"Sidr" Bangladesch: Aus dem Schnee mitten in die Katastrophe

von Dieter Schmidt, 03.12.2007

Dieter Schmidt war als Koordinator verantwortlich für den Ersteinsatz im Katastrophengebiet Bangladesch. Nach seiner Rückkehr verfasste er einen bewegