Äthiopien: Behandlungen zwischen großer Not und Hoffnung

von SRI/Susanne Merkel, 08.05.2008

Erneut war Susanne Merkel, Mitarbeiterin in unserer Abteilung Internationale Projekte und Programme, mit einem ehrenamtlichen Ärzteteam in Äthiopien, um dort Menschen in Not medizinisch zu helfen. Für das Team eine Situation zwischen größter Not und Zuversicht.

Vorbemerkungen

Die Menschen in Äthiopien leiden unter der Dürre. Foto: humedica

Dürre, das Land ist so trocken, wie lange nicht mehr. Bisher hat die kleine Regenzeit ("Belg") fast im ganzen Land noch nicht richtig begonnen. Normal wären einige Wochen Regen zwischen Februar und März. Dieses Jahr fiel der erste Regen Anfang April, und das auch nur in manchen Landesteilen und nicht kontinuierlich.

Für die Bauern viel zu spät. Denn der letzte Regen fiel im September. In vielen Gegenden stirbt das Vieh. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind um mehr als 50 Prozent gestiegen, auch im Zuge der weltweiten Teuerung. Viele Menschen hungern, doch die Presse schreibt nicht darüber.

Straßenkinderprojekt Mercato

Als wir morgens im Projekt ankommen, ist schon die ganze Wellblechhütte voller wartender Patienten. Es gibt viel zu tun, wir packen die Medikamente auf einen wackligen Tisch und los gehts.

Drei Ärzte untersuchen die Wartenden zum Teil mit einem Raum voller Zuschauer, es ist eng. Mittags kommen dann noch etwa 60 Kinder zum Mittagessen, das die zwei Köchinnen den ganzen Morgen zubereitet haben, wir müssen Platz machen. Als wir später wiederkommen, sind neben den anderen Patienten auch noch alle Kinder zum Checkup geblieben. Wie sollen wir das schaffen? Zum Glück hat etwa die Hälfte der Kinder keine Beschwerden, abgesehen von leichten Bauchschmerzen und die Medikamente zur Wurmbehandlung sind schnell verteilt.

Enorm wichtig war die Behandlung der Kinder. Foto: humedica

Mit allen anderen Wartenden werden wir gerade bis zum Einbruch der Dunkelheit fertig. In Äthiopien wird es durch die Nähe zum Äquator jeden Tag um halb Sieben abends dunkel und morgens gegen 6:30 Uhr wieder hell.

Einen Patienten können wir unterstützen: er hat vor Jahren durch einen Lastwagenunfall ein Bein verloren und ist seither arbeitslos. Er hat drei Kinder, die in unser Projekt kommen. Lange litt er unter Depressionen, weil er nichts tun konnte. Nun kann er durch eine Hilfsorganisation ein künstliches Bein bekommen, die Eigenbeteiligung von etwa 70 Euro hat er aber nicht. Als wir ihm zu Hilfe kommen, strahlt er - endlich wieder Hoffnung.

Ein Mädchen mit fortgeschrittener Leishmaniose können wir zur IV-Behandlung ins Krankenhaus schicken. Viele leiden unter Atemwegsinfekten, Gastritis, Rückenschmerzen und anderen Beschwerden.

"Black Lion"-Hospital

Neue Kontakte mit Ärzten in diesem staatlichen Krankenhaus sind entstanden, sie bitten uns um Hilfe. Die Stationen sind zum Teil desolat eingerichtet, obwohl wir uns im Universtitätskrankenhaus des Landes befinden. Besonders schockierend war die Notaufnahme für Kinder.

Lange Schlangen, überfüllte Räume und kaum Hilfsmittel. Da möchte man lieber kein krankes Kind haben oder selbst Notfallversorgung benötigen. Wer arm ist, kann nicht auf eine der wenigen privaten Kliniken ausweichen. Einer der Ausbildungsleiter erzählte uns von dem großen Mangel an Fachkräften.

Unfassbare Zustände im Uniklinikum "Black Lion". Foto: humedica

Mit den Möglichkeiten, mit denen früher jährlich 150 Studenten ausgebildet wurden, werden heute über 300 geschult. Überfüllte Räume, zu wenige kompetente Lehrer und viel zu wenig praktische Anwendungsmöglichkeiten. Wir trafen die Leiter verschiedener Abteilungen: Chirurgie, Pädiatrie, Röntgen, Innere- und Nuklearmedizin.

Ein jeder versicherte uns großes Interesse an Zusammenarbeit und Partnerschaft. Das kann in unterschiedlichen Bereichen sein, von Hilfslieferungen bis zu praktischer Mitarbeit und Lehre.

