Tagebuch aus Afrika_Teil 4: Der Container ist da!

von Simone Winneg/Saskia Hankel, 02.09.2008

In ihrem vierten Tagebucheintrag aus Niger berichten Simone Winneg und Saskia Hankel von einem wichtigen Container und fensterlosen Räumen.

Der Container ist da! Montag, 25.08.2008

Heute ist endlich unser heiß ersehnter Container angekommen. Nachdem er "nur" fünf Monate von Deutschland nach Niamey gebraucht hat, konnten wir es kaum noch erwarten, als uns am Wochenende mitgeteilt wurde, dass er sich in Niamey im Zoll befindet.

Es ist schwierig zu vermitteln, mit welchen Gefühlen wir den Container geöffnet haben. Vielleicht kann man es am besten mit Kindern an Weihnachten vergleichen: Spannung und Freude und ein bisschen Angst, ob wohl alles heil angekommen ist nach so langer Zeit.

Rund fünf Monate dauerte der Transport der dringend benötigten Hilfsgüter von Deutschland nach Niger. Foto: humedica

Hand in Hand mit sieben weiteren, tatkräftigen freiwilligen Helfern leerte sich der Container und löste immer wieder kleine Jubelrufe bei uns aus. So viele notwendige Materialen, die eine hochwertige Versorgung der Frauen in unserer Mutter-Kind-Klinik erst möglich machen:

Ein Ultraschallgerät, spezielle Einrichtungen für gynäkologische Untersuchungen und Entbindungen, ein Entbindungsstuhl und ein OP-Tisch. Mehrere hundert Kartons voller Medikamente, Seife und anderem medizinischem Material füllten unser Lager und warten nun auf ihre Verwendung in der Klinik in Kollo.

Nur mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung konnte das alles aus dem Container gehievt werden. Bei Gegenständen mit einem Gewicht bis zu 214 Kilogramm haben wir Frauen uns allerdings dezent im Hintergrund gehalten und die Arbeit den Männern überlassen…

Schmutzig, aber glücklich machten wir uns gemeinsam nach getaner Arbeit über die von humedica mitgesandten Gummibärchen her, die leider ihren eigentlichen Empfänger, den vorherigen Koordinator Sebastian Frank, wegen der langen Verspätung nicht mehr antrafen…. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön in seinem Namen für die Versüßung unseres Alltags.

Bauabnahme auf afrikanische Art. Mittwoch, 27.08.2008

Schon der Weg nach Kollo ist jedes Mal ein Erlebnis für uns. Jetzt in der Regenzeit ist alles grün, Hirse- und Reisfelder ziehen an uns vorbei. Kühe und Ziegen freuen sich über saftiges Gras. Diese Saison ist die arbeitsreichste des Jahres für die Bauern. Überall auf den Feldern sehen wir emsig die Leute arbeiten, Frauen, die große Körbe auf dem Kopf tragen, Kinder, die Eselskarren steuern, Männer, die die Äcker pflügen.

Auf dem Weg zur Klinik in Kollo. Foto: humedica

Die Ernte steht unmittelbar bevor und der Ertrag muss für den Rest des Jahres reichen, denn nach September regnet es für neun Monate nicht mehr, alles verdörrt und das saftige Grün wird sich in trockenes Gelb verwandeln.

In riesigen, braunen Regenpfützen baden fröhlich Kinder und winken uns zu, als wir an ihnen vorbeifahren. Das was ihnen so viel Spaß macht, ruft bei uns eher Sorgen hervor, denn diese Pfützen sind ein Brutherd für Bakterien, Würmer und andere Parasiten, die Durchfall und Hauterkrankungen verursachen.

Dies macht uns wieder einmal deutlich, wie wichtig es ist, endlich die Klinikarbeit starten zu können. Um dem ein weiteres Stück näher zu kommen, treffen wir uns heute mit dem Assistent des Bauleiters in der Klinik zur Bauabnahme. Seit der Abreise von Sebastian Frank sollten noch einige kleine Arbeiten erledigt werden, von deren Fertigstellung wir uns heute gemeinsam überzeugen wollten. Heute ging es also für uns nicht darum, mit glänzenden Augen und Euphorie durch die Klinik zu gehen, in Gedanken die Räume schon mit Leben zu füllen, sondern bewusst nach Mängeln zu suchen.

Das war am Anfang gar nicht so einfach, so überwältigend ist der erste Eindruck immer noch. Da der Assistent etwas Verspätung hatte, also afrikanisch pünktlich war, konnten wir schon vor seiner Ankunft alles genau inspizieren. Als der gemeinsame Rundgang dann startete, warnte Yacouba den Bauassistenten mit den Worten "das sind Deutsche"… Was er wohl damit meinte? Doch nicht etwa unseren Perfektionismus, in jedem Raum jede Türklinke zu drücken, jedes Schloss zu schließen, jede Tür und jedes Fenster zu öffnen, jede Wand auf Farbflecken zu untersuchen, alle Abdeckungen zu zählen und mit der Anzahl von Öffnungen zu vergleichen.

Simone Winneg und Saskia Hankel in traditionellen Gewändern. Foto: humedica

Dieses Vorgehen schien uns anfangs auch ein wenig extrem, zahlte sich aber letztendlich aus. Einige kleinere Mängel konnten wir nur auf diese Weise finden, wie etwa fehlende Türschlösser, nicht arretierte Türen, nicht justierte Fenster. Dinge, die in den nächsten Tagen mit ein paar Handgriffen erledigt werden. Nachdem wir alles auf dem Protokoll vermerkten, noch ausstehende Arbeiten als erledigt abgehakt waren, stand nur noch die Begutachtung des Registrierhäuschens aus.

Und wir staunten nicht schlecht, als wir schon fast routinemäßig die Fenster öffneten und feststellen mussten, dass da gar keine Scheiben drin waren Uns wurde jedoch erklärt, dass dies absichtlich so gelassen wurde, um das Verschmutzen des Glases bei der Installation der Elektrizität zu verhindern.

Ein weiterer, großer Baufortschritt ist diese Woche ebenfalls gemacht worden: der Transformator, der die Klinik mit dem örtlichen Stromnetz verbinden soll, wurde endlich installiert, und damit fehlt nicht mehr viel bis wir die Räume der Klinik mit Licht erhellen können.

Liebe Grüße aus Niger nach Deutschland.
Saskia und Simone

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