Blick zurück nach vorne_Aus Katastrophenhilfe erwächst langfristige Projektarbeit

von NST/SRI, 26.01.2009

Pakistan im Spätherbst 2005: Menschen in größter Not

Der Notruf im Oktober 2005 erreichte mich in den Vereinigten Staaten: Im Norden Pakistans hatte sich ein verheerendes Erdbeben mit der Stärke von 7,6 auf der Richterskala ereignet. 15 Stunden nach der Kurznachricht auf meinem Mobiltelefon saß ich gemeinsam mit einem deutschen Ärzteteam von humedica in einem Flugzeug. Ziel: Ein Katastrophengebiet in Pakistan. Hilfe, die bis heute andauert. Hilfe, die das Leben von Menschen in Not verändert.

Rund zweieinhalb Millionen Menschen wurden durch das Erdbeben 2005 obdachlos. Foto: humedica/Nils Stilke

Mit mehr als 80.000 Toten und etwa 2,5 Millionen Obdachlosen erreichte die Katastrophe ein Ausmaß, das selbst mein Leben noch heute stark beeinflusst. Damals versorgten wir die Erdbebenopfer zwei Monate lang unermüdlich mit verschiedenen Ärzteteams in den Bergen des Landes. Besonders viele Kinder kamen zur medizinischen Behandlung und wir konnten ihnen bei Knochenbrüchen, Hautquetschungen, Erkältungerkrankungen und vielen psychomatischen Symptomen helfen.

Es waren die Kindern, die auf ihren Gesichtern die Dankbarkeit ihres ganzen Volkes trugen. Besonders in den unerreichbaren Dörfern und Siedlungen, in die uns das pakistanische Militär mit Helikoptern flog und wo wir wochenlang gemeinsam mit den Menschen in widrigen Umständen in Zelten lebten. Weder Ausländer noch Ärzte hatten jemals zuvor diese Dörfer besucht. Zwei Kulturen begegneten sich in einer ungewöhnlichen, in einer dramatischen Situation mit einem Höchstmaß an Respekt.

Dieser Einsatz rettete auch Wochen nach dem Erdbeben noch vielen Menschen das Leben. Dieser Einsatz brachte Hoffnung in eine Situation größten Leids.

Aus Katastrophenhilfe erwächst vielfältiges Engagement

Mit dem Winter kam damals der Schnee. Ein Umstand, der für die vielen Obdachlosen eine neue Bedrohung darstellte. Schließlich wurde ich von humedica sechs weitere Monate im Katastrophengebiet eingesetzt, um gemeinsam mit einer pakistanischen Partnerorganisation mehr als 2200 Familien in den abgelegenen Bergdörfer mit Baumaterialien zum Wiederaufbau von erdbebensicheren Häusern zu versorgen.

Der Aufbau dieser Häuser wurde jeweils von der Dorfgemeinschaft organisiert. Bei durchschnittlich etwa sechs Kindern pro Familie konnten wir durch diese Hilfe über 13.200 Menschen ein neues Zuhause geben und ihr Überleben sichern.

Josephine überlebte die schlimmen Verbrennungen, obwohl sie erst nach vier Tagen behandelt wurde. Foto: humedica/Nils Stilke

Während meines Einsatzes lernte ich die gesunde zweijährige Josephine kennen. Gemeinsam mit ihrer Familie lebte sie in ärmlichen Verhältnissen in einem Dorf. Beim Spielen im Haus verbrühte sich das kleine Mädchen - 25 Prozent ihrer Haut wurden mit kochendem Wasser überschüttet. Erst am nächsten Tag konnte der Vater seine schwer verletzte Tochter in das nächste Krankenhaus bringen, da es vorher keine Transportmöglichkeiten gab, und sicher kein Geld für einen Krankenwagen.

Drei Krankenhäuser verweigerten die Aufnahme der todkranken Josephine. Wahrscheinlich, weil die Familie nicht muslimisch ist. Möglicherweise aber auch, weil sie nicht ausreichend Geld dabei hatte oder die Verantwortlichen nicht wollten, dass Josephine im Krankenhaus sterben würde. Nach vier Tagen erreichte mich der verzweifelte Vater.

Gemeinsam brachten wir seine bis dato noch immer unbehandelte, traumatisierte Tochter mit Fieber und starken Schmerzen in ein weit abgelegenes Stadtkrankenhaus, wo sie sofort aufgenommen und behandelt wurde. humedica übernahm die anfallenden Behandlungskosten, die sich in den kommenden Monaten ansammelten und stellte somit die medizinische Versorgung der Josephine sicher.

