Kaufbeurer Chefarzt im Einsatz in Benin: "Große Dankbarkeit"

von SRI, 17.07.2009

Professor Dr. Heinrich Stiegler, Chefarzt des Klinikums Kaufbeuren, war im Juni 2009 für eine gute Woche im afrikanischen Benin, um Operationen und Schulungen durchzuführen. Schwerpunkt dabei:

So genannte "Shunt"-Eingriffe. Dieser medizinische Eingriff erfordert umfangreiches fachliches Wissen und mikro-chirurgischen Instrumente. Voraussetzungen, die in Benin nur schwer zu erfüllen sind. Bitte lesen Sie hier seinen spannenden Bericht:

Ausgangspunkt für den Auslandseinsatz im Benin war der Bericht von Dr. Koussemou aus der Neurologischen Klinik in Kaufbeuren, der erwähnte, dass in seinem Land zwar eine Dialysemöglichkeit besteht, jedoch keine Shuntchirurgie existiert. Die Dialyse für Patienten mit Niereninsuffizienz erfolgt dort über platzierte Katheter.

Professor Dr. Heinrich Stiegler schulte das medizinische Team sowohl theoretisch, als auch praktisch. Foto: humedica

Über humedica e. V. wurde deshalb ein Auslandseinsatz vorbereitet, mit dem Ziel, im Benin einerseits Patienten mit einem so genannten "Shunt" zu versorgen und zum anderen in dieser Technik zu schulen, damit in Kontinuität auch durch einheimische Ärzte Shuntchirurgie begonnen werden kann.

humedica hatte den Einsatz außerordentlich professionell vorbereitet, die erforderlichen Materialien wurden vorab in den Benin gesandt. Besonders wichtig war die Besorgung von Instrumenten, hier gab es eine große Unterstützung von in Deutschland ansässigen Firmen. Diese Vorbereitung war sehr wichtig, denn im Land gab es kaum Voraussetzungen, die für eine qualifizierte Shuntchirurgie notwendig gewesen wären.

Im Benin angekommen erfolgte zunächst die Sichtung des dort für uns reservierten Materiales. In einem neu geschaffenen OP-Trakt erfolgte die Materialeinrichtung für den folgenden Operationstag. Wir konnten auch sofort die Patienten sichten und insbesondere die Shuntlokalisation besprechen.

Durch Dr. Rofino, der aus dem Benin stammt und in Bad Mergentheim zurzeit seine Ausbildung erfährt, übernahm das Dolmetschen, sodass auch die gesamte Problematik der Nachsorge mit dem Patienten ausführlich diskutiert werden konnte.

Die Unterbringung war auf der "African Mercy" organisiert, dem Schiff der humedica-Partnerorganisation Mercy Ships. Dies erwies sich als Glücksfall, es gab dort zahlreiche Ansprechpartner, die aus ihrer Erfahrung berichteten.

Dieses Schiff lebt nach meiner Erkenntnis von Stiftungen, es ist mehrmonatig an unterschiedlichen Stellen in Afrika tätig, ein Schwerpunkt liegt auf verschiedenen Disziplinen der Chirurgie.

Am nächsten Tag begann dann die operative Tätigkeit, sehr schnell stellte sich heraus, dass unser ursprünglich vorgesehenes Volumen von 30 bis 40 Shuntanlagen nicht eingehalten werden konnte. Die Shuntanlage selbst erwies sich dann technisch durchaus erschwert, da bei der schwarzen Hautfarbe die Vene nur selten zu sehen war.

Die Shunts wurden in verschiedensten Positionen angelegt, um dem dortigen Ärzteteam die hohe Variationsbereitschaft zu zeigen, da doch jeder Patient individuelle anatomische Voraussetzungen aufweist. Bis auf einen Patienten konnten primär hervorragende Shunteigenschaften erreicht werden. Bei einem Shuntversagen war eine zweite Operation notwendig, die dann ebenfalls zum gewünschten Erfolg führte.

Die Universitätsklinik in Cotonou ist leider nicht mit medizinischen Standards in Deutschland vegleichbar. Foto: humedica

Die Operationen wurden als Lehreingriffe zum Teil mitgefilmt, alle Schritte wurden ausführlich diskutiert, um so einen möglichst großen Lerneffekt zu erzielen. Prof. Mehento selbst operierte dann auch einen Patienten und konnte dort einen Shunt erfolgreich anlegen.

Es gab darüber hinaus viele persönliche Gespräche, die Beniner sind außerordentlich kontaktfreudig und offen. Es sind fröhliche Menschen, die trotz der sehr armen Verhältnisse sich ihres Lebens erfreuen. Dennoch war die Armut bedrückend, insbesondere mit dem Wissen, dass nur dank finanzieller Vorleistung eine medizinische Leistung erbracht wurde.

Rückblickend betrachtet wurde die Arbeit durch die problematischen Verhältnisse (Hygiene, OP-Standard, usw.) in der Universitätsklinik erheblich erschwert. Auf der anderen Seite war es richtig, diese erschwerten Bedingungen in Kauf zu nehmen, denn unter diesen muss schließlich diese Art der Chirurgie weiter betrieben werden. So war es möglich, ein ganzes Team in die stringente Arbeitsweise einzuführen, in der Hoffnung, dass dann möglichst viel auch umgesetzt werden wird.

Das führte dazu, dass viele Patienten erst in einer sehr fortgeschrittenen Krankheitsphase zum Arzt gehen, da sie die Kosten fürchten. Hier gab es eine ganze Reihe von bedrückenden Erlebnissen, die mich immer wieder an die komfortable Situation zuhause denken ließen und insbesondere auch daran, wie selbstverständlich bei uns medizinische Leistung eingefordert und auch oft kritisiert wird.

Ich habe Professor Mehento und seinem Team ein komplettes OP-Set zur Verfügung gestellt, damit ist zumindest die apparative Voraussetzung geschaffen, dass diese Art der Chirurgie fortgeführt werden kann. Für die Zukunft ist im August ein Besuch von Herrn Prof. Mehento in Kaufbeuren vorgesehen.

Bezüglich der Weiterführung des Kontaktes möchte ich gerne auf die Bitte des Gesundheitsministers eingehen und an der Uniklinik ein Seminar über wichtige gefäßchirurgische Aspekte halten, denn eine Gefäßchirurgie existiert dort nicht. Bei einem solchen Aufenthalt sollten dann auch die Probleme der Shuntchirurgie besprochen werden, denn ein solcher Shunt bedarf einer lebenslangen Betreuung, die Chance einer Nierentransplantation haben diese Patienten definitiv nicht.

Die Zeit verging wie im Flug, war angefüllt mit zahlreichen Operationen, permanenter Schulung und Erklären, aber auch mit dem Sammeln von Eindrücken, die mir sehr nahe gingen. Hierzu gehört auch die Begegnung mit einem durch Polio schwer behinderten Bettler am Straßenrand, dessen Fröhlichkeit angesichts seiner Behinderung eigentlich beschämend wirkte.

Das Geschenk dieser Reise war das Erspüren einer außerordentlich großen Dankbarkeit: Man musste den Menschen nur in die Augen sehen.

Professor. Dr. Heinrich Stiegler im Sommer 2009

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