendes Krankheitsbild der hilfesuchenden Menschen.

Mit gondelähnlichen Booten wurden die deutschen Helfer zu den Patienten gebracht. Foto: humedica/Gerhard Gradl

Mit Booten wurden wir jeden Tag in ein anderes Dorf transportiert, im Gepäck unsere Medikamente, um in regelmäßigen Abständen immer dieselben Behandlungsorte besuchen und somit dieselben Patienten wiedertreffen zu können.

In jedem der Dörfer warteten stets sehr viele Menschen auf unsere Hilfe: überwiegend Frauen und Kinder, aber auch Männer jeden Alters. Neben den zahlreichen Magen-Darm- und Wurminfektionen kamen andere internistische Erkrankungen hinzu, wie beispielsweise Bluthochdruck, Diabetes, Bronchitis, Lungenentzündungen und Harnwegsinfektionen. Auch Malariaerkrankungen waren keine Seltenheit.

An zwei Tagen fuhren wir zu Behandlungen in ein Flüchtlingslager nördlich der Stadt Cotonou, wo Caritas Benin und das zum Schutz und zur Unterstützung von Flüchtlingen zuständige Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) für 700 obdachlos gewordene Menschen im Trockenen eine Zufluchtsstätte aus Zelten errichtet hatten. Neben den am Tag 230 behandelten Patienten wurden wir plötzlich auch eines Nachts aus dem Schlaf geweckt.

Eine junge Frau war von ihrem Mann auf dem Moped zu uns gebracht worden. Sie hatte heftige Wehen und das Fruchtwasser war bereits vor ihrer Fahrt zu uns abgegangen. Die Situation stellte uns vor kleinere Herausforderungen: wir hatten keinen Strom, kein fließendes, geschweige denn abgekochtes Wasser, keine sauberen Laken und Utensilien wie Nabelklemmen.

Dennoch meisterten wir die Geburt. Im Schein von Taschen- beziehungsweise Stirnlampen erfolgte binnen weniger Augenblicke die Spontangeburt. Im fast routinierten – wenn hier auch erstmaligen - Zusammenspiel von Arzt, Krankenpfleger und Kinderarzt konnten wir glücklich und problemlos das neugeborene Mädchen versorgen, die Nabelschnur mit Bindfaden abbinden und die kleine Marie-Louise der Mutter in den Arm legen.

Zwei Wochen arbeitete ich insgesamt in Benin und behalte diesen humedica-Einsatz durch seine ausgesprochen gute und intensive Teamarbeit in guter Erinnerung. Wir konnten einer großen Anzahl an Menschen helfen und haben sie als sehr dankbar erlebt. Trotz ihres großen Leides verließen wir sie in einem erstaunlichen Zustand der Zufriedenheit – auch auf unserer Seite.

Bereits bei ihrer Ankunft wurden die humedica-Einsatzkräfte von zahlreichen Patienten erwartet. Foto: humedica/Florian Klinner

Ein Dankeschön an die liebe Koordinatorin Karin, an Irmgard, Gerhard und Herbert für die vertrauensvolle Zusammenarbeit, für viele interessante Gespräche und insbesondere für die sinnvolle gemeinsame Einsatzzeit.

Herzliche Grüße,
Ihr und euer Lothar Biskup“

Weitere zwei Wochen noch wird ein medizinisches Team von humedica in dem westafrikanischen Land Patienten behandeln. Jeden Tag Schmerzen lindern, jeden Tag neue Hoffnung schenken. Bis Ende Januar 2011 ist darüber hinaus geplant, Medikamente, Lebensmittel und weitere benötigte Hilfslieferungen nach Benin zu entsenden.

Bitte unterstützen Sie uns auch weiterhin bei unseren Bemühungen um gelebte Nächstenliebe. Vielen Dank.

      humedica e.V.
      Stichwort „Flut Benin
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Sicher, schnell und einfach ist auch die Möglichkeit der Unterstützung durch das Senden einer sms: Textmitteilung mit Stichwort DOC an die 8 11 90. Von den damit gespendeten 5,- Euro fließen 4,83 direkt in die humedica-Katastrophenhilfe. Gerne können Sie uns auch über unser Online-Formular mit einer Spende unterstützen.

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