Mitarbeit im Duncan-Hospital in Indien: "Froh, gegangen zu sein"

von Dr. Ingelore Holzinger/SRI, 22.07.2009

Im Frühjahr 2009 war ich im Duncan Hospital in Raxaul, Indien. Es war mein erster Auslandseinsatz als Ärztin für humedica. Ich hatte mir erhofft, Gutes tun und mich nützlich machen zu können. Zum anderen wollte ich auch besser einschätzen können, was bei dieser Art Arbeit auf mich zukommt.

Die ersten zwei Tage nach der Ankunft in Indien habe ich in Neu Dehli verbracht. Neben der Ausstattung mit traditioneller indischer Kleidung, die man im Krankenhaus trägt, gehörte auch eine Einführung in indische Kultur und Lebensweise dazu. Diese Orientierungseinheit ist durchaus hilfreich, vor allem wenn man, wie ich, noch nie in Indien war. Dann ging es mit dem Zug nach Raxaul, 24 Stunden nach Fahrplan, tatsächlich 28 Stunden mit Verspätung.

Buntes Treiben auf den Straßen von Raxaul. Foto: humedica/Ingelore Holzinger

Im Duncan Hospital wurde ich sehr freundlich begrüßt und überall herumgeführt. Das Duncan Hospital hat drei Anästhesisten und zwei Anästhesiepfleger. Eine Anästhesistin arbeitet halbtags vor allem innerhalb einer Art mobilen Klinik, ein Arzt war gerade zur Prüfungsvorbereitung freigestellt.

Die Arbeitsaufteilung ist doch deutlich anders als in Deutschland. Der verantwortliche Anästhesiearzt erhebt die Krankengeschichte, untersucht die Patienten vorher, ordnet eventuell notwendige Untersuchungen (EKG, Röntgen etc.) an.

Die Narkosen, sowohl tagsüber als auch nachts im Bereitschaftsdienst, werden im Wesentlichen von den Anästhesiepflegern durchgeführt. Im OP ist ein Anästhesist nur bei kranken Patienten oder größeren Operationen dabei und sonst nur in Rufweite.

Die Anästhesieärzte betreuen auch noch die beatmeten Patienten auf der interdisziplinären 6-Betten-Intensivstation. Die ICU hat drei Beatmungsgeräte für Erwachsene: Zwei durchaus moderne, mit denen man alle gängigen Beatmungen, sogar nicht-invasive Beatmung durchführen kann. Außerdem ein eher älteres Gerät, das nur, wenn überhaupt, zur postoperativen Nachbeatmung gebraucht werden kann.

Die sonstige Geräteausstattung ist eine EKG-Überwachung für jedes Bett, der Blutdruck wird je nach Bedarf von den Schwestern gemessen, teilweise auch die Sauerstoffsättigung. Es gibt ein Blutgasgerät. Was fehlt, ist ein zuverlässig funktionierender Defibrillator und eine automatische nichtinvasive Blutdruckmessung wenigstens für beatmete Patienten.

Ich war im OP und auf der Intensivstation eingeteilt. Wie gesagt werden die Narkosen im OP von der Pflege gemacht, die Anästhesietechniken gut beherrschten, sodass es für mich nicht immer etwas zu tun gab. Andererseits bestand aber großes Interesse an der Weitergabe meines Wissens, was wir in einigen Kursen dann auch realisiert haben.

Im Kreislauf der Armut müssen Kinder im besonderen Fokus der Hilfe stehen. Foto: humedica/Ingelore Holzinger

Es war für mich interessant zu sehen, mit welchen Mitteln und unter welchen Bedingungen Narkosen in diesem Teil der Welt durchgeführt werden. Die klinische Einschätzung des Patienten spielt eine viel größere Rolle, gerade weil man weniger zuverlässige Überwachungsmöglichkeiten hat.

Das Spektrum der Krankheiten, die auf ICU behandelt werden ist zum Teil recht vertraut: kardiale Erkrankungen (Infarkte, Herzinsuffizienz, Herzrhythmusstörungen, etc.), pulmonaler Erkrankungen (COPD, Asthma, Lungenentzündungen) und Blutvergiftungen, jedoch oft in sehr ausgeprägter Form und spätem Stadium.

Aber auch bei uns selten gewordene Erkrankungen, wie Tetanus kommt relativ häufig vor, da es keine nennenswerte Durchimpfung der Bevölkerung gibt. Erschreckend waren die vielen Suizidversuche mit Organophosphaten, hochtoxischen Pflanzenschutzmitteln, die es Indien überall frei verkäuflich gibt.

Zum überwiegenden Teil waren es junge Frauen, die behandelt werden mussten. Die Frage nach dem Grund beantworteten die meisten Patienten mit Familienstreitigkeiten. Mädchen werden in Indien sehr früh verheiratet, kommen aber erst mit 15, 16 Jahren in die Familie des Ehemannes. Dann wird die Mitgift fällig, die teilweise von der Familie der Frau regelrecht erpresst wird. Leidtragende sind vor allem die Frauen, die dem Druck nicht mehr standhalten und einen solchen Ausweg suchen.

In Duncan wurde sechs Tage in der Woche inklusive Samstag gearbeitet, sodass nur der Sonntag blieb für Freizeitaktivitäten. Sehr schön und eine gute Gemeinschaft bildete die Gästehaus-WG, zum Teil ehrenamtliche Mitarbeiter von humedica, aber auch alle möglichen anderen Leute aus allen möglichen Ländern mit sehr interessanten Geschichten.

Mit den anderen Gästen bin ich öfter in die umliegenden Dörfer gegangen. Die Menschen, die wir getroffen haben, waren sehr freundlich, sehr offen, haben uns zum Tee eingeladen, auch wenn die Verständigung mehr mit Händen und Füßen vor sich ging.

Drei Wochen Einsatz in Raxaul, Indien: Dr. Ingelore Holzinger. Foto: privat

Es war für mich der erste Einsatz dieser Art als Ärztin. Ich habe gemerkt, dass drei Wochen viel zu kurz sind; fünf Wochen wären besser gewesen. Zum einen fällt fast eine Woche schon für die Anreise nach Raxaul weg. Zum anderen dauert es einfach seine Zeit, sich einzuleben, die Leute und die Art des Arbeitens kennenzulernen.

Die Sprache ist doch eine größere Barriere, an das gesprochene Englisch gewöhnt man sich zwar schnell. Aber das sprechen eigentlich nur die Ärzte und ein paar vom Pflegepersonal gut, die Patienten sprechen in der Regel kein Englisch, sondern Hindi oder Budjpuri, den örtlichen Dialekt.

Die Arbeit läuft auch so ganz gut und relativ reibungslos. Die Ärzte und das Pflegepersonal, die dort arbeiten sind viel mehr Allrounder als bei uns und kennen natürlich das Spektrum der regionalen Krankheiten viel besser. Man ist aber schon willkommen und kann Verantwortung übernehmen, man wird nach der kollegialen Meinung gefragt und diese wird auch berücksichtigt.

In Duncan Hospital fehlt es doch an vielen banalen Dingen der Krankenversorgung: Überwachungsmonitore, Defibrillatoren, Beatmungsgeräte und Beatmungsschläuche für Kinder und Säuglinge, Schmerzmittel.

Alles in allem bin ich sehr froh, nach Duncan Hospital gegangen zu sein. Ich habe sehr viel gesehen und gelernt, auch im Hinblick auf zukünftige Einsätze.

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