Tagebuch aus Afrika_Teil 3: Erste Arbeitseinsätze

von Simone Winneg/Saskia Hankel, 01.09.2008

Saskia Hankel bleibt für knapp zwei Monate, Simone Winneg gar ein halbes Jahr: Die beiden jungen Frauen sollen als Koordinatorinnen im von humedica unterstützten Klinikprojekt in Kollo (Niger) arbeiten. In einem Tagebuch lassen sie uns in unregelmäßigen Abständen an ihrem afrikanischen Alltag teilhaben.

Erstes Treffen mit Dr. Idi, der Startschuss. Montag, 18. August 2008

Unsere erste Begegnung mit dem zukünftigen medizinischer Koordinator der Klinik in Kollo verlief anders als erwartet: er kam eine Stunde früher als geplant, wir saßen Brötchen kauend und mit ungeputzten Zähnen am Frühstückstisch und machten große Augen, genauso wie der Rest der Familie. Geduldig wartete Dr. Idi bis wir "gerichtet" waren und dann folgten Diskussionen, Diskussionen und noch mal Diskussionen.

Ungläubige, fragende, große Augen und die Erkenntnis, dass noch viel Klärungsbedarf besteht und eine Menge Arbeit vor uns liegt. Tatsächlich verbrachten wir die gesamte Woche mit klärenden Gesprächen, Grundsatzdiskussion unserer Vorstellungen zur Nutzung der Klinik, die teilweise stark auseinander gingen. Es wurden aber auch erste konkrete Ergebnisse erzielt.

Nach einigen Tagen der Eingewöhnung rückt der Einsatz für die beiden deutschen Mädels näher. Foto: humedica

Zwei Welten trafen da aufeinander: wir, die von einer grundlegenden Basisversorgung als Anfangspunkt ausgegangen sind und Dr. Idi, der von einer so genannten "Referenzklinik" mit großem Labor spricht und das anbieten will, was die anderen Krankenhäuser nicht leisten können. Seine Erklärungen waren für uns chinesisch und unsere für ihn scheinbar japanisch.

Stück für Stück, langsam, teils mühsam und dank der vermittelnden Rolle von Yacouba konnten wir uns verständigen: den Menschen in der Region Kollo mit höchstmöglicher Qualität helfen, trotz der begrenzten Mittel, die uns im Moment zur Verfügung stehen. Wir hoffen, dass uns weitere Spenden die Anschaffung von Untersuchungsmaterialien für die Klinik ermöglichen und so unser gemeinsames Ziel einer hochwertigen Versorgung der Kranken realisiert werden kann.

Zur Versorgung von schwangeren Frauen ist jedoch der Ausbau der Klinik dringend notwendig, da wir im Moment keine Geburten durchführen dürfen, solange Patienten nicht stationär aufgenommen werden können. Besonders in Anbetracht der katastrophalen hygienischen Verhältnisse im örtlichen Krankenhaus oder bei Hausgeburten, die Mutter und Kind gefährden, ist dies sehr wünschenswert.

Der Wille ist stark aber das Fleisch ist schwach: Nachbarschaftshilfe in Niamey am Donnerstag, 21. August 2008

Das "medizinische Team" rückt aus: nicht, um zu behandeln, sondern um den Verband der Nachbarin zu wechseln… Saskia, die Kinderkrankenschwester und Simone, die hmmm, naja, eigentlich die Koordinatorin, nun aber von Saskia zur "Hilfskrankenschwester" ernannt. Die Nachbarin Fahira hat überall am Körper faustgroße Beulen unbekannter Ursache. Daher wurde vor zwei Wochen im National Hospital von Niamey eine Biopsie am Ellenbogen durchgeführt.

Da ihr das Geld für die Nachsorge der Wunde fehlt, hat sie Renate und uns gebeten, kurz nach der Wunde zu schauen und den Verband zu erneuern. Beim Öffnen des Verbandes bot sich uns ein sehr unschöner Anblick: auf ungefähr fünf Zentimetern wurde die Haut völlig willkürlich mit einem Material zusammengenäht, das einem normalen dicken Bindfaden zum Verwechseln ähnlich sah. Die Nahtstelle wellte sich geschwulstig und die Wunde war infiziert... Alles andere als gute Arbeit.