Projektstandort Awasa

Vier Stunden Fahrt durch Dürre. Finincha und das Tal, in dem wir arbeiten, ist etwas grüner, es hat ein paar Mal geregnet. Gute Nachrichten vom letzten Einsatz: Viele Patienten, denen wir im Oktober Unterstützung da ließen, haben Heilung erfahren. Zwei kleine Jungen (2 Jahre alt, Zwillinge) wurden an den Augen operiert und können jetzt sehen. Zwei andere Patienten erhielten im Krankenhaus Medikamente gegen TBC. Andere gegen Diabetes, eine Frau wurde erfolgreich an einem Augentumor operiert, ein kleiner Junge an Hodenhochstand. Das sind Hoffnungszeichen unter diesen schwierigen Lebensbedingungen, wo jeder Tag zum Kampf wird.

Wir setzen das Gesundheitsseminar für die Frauen aus der Umgebung fort. 23 motivierte weibliche Teilnehmer sind gekommen, mit ihren Büchern, die sie das letzte Mal erhalten hatten. Die anderen kommen nicht, da es in der vergangenen Woche schwere Stammeskämpfe gegeben hat: 23 Tote durch Macheten, rund 345 verbrannte Hütten. Es sind Wahlen, es geht darum, welcher Stamm regiert, Sidamo oder Guji (Oromo). Wir spüren die Angst der Menschen. Verbrannte Hütten sehen wir, die Verletzten sind aber schon versorgt. Nur der Schulbetrieb ist seit Tagen lahmgelegt. Die Eltern lassen ihre Kinder nicht weg.

Mehr als 20 Frauen wurden in verschiedenen sozialen Fragen geschult. Foto: humedica

Unser Besuch ist Ermutigung, langsam belebt sich das Gelände wieder. Die Registrierung durch die Gemeindevorsitzenden klappt, bevorzugt werden Frauen und Kinder behandelt, täglich mehr als 120 Patienten. Bald spricht sich herum, dass wir gespendete Brillen dabei haben, plötzlich braucht jeder eine Brille. Manch einer geht ganz glücklich mit einer Lesebrille davon, andere können wieder in die Ferne sehen. Eine Brille, auch ein Statussymbol, das sich kaum einer leisten kann. Bei einigen stellen wir fest, dass sie mit den ungeschliffenen Gläsern zuletzt am besten sehen, aber auch diese Brillen verteilen wir gerne. Schützen sie doch zumindest ein wenig vor Staub und Sonne.

Beim Frauenseminar behandeln wir diesmal die Themen, die sich die Frauen beim letzten Mal gewünscht haben. HIV, ansteckende Krankheiten, Parasiten, Malaria, Hygiene und erste Hilfe. Am letzten Vormittag das Thema FGM (female genital mutilation - Beschneidung), die Atmosphäre ist gut, die Frauen stellen viele Fragen. Trotz staatlichem Verbot wird in der Gegend beschnitten. So ist es Tradition.

Wir können viele Vorurteile ausräumen, etwa, dass die unbeschnittenen Frauen Probleme bei der Geburt haben. Oder dass sie ohne Beschneidung nicht ihrem Mann treu sind.

Auf dem Weg nach Addis

Auf dem Rückweg nach Addis werden im Umfeld von Debre Zeit arme Bauernfamilien von unserem Partner Bethany Children’s Village behandelt. Auch hier halten wir einen Nachmittag Seminar über Hygiene, Prävention und erste Hilfe. Das Hauptproblem in dieser Gegend ist Wassermangel. Der Untergrund besteht aus Fels, es muss gebohrt werden. Pro Meter kostet das ca. 70 Euro. Das Wasser wird in 20 Metern Tiefe vermutet. Bisher ist die Wasserstelle 3 Kilometer entfernt. Da wird nicht oft gewaschen, zumal sie fürs Wasser bezahlen müssen. Dies erwähnen auch die unterrichteten Frauen - sie würden gerne öfter waschen.

Weitere Zusammentreffen gibt es mit Pastor Takele aus Sheshamane. Er organisiert einen Tag medizinische Untersuchung in einer Schule mit Kindergarten für uns. Angefragt hat auch die jüdische Gemeinschaft in Addis, deren Mitglieder in großer Armut leben und auf Ausreisevisa nach Israel warten. Sie würden gern von unserem nächsten Team behandelt werden.

So gibt es immer wieder neue Möglichkeiten in einem der ärmsten Länder der Welt, wo Hilfe wirklich ankommt!

Bitte unterstützen Sie unsere Ärzteeinsätze in Äthiopien und anderen Teilen der Erde mit einer gezielten Spende. Vielen herzlichen Dank.

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