Zwei humedica-Projektleiter beenden ihren Einsatz im Darfur

von Joachim Panhans, 27.03.2007

Celia Senkel (humedica Deutschland) bei einem Projektbesuch

Ein Interview mit Hans Musswessels und Khalid Paffenholz, die über einen längeren Zeitraum für humedica im Sudan tätig waren. Sie haben das Projekt und humedica sehr stark geprägt. humedica ist nun die stärkste NGO (= Nichtregierungsorganisation) in und um Nyala (Süd-Darfur). Wir helfen etwa 150.000 Menschen mit basismedizinischer Versorgung, betreuen 2.500 Schulkinder und sorgen für 10.000 Flüchtlinge als Camp Manager. Zum Ende ihres Einsatzes hier ein Interview.

Befragt durch Markus Köhler:

Könnt Ihr Euer Leben im Sudan in wenigen Worten kurz beschreiben, damit unsere Spender eine Idee bekommen, was es heißt, hier 13 Monate zu leben.

HM: Meine Zeit hier war dadurch geprägt, sich immer wieder daran zu erinnern, warum wir hier sind, als Helfer für die leidenden Menschen. Das war immer der Mittelpunkt des Lebens hier. Hinzu kam die Arbeit mit unseren einheimischen Angestellten, von denen einige zu wirklichen Freunden geworden sind. Die Lebensumstände als solches, waren manchmal eine Belastung, jedoch nicht ausschlaggebend für unsere Arbeit hier. Der Umgang mit einer anderen Kultur ist zeitgleich eine Herausforderung, aber auch eine große Erfahrung.

KP: Die hiesigen Umstände sind sehr fordernd. Unser Leben und unsere Arbeit werden von einer prekären Sicherheitslage bestimmt. Wir müssen eine Reihe von Sicherheitsmaßnahmen einhalten, um die Sicherheit unserer Teams und für uns zu gewährleisten. Man lebt also in dementsprechend in einer ständigen Anspannung. Daneben sieht man täglich das Leid der Menschen, die aufgrund von Angriffen aus ihren Dörfer flüchten müssen, in den Camps Zuflucht suchen und in den meisten Fällen nicht mehr mitnehmen konnten, als die Kleider am Leib. Trotz dieser Trostlosigkeit sehe ich allerdings auch eine Menge Hoffnung, da die Menschen hier eine bewundernswerte Ausdauer und Überlebenswillen besitzen. Viele richten sich in den Camps, trotz der leidvollen Erfahrungen, ein und fangen an, eine neue Existenz aufzubauen und geben trotzdem nie die Hoffnung auf, eines Tages wieder in ihre Dörfer zurückkehren zu können.

Khalid, Du bist Camp Manager, ein Tätigkeitsbereich, den humedica erst mit Dir erschlossen hat. Kannst Du vielleicht kurz Deinen Werdegang und Deine Tätigkeit im Sudan beschreiben?

Khalid, als Camp Managers eigentlich unersetzlich, als Mensch die Anlaufstelle für alle großen und kleinen Sorgen.

KP: Ich habe ursprünglich als Administrator angefangen, habe mich allerdings schnell in andere Bereiche eingearbeitet und so kam es, dass ich angesprochen wurde, die Leitung eines Flüchtlingscamps hier zu übernehmen. Das Leid in diesem Camp war enorm groß, da kaum eine Organisation dort gearbeitet hat. Ich musste mit einer Vielzahl von Organisationen verhandeln, um die Flüchtlinge in diesem Camp mit dem Allernotwendigsten, wie Wasser, Essen und einer sehr einfachen Unterkunftsmöglichkeit, zu versorgen. Danach galt es, einige von diesen Organisationen dazu zu bewegen, eine dauerhafte Präsenz im Camp aufzubauen, um die Versorgung auch langfristig zu sicher. Mit der Zeit kamen immer mehr Organisationen ins Camp, um ihre Dienste anzubieten. Meine Hauptaufgabe war es, die Arbeit all dieser Organisationen zu koordinieren, auf Lücken aufmerksam zu machen und Wege mit den Partnern zu erarbeiten, um diese Lücken zu schließen. Im Prinzip kann man die Arbeit eines Camp Managers mit der eines Bürgermeisters vergleichen.

Wenn Du rückblickend die Zeit in einem Satz/Spruch zusammenfassen könntest, wie würde der Satz/ Spruch wohl lauten?

HM: Wir konzentrieren uns nicht auf das, was wir gerade nicht können, sondern auf das, was wir umsetzen und leisten können.

KP: Nichts ist unmöglich, wenn man nur daran glaubt und bereit ist dafür hart genug arbeiten.

Was waren die größten Herausforderungen in dieser Zeit?

HM: Das ständige Leben in Grenzbereichen, persönlich, aber auch im Bereich der Sicherheit für unsere Mitarbeiter. Zu wissen und zu erkennen, dass wir das Risiko, uns zu bewegen und zu arbeiten, in bestimmten Gebieten und Gegenden, richtig einschätzen. Das Wissen, dass andere von unserer Entscheidung abhängig sind, ist ein stetiger Druck, welcher 24 Stunden auf einem lastet.

KP: Die größte Herausforderung hier war das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, ihnen zu zeigen, dass unsere Arbeit keine politische oder anderweitige Aussage treffen soll, sondern dass wir hier sind, um den Menschen zu helfen, unabhängig von ihren Herkunft, Zugehörigkeit, Glauben oder Rasse. Wenn man dieses Vertrauen gewonnen hat, kann man hier eine Menge bewegen.

Gibt es vielleicht ein Schlüsselerlebnis, das prägend war für die Arbeit von humedica vor Ort?