Und das im größten Krankenhaus in Niamey, wo man eigentlich von guter Versorgung ausgehen sollte. Wenn man solche Dinge hier sieht, möchte ich auf keinen Fall krank werden. Das ist, was Yacouba ein "one-way-hospital" nennt. Eine ironische Einschätzung, die auf fast alle der hiesigen Krankenhäuser zutrifft: Patienten kommen krank rein, aber nicht mehr heraus. Falsche Therapien, unzureichende Diagnosen, stümperhafte Versorgung, Desinteresse gegenüber den Patienten und katastrophale hygienische Zustände sind hier der Normalfall.

Und genau dem will humedica entgegen wirken, indem wir eine Klinik mit guten hygienischen Standards aufbauen werden, in der nicht nur irgendwelche Symptome behandeln werden, sondern Diagnose und qualitativ hochwertige Arbeit im Vordergrund steht.

Zurück zur Nachbarin: Während Saskia die Wunde reinigte, "assistierte" Simone durch das Halten des Armes und das Reichen von notwendigen Materialien… huch.. und auf einmal war die tolle Hilfskrankenschwester kreidebleich… ein leises "äähhh, ich setz mich mal kurz hin", und weg war sie: gerettet auf den nächstbesten Stuhl... Schwindel, Übelkeit, Schweißausbruch…..

Die achtjährige Tochter von Renate und Yacouba, Sarah, musste lebensrettende Sofortmaßnahmen vornehmen: Beine in die Luft. Fragende Blicke von Renate, Saskia und den lokalen Frauen… Aber nach ein paar Minuten Ruhe und Sarahs professioneller Hilfe war schon bald wieder alles gut. Der Verband war ja eh schon längst fertig und wir konnten wieder nach Hause gehen, wo sich alle köstlich über unser Erlebnis amüsierten, allen voran Simone selbst.

Einkaufen in Niamey, Samstag, 23. August 2008

Einkaufen für die Großfamilie ist anstrengend: von einem Supermarkt zum anderen, auf der Suche nach Gas zum Kochen; zwei Kinder an der Hand, die eine schmollt, weil sie den Kuchen nicht kaufen durfte, den sie unbedingt braucht, das andere Kind mit frisch geschnittenen Haaren und einem Mars-Riegel in der Hand versucht, das Auto mit Armbewegungen zum Fliegen zu motivieren.

Der große Fluss, der dem Land Niger seinen Namen gab. Foto: humedica

Das Auto stoppt vor dem Supermarkt: dreihundert Händler stürmen auf uns zu: kauf dies, kauf jenes, das ist toll, jenes ist besser, das ist ganz günstig, das ist ganz schön, ihr braucht das unbedingt, ihr habt schon so lange nichts mehr bei mir gekauft, ich muss doch meine Familie ernähren….. Da fallen Plastikbeutel mit Gemüse einfach so zum Autofenster hinein, damit sie gekauft werden und es fällt einem schwer, die Leute abzuweisen und "Nein" zu sagen.

Wenn man weiß, dass sie auf den Verkauf dieser Dinge angewiesen sind, weil sie sonst keinerlei Einkommen haben, um ihre Familien zu versorgen, fällt es doppelt schwer. Aber wir können ja auch nicht mehr kaufen, als wir brauchen…

Wir sind gespannt, was nächste Woche hier geschehen wird, ob der Container mit Hilfsgütern wohl endlich ankommt, ob die Vorbereitungen für die Klinikeröffnung wie geplant durchführbar sind, welche Leute zu Vorstellungsgesprächen kommen werden und welche kleinen, unvorhergesehenen "Abenteuer" uns erwarten.

Bis zu unserem nächsten Tagebucheintrag verabschieden sich mit lieben Grüßen aus Afrika
Saskia und Simone

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