Nils Stilke engagierte sich seit 2005 viele Monate in Pakistan. Foto: humedica

Josephine überlebte schließlich ihre schweren Verletzungen. Nur eine kleine körperliche Behinderung und ihre großflächig vernarbte Haut erinnern an das Martyrium des kleinen Mädchens.

2008 durfte ich die jetzt vierjährige Josephine im Auftrag von humedica noch einmal besuchen. Ich begleitete sie gemeinsam mit ihrem Vater zu einer Nachuntersuchung. Körperlich habe sie die Strapazen überwunden, sagte uns der pakistanische Arzt.

Jedoch müsse sie jetzt in einer Therapieeinrichtung gefördert werden, damit sie selbstständig essen könne, sprechen und laufen lerne. Leider können ihre Eltern die dafür notwendigen, monatlichen Kosten von 60 Euro nicht aufbringen.

Und wieder darf ich erleben, wie gut wir es in der westlichen Welt haben, in der alle Kinder ein Recht auf Hilfen und die Möglichkeiten auf Förderung in ihrem Leben haben. Wie vielen Kindern in anderen Teilen der Welt bleiben diese Privilegien verwehrt?

Im Namen von humedica darf ich erneut helfen: Josephines Eltern bedankten sich mit strahlendem Gesicht und sprichwörtlich herzlicher Freude für die lebensrettende Hilfe durch humedica und alle Spender, die geholfen haben.

Perspektiven

Seit 2006 engagiert sich humedica weiterhin aktiv, zerstörte Schulen im Erdbebengebiet wieder aufzubauen. Aufgrund der Katastrophe gingen die Kinder monatelang nicht zur Schule. Eine humedica-eigene Schule hat ihren Betrieb im Jahr 2007 wieder aufnehmen können. Dort werden momentan rund 600 Kinder unterrichtet.

In einem angegliederten Ausbildungs- und Therapiezentrum werden den Kindern und auch ihren Eltern eine psychologische Therapie sowie konkrete Fortbildungskurse angeboten.

Erdbebensichere Häuser und Wiederaufbau von Schulen: humedica half nicht nur medizinisch. Foto: humedica/Nils Stilke

Als Projektkoordinator durfte ich die Realisierung aller Hilfsmaßnahmen im Auftrag von humedica betreuen. Eins werde ich dabei nie vergessen: Die vielen Worte der Dankbarkeit von den Menschen in den Dörfern um uns.

humedica unterstützt über die beschriebenen Projekte hinaus eine weitere Schule mit Internat in den Bergen Pakistans, dessen Gebäude ebenfalls durch das Erdbeben 2005 zerstört wurden. Die Schule mit 120 Schülern stand kurz vor der Schließung.

Mit einer pakistanischen Familie lebe und arbeite ich ich seit Anfang 2008 nun mit etwa 30 Kindern in einer Großfamilie zusammen. Als humedica-Koordinator stelle ich auch hier den Schulbetrieb sicher und fördere die Qualität der pädagogischen Arbeit. Durch die gezielte Hilfe konnten wir ein Stück Land kaufen, auf dem jetzt ein Internatsgebäude mit Schulräumen neu aufgebaut wird.

Die meisten Internatskinder kommen aus armen und meistens zudem schwierigen Familienverhältnissen. Durch Scheidungen, Armut, Tod oder Abwesenheit des Vaters lebten viele der Kinder auf der Strasse. Trotz aller Not, die noch immer den Alltag der Menschen hier bestimmt, ermutigt mich unsere gemeinsame Arbeit in den vergangenen Jahren sehr.

Die humedica-eigene Schule hat ihren Betrieb 2007 wieder aufnehmen können. Foto: humedica

Wir haben Menschen, die auf unsere Hilfe angewiesen waren, zur Seite gestanden. Diese Hilfe ist weit mehr, als nur der viel zitierte kleine Tropfen auf den heißen Stein.

Ich möchte betonen: Auch nach vier Jahren ist die Aufbauarbeit im Erdbebengebiet Pakistans noch längst nicht abgeschlossen. Helfen ist und bleibt unsere Pflicht. Eine Pflicht der Menschlichkeit, ein Liebesdienst an unseren Nächsten, an Menschen in Not. Bitte unterstützen Sie auch zukünftig das humedica-Engagement in Pakistan.

Es grüßt Sie
Ihr
Nils Stilke

*HINWEIS: In diesem Bericht verzichten wir aus Gründen der Sicherheit (und auf ausdrücklichen Wunsch unseres Koordinators) auf die Nennung konkreter geographischer Daten zu unseren Projekten in Pakistan. Außerdem verzichten wir auf Hintergrundinformationen zur Person von Nils Stilke.

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