"Mit Geld nicht bezahlbare Sachen, die einen trotzdem reicher machen"

von Mareen Posselt/ RBU, 26.10.2009

Nach einem mehrstündigen Flug und einer 26 Stunden dauernden Zugfahrt kam Mareen Posselt Anfang September in Raxaul (Indien) an. Für insgesamt sechs Monate wird die junge Dresdnerin für humedica im Duncan Hospital als Hebamme das lokale Fachpersonal unterstützen. Die ersten Dinge, die sie in dem neuen Land lernen musste, waren Geduld und viel Ausdauer. Zahlreiche weitere schwierige Situationen hat sie bereits gemeistert.

Schwierigkeiten, die in Deutschland glücklicherweise zur Ausnahme gehören, sind in Raxaul traurige Realität. Viele Schwangere suchen während ihrer gesamten Schwangerschaft weder einen Arzt noch eine Hebamme auf und kommen oft erst in die Klinik, wenn es für Mutter, Kind - oder im schlimmsten Fall für beide - zu spät ist.

Der Eingang zum Duncan Hospital, in dem Mareen Posselt das nächste halbe Jahr arbeiten wird. Foto: humedica/ Mareen Posselt

Im Duncan Hospital werden jedes Jahr zwischen 5000 und 5300 Kinder geboren. Die Tendenz ist steigend. Leider geschieht dies in sehr vielen Fällen unter lebensbedrohlichen Komplikationen. Die Mütter- und Säuglingssterblichkeit liegt bei erschreckenden 20%.

Sehr oft hatte Mareen Posselt bisher mit eklamptischen Anfällen zu tun, während denen die Schwangere unter Krämpfen mit kurzzeitig aufhörender Atmung leidet. Nach der Krampflösung tritt oft ein komatöser Zustand auf, der Stunden oder Tage andauern kann und im schlimmsten Fall zum Tod des ungeborenen Kindes führt. In Deutschland sind diese Anfälle eine Seltenheit, in Indien gehören sie fast zum Arbeitsalltag dazu.

Auch die Arbeitsbedingungen im indischen Hospital waren für die Hebamme aus Dresden zunächst gewöhnungsbedürftig. Viele medizinische Geräte, die in einem deutschen Krankenhaus selbstverständlich sind, gibt es im Duncan Hospital nicht. "Ich bewundere immer wieder den Einfallsreichtum meiner indischen Kollegen, aber der ersetzt natürlich nicht das fehlende medizinische Equipment."

Im Kreissaal gibt es kein CTG-Gerät (Kardiotokograph oder Herztonwehenschreiber), mit dem während der Geburt die Herzfrequenz gemessen und die Gesundheit des Ungeborenen kontinuierlich überwacht werden kann.

Neugeborene im Duncan Hospital in Raxaul/ Indien. Foto: humedica

Der Kreissaal besteht aus einem Raum mit neun Betten, die nicht einmal durch einen Vorhang voneinander abgetrennt sind. Privatsphäre gibt es keine, jede der Schwangeren erlebt die Behandlungen der anderen mit. Die Angehörigen - auch der werdende Vater - haben zum Kreissaal keinen Zutritt und kommen nur, um das Kind nach der Geburt in Empfang zu nehmen.

"Die Atmosphäre im Kreissaal war für mich am Anfang sehr ungewohnt und befremdlich. Ich hatte nicht wirklich das Gefühl im Kreissaal zu sein. Denn in Deutschland sind Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett besondere und kostbare Momente. Hier gehört es zum Leben einer Frau einfach mit dazu und ist nichts absolut besonderes", schreibt Mareen in einer E-Mail.

Inzwischen hat sie 23 Geburten selber geleitet, was nicht immer so einfach war. Die meisten Frauen sprechen kein Englisch und die Hebamme fast kein Hindi. Davon lässt sich Mareen aber nicht abhalten, im Gegenteil: "Ich lerne jeden Tag ein paar neue Wörter, sehr zur Freude meiner Kollegen."

Viele Sachen machen die junge Frau traurig und sind für sie als Europäerin unverständlich. Beispielsweise dass Jungen noch immer mehr wert sind, als Mädchen. Mit manchen Angehörigen müsse sie mitunter sogar verhandeln, bis diese akzeptierten, dass es diesmal "nur" ein Mädchen ist.

Trotz der Schwierigkeiten und allen gewöhnungsbedürftigen Umständen ist Mareen Posselt froh darüber, für humedica in Indien tätig zu sein.
"Ich bin trotzdem sehr froh hier zu sein. Denn es gibt Sachen die man nicht mit Geld bezahlen kann und die einen trotzdem reicher machen.

Das lokale medizinische Personal und Mareen Posselt arbeiten kollegial zusammen. Foto: humedica

Es sind die kleinen Dinge, die die Zeit hier im Duncan Hospital so besonders machen und den Alltag vergessen lassen. Zum Beispiel, wenn mir meine indischen Kollegen "Nachhilfestunden" geben, wie man ordentlich mit den Fingern isst oder plötzlich ein Nutella Glas auftaucht. Ich entdecke und verstehe jeden Tag ein bisschen mehr von der indischen Kultur und freue mich auf die nächsten Wochen."

Am 4. November 2009 bekommt das Duncan Hospital weitere Unterstützung aus Deutschland: die Augsburger Krankenschwester Silvia Klefenz wird bis zum 25. Januar 2010 ebenfalls in Raxaul arbeiten.

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