Ein Bild das Bände spricht. Akzeptiert, geliebt und schon fast ein halber Sudanese, Hans Musswessels. Er hat das Herz auf dem rechten Fleck.

HM: Unser Einsatz während eines Cholera-Ausbruchs im Oktober 2006 im Jebel Mara Gebiet. Dies ist eine von Rebellen kontrollierte Gegend, und nur schwer zugänglich. humedica war als eine der wenigen INGO´s in der Lage, dort tätig zu werden, weil wir hier im Sudan stets unsere Unabhängigkeit bewahrt haben, in Bezug auf Hilfsleistungen für alle vom Konflikt Betroffenen. Dieses hat uns gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind, und von allen Konfliktparteien auch so gesehen und akzeptiert werden. Hinzu kam, dass wir in der Lage waren, innerhalb von 24 Stunden auf eine konkrete Anfrage von verschiedenen UN Organisationen und lokalen Autoritäten, zu reagieren.

KP: Den Respekt, den humedica sich hier bei den lokalen Autoritäten, UN und anderen Organisationen erarbeitet hat, ist hauptsächlich darauf zurück zu führen, dass wir schnell auf akute Krisen reagiert haben und dass wir auch bereit waren, neue Bereiche zu erschließen, in denen wir noch keine Expertise besaßen, wie z.B. das Camp Management. All dies sind Schlüsselerlebnisse gewesen, die humedica nach vorn gebracht haben.

Was war das schönste Erlebnis in dieser harten Zeit für Euch persönlich?

HM: Der Aufbau unserer Entbindungseinheiten in drei Lagern. Das hat einen großen Effekt und wir erlebten sehr eindrucksvoll, wie mit geringen Mitteln die Sterblichkeitsrate von Neugeborenen auf Null gebracht werden kann.

KP: Für mich persönlich war das schönste Erlebnis zu sehen, wie aus einem der am schlechtesten versorgten Camps ein blühendes kleines "Städtchen" geworden ist.

Was war die härteste Erfahrung?

HM: Der Überfall auf eine unserer mobilen Kliniken. Das war für mich persönlich ein einschneidendes Erlebnis, weil es bedeutete, vielleicht Fehler gemacht zu haben. Fehler in dem Sinne, etwas vergessen oder versäumt zu haben in Fragen der Sicherheit, oder der falschen Einschätzung der Lage vor Ort. Wir haben nie eine 100%ige Sicherheit, und ein Restrisiko besteht zu jeder Zeit, jedoch sind wir immer bemüht, dies auf ein Minimum zu reduzieren.

KP: Vorübergehend das gesamte Sudanprojekt zu leiten, während wir mitten in einer Expansionsphase unseres Projektes waren und wir nur drei deutsche Mitarbeiter waren. (Hans war mit humedica im Libanon unterwegs.)

Was nimmst Du für Dein weiteres Leben mit?

HM: Zu wissen, dass mehr möglich ist, als man anfangs denkt. Etwas zu tun, auch bereit sein, Fehler zu machen, ist immer mehr, als nur darüber zu reden, was man tun könnte, jedoch nicht umsetzt.

KP: Alles was ich hier im Sudan erlebt und gearbeitet habe, sind unbezahlbare Erfahrungen für mein weiteres Leben, die ich auf gar keinen Fall missen möchte.

Was wünschst Du den Binnenvertriebenen im Sudan?

HM: Ich wünsche ihnen, dass sie wieder eine Heimat haben, dass sie wieder Vertrauen finden im Umgang miteinander und nicht zuletzt, die Gewissheit, dass man sie nicht allein lässt mit ihrem Schicksal.

KP: Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass diese Menschen bald nicht mehr in Camps unter menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen und wieder in ihre Dörfer zurück kehren können.

Was würdest du humanitären Helfern raten?

HM: Die Wachheit und die Kraft, um sich stets vor Augen zu führen, warum wir dort tätig sind. Das wissen um seine eigenen Möglichkeiten, und die Fähigkeit, auch sich selbst zu schützen und zu regenerieren, denn nur dann ist es auch möglich, sich ganz seiner Aufgabe zu widmen.

KP: Dass sie trotz der vielen Enttäuschungen, die man hier manchmal erlebt, ihren Glauben und Zuversicht nicht aufzugeben, dass ihre Arbeit hier wirklich etwas verändert.

Was würde Deiner Meinung nach passieren, wenn humedica das Land nun verlassen würde?

HM: humedica wird mit den neuen Aufgaben Hilfe für ca. 150.000 Menschen leisten. Diese Menschen sind auf uns angewiesen, besonders Kinder und schwangere Frauen. Sollte diese Unterstützung wegfallen, hätte es fatale, und wohl auch für einige von ihnen, tödliche Folgen. Nicht zuletzt ist unser Wirken vor Ort ein Zeichen der Hoffnung, dass wir sie nicht vergessen haben, und für sie da sind. Besonders unsere ehrenamtlichen Teams sind dabei ein eindrucksvoller und wichtiger Baustein.

KP: Alle Organisationen hier arbeiten bis an ihre Kapazitätsgrenzen und manchmal darüber hinaus. Wenn humedica das Land nun verlassen würde, hinterließe das eine erhebliche Lücke, vor allem weil wir durch unsere Arbeitsweise hier einiges schaffen, was andere, große Organisationen nicht leisten können.

humedica bedankt sich herzlich für Euren hervorragenden Einsatz. humedica ist auch dank Euch an diesem Projekt gewachsen. Wir wünschen Euch für die bevorstehende Urlaubszeit alles Gute, viel Ruhe und Erholung. Wir würden uns freuen, wenn wir bald wieder gemeinsam in ein Projekt mit ähnlich großen Herausforderungen gehen könnten.

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