Schlaglöcher und Autogehupe

von Simone Winneg, 30.04.2008

Simone Winneg ist als Koordinatorin verantwortlich für die organisatorischen Geschicke des Einsatzteams auf Haiti. Am Ende des Tages schreibt sie ihre Erlebnisse in eine Art Tagebuch, an dem Simone Winneg uns gerne teilhaben lässt.

Donnerstag, 24. April 2008, 8 Uhr

Die Reise nach St. Marc ist lang. Die Straße ist abwechselnd geteert und dann wieder voller Schlaglöcher. Unser Fahrer ist oft gezwungen zu stoppen, damit das Fahrzeug die massiven Unebenheiten unbeschadet übersteht. Der Ausblick ist so anders: verlässt man die Städte mit dem brummenden Verkehr und den Menschenmassen, erhebt sich rechts eine Bergkette. Felsen und ein paar Bäume sind alles, was man sieht. Der Blick nach links geht weit auf den blauen Ozean hinaus. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Keine Touristenstrände, keine Fischer, keine Badegäste oder Einheimische.

Die Ankunft in St.Marc ist chaotisch. Wir fahren zuerst zum Krankenhaus St. Nicolas, treffen dort, wie abgesprochen, die Oberschwester Madame Rodolphe und den Chefarzt Dr. Serge Vertilus. Sie heißen uns herzlich willkommen, aber bevor wir uns das Krankenhaus näher ansehen können, wollen wir uns um unsere Unterkunft kümmern. Aufgrund der langjährigen Kontakte zu der christlichen Organisation "Jugend mit einer Mission" steuern wir zuerst deren hiesige Niederlassung an.

Jetzt brauchen wir etwas zu essen: Schinken/Käse-Sandwich mit Salat, Orangensaft mit Eis. Unsere Blicke sind misstrauische; werden wir dieses Essen schon morgen bereuen? Unser Fahrer meint, dass es hier sauber ist und so treibt es der Hunger hinein. Hoffentlich geht alles gut...

Auch in St. Marc wird unsere Hilfe gebraucht. Foto: Simone Winneg

Danach also zurück ins Krankenhaus, wo wir Dr. Vertilus wiedertreffen. Er ist gerade bei der Behandlung eines Patienten: Fußfraktur nach Autounfall. Der Patient kann hier nicht behandelt werden, da es an Chirurgen und Orthopäden fehlt und muss deswegen nach Port-au-Prince gebracht werden. Die Führung durchs Krankenhaus ist ernüchternd und erbauend zugleich. Hoffnung spricht der Doktor aus, wenn er von den Entwicklungsplänen für das nächste Jahr erzählt.

Noch ist davon nicht viel zu spüren: wegen unvollständigen Neubauten kann die Notaufnahme nur in einer Wellblechhütte stattfinden, ohne permanente Struktur und stark improvisiert. Mit Bettlaken ist die Versorgungsmatte abgetrennt vom Warteraum, zwei Sprechzimmer (jeweils geschätzte zwei Quadratmeter) werden zur Konsultation benutzt. Das großzügig angelegte Gebäude, das für die neue Notaufnahme erbaut wurde, ist noch nicht fertig und deswegen müssen die Patienten schon seit einem halben Jahr unter diesen Bedingungen behandelt werden.

Die einzelnen Säle sind in einem desolaten Zustand: wegen Überfüllung liegen Männer und Frauen auf einer Station. Eine intensivere Pflege kann nur in zwei Räumen gewährleistet werden, da die Kosten ansonsten zu hoch wären. Drei Betten können so für Patienten genutzt werden, die Sauerstoff brauchen oder instabil sind. Am meisten erschüttert mich die Station für die Kleinsten: Kleine Kinder sitzen in alten, teils verrosteten Bettchen: 15 Säuglinge in einem Raum. Die Laken und Kleider der Kinder sind schmutzig.

Donnerstag, 24. April, 19:45 Uhr

Der Operationssaal ist menschenleer und nicht funktionstüchtig. Dr. Vertilus erzählt uns, dass noch vor vier Jahren alle Räume (Aufwachsaal, zwei OPs, Waschsaal) voll einsatzfähig waren und regelmäßig benutzt wurden. Heute werden nur noch wenige Operationen druchgeführt: die Kosten für Chirurgen und Orthopäden sind zu hoch. Außerdem ist Port-au-Prince attraktiver und die Infrasturkur ist besser. Keiner will nach St. Marc, die geforderten Löhne sind zu hoch für das Krankenhaus. Alles ist heruntergekommen: das salzige Grundwasser der Stadt zerstört sanitäre Anlagen, Wasserhähne zersetzen sich wie von selbst, schon nach vier Jahren sehen sie aus wie 40 Jahre alt. Das Krankenhaus wurde vor 90 Jahren erbaut und nur unvollständig renoviert oder instand gesetzt: Risse in den Decken zeugen vom schlechten Zustand des Gebäudes.

Krankenschwester Manuela Kutnick bei der Behandlung eines Kindes. Foto: Simone Winneg

Der permanente Geldmangel macht es zunehmend schwieriger, den Minimalstandard zu halten, den das Krankenhaus jetzt hat. Auch Dr. Vertilus bestätigt uns die Schwierigkeiten, das Personal und die laufenden Kosten zu decken: wegen des Salzgehalts im Grundwasser muss sauberes Wasser gekauft werden, Elektrizität ist teuer in Haiti und gutes Peronal geht wegen der besseren Infrastruktur und der höheren Bezahlung lieber in die Hauptstadt als in die zwei Stunden entfernte Provinz St.Marc.

Vom Krankenhaus aus machen wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft: Terry von "Jugend mit einer Mission" hat uns eine Kontaktadresse gegeben, die uns eventuell weiterhelfen kann. Wir folgen ihr an einen einsamen Strand, an dem wir Jerry Walker treffen. Er lädt uns ein, eine Weile bei ihm zu sitzen und wir werden Zeuge eines echten karibischen Sonnenuntergangs, kubanische Musik im Hintergrund, Meeresrauschen. Fast hätte ich vergessen, dass dies nicht das Leben der Menschen hier ist, sondern nur einer kleinen privilegierten Schicht, die es sich leisten kann.

Auf dem nach Hause Weg genießen wir noch einmal haitianisches Essen. In Supermärkten und Restaurants merken wir, was so oft und an so vielen Plätzen der Welt vor sich geht: es gibt Nahrungsmittel, aber die sind unfassbar teuer. Bei einer Steigerung des Reispreises um 50 Prozent fällt es einem nicht schwer, die Verzweiflung und den Missmut der Menschen nachzuvollziehen, die in den vergangenen Wochen für gewaltsame Ausschreitungen gesorgt haben. Für diese Menschen geht es ums nackte Überleben.

Schließlich erreichen wir das Gästehaus von "Jugend mit einer Mission" und finden uns in einem Schlafsaal für Mädchen wieder (gut, dass Manuela und ich noch jung sind). Wir schlafen in einem der großen Säle: Dreier-Stockbetten ohne Laken und ohne Decke oder Moskitonetze. Es gibt elf solcher Stockbetten, eine fünf Zentimeter dicke Matratze mit kleinen Insekten darunter, überall Spinnweben... Aber: wir sind nicht anspruchsvoll und kommen mit auch mit diesen Bedingungen klar, auch wenn der erste Eindruck schockt.

Dr. Markus Hohlweck im Einsatz. Foto: Simone Winneg

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