"Sidr": Chaos, Zerstörung und Leid in Barguna

von Dieter Schmidt, 07.12.2007

Im zweiten Teil seines Erfahrungsberichtes erzählt Koordinator Dieter Schmidt von der beschwerlichen Anreise in den Distrikt Barguna und den ersten Eindrücken inmitten des Zentrums der Katastrophe.

Zerstörung dominierte das Bild auf dem Weg nach Barguna. Foto: Jens Großmann

Etwa zwei Stunden dauert die Anreise zu dem Schiff, mit dem sich weitere tausend Menschen auf den Weg in den Süden des Landes, in die Gegend von Barguna, machen. Dort, wo "Sidr" am schlimmsten wütete. Meist Menschen, die in ihre Heimatdörfer wollen um nach Verwandten zu suchen. So, wie auch Dr. Laleen, ein einheimischer Chirurg und Notfallmediziner, der in Dhaka arbeitet und für eine Woche in sein Heimatdorf will, um zu helfen. Markus trifft ihn auf dem Deck und kommt mit ihm ins Gespräch. Was wir jetzt noch nicht wissen ist, dass sich unsere Wege bald noch einmal kreuzen werden und er für zwei Tage unser humedica-Team in einem Dorf unterstützen wird. Dr. Laleen erzählt uns von seiner 85-jährigen Großmutter, die tot aufgefunden wurde - auf einer 20 Meter hohen Palme. Wir bekommen einen ersten Eindruck, welche Gewalt "Sidr" hatte und was uns in unserem Einsatzgebiet erwarten wird.

Es wird jetzt aber erst einmal noch weitere 17 Stunden dauern, bis wir wieder an Land gehen können. Wir reisen durch die Nacht. Unzählige Menschen liegen und hocken dicht an dicht auf ihren Matten, Sitzgelegenheiten gibt es nicht. Da ist es schon fast ein Privileg, dass wir - jeweils zu zweit samt Medikit und unserer Ausrüstung - spezielle Kabinen belegen können. Diese Blechbüchsen messen ca. 1,30 x 1,80 Meter, sind 80 Zentimeter hoch, mit einer sehr "erfahrenen" dünnen Matratze ausgelegt, die Wände sind mit Zeitungspapier tapeziert und es stinkt ätzend nach Teer. Aber die Ausrüstung ist sicher abschließbar, und da wir alle hundemüde sind legen wir unsere Schlafsäcke als Schutzschicht zwischen Matratze und uns und hauen uns aufs Ohr. Markus zieht es aus verschiedenen Gründen vor, lieber draußen auf dem Vordeck zu schlafen - zumal er mit seinen 1,94 Meter Körpergröße auch nur irgendwie diagonal in unsere Kabine gepasst hätte… Er war es auch, der uns dann bei Sonnenaufgang erzählte, dass wir in der Nacht wohl nur recht knapp einem Zusammenstoß mit einem anderen Schiff entgangen sind, weil sich die Steuermänner wohl erst sehr spät entscheiden konnten, wer wohin ausweicht…

Als wir dann die ersten Anlegeplätze anlaufen, sehen wir bereits die ersten Schäden von "Sidr": Unterspülte Gebäude, entlaubte und umgestürzte Bäume, zerstörte Boote. Noch immer dauert es, bis wir an unser Ziel kommen. Vor der Landung müssen wir noch prüfen, ob wir unser Gepäck vollständig dabei haben und dann heißt es, über eine schmale Planke an Land zu balancieren - bepackt wie die Mulis. Dort treffen wir Dr. Datta von unserer Partnerorganisation KOINONIA, der bereits seit einigen Tagen in der Region ist, uns abholt und zu unserer Unterkunft nach Barguna begleitet. Wir verstauen unsere Sachen in den Zimmern und machen uns auf den Weg zum Büro der Faria Lara Foundation, einer lokalen Hilfsorganisation, mit denen KOINONIA zusammenarbeitet und die uns weitere wichtige Mitarbeiter stellt: Ohne lokale Übersetzer, Fahrer etc. ist eine effektive Hilfeleistung für Fremde kaum möglich.

An allen Behandlungsorten der Ärzteteams bildeten sich lange Warteschlangen. Foto: Jens Großmann

Ein Besuch im einzigen Krankenhaus der Gegend soll uns dort bekannt machen (wir wollen unterstützen, nicht konkurrieren) und einen schnellen Überblick über die hier vorhanden Behandlungsmöglichkeiten bieten. Der Anblick dort ist schockierend: Absolut katastrophale hygienische Verhältnisse, kein Strom (dadurch beispielsweise auch keine Röntgendiagnostik), totale Überbelegung, schlimme Verletzungen - von Brüchen über Verbrennungen bis zur Querschnittslähmung, praktisch keine OP-Möglichkeiten und nur geringe Chancen, Patienten in das nächste größere Krankenhaus, dem Medical College im 90 Kilometer entfernt gelegenen Barisal, zu verlegen. Furchtbare Bedingungen für die betroffenen Menschen. Rahmenbedingungen, die wir akzeptieren und mit denen wir von nun an umgehen müssen.

Inzwischen Nacht geworden, treffen wir uns noch bei Kerzenschein (es gibt schließlich in der ganzen Gegend keinen Strom, von vereinzelter Generatorenversorgung einmal abgesehen) mit dem lokalen Regierungsvertreter, der die Liste unserer geplanten Einsatzorte absegnet und uns volle Unterstützung zusagt. humedica ist - wie so oft auch schon in anderen Einsätzen - auch hier wieder die erste internationale Hilfsorganisation im Katastrophengebiet.

zum ersten Teil des Berichts von Dieter Schmidt

zum dritten Teil des Berichts von Dieter Schmidt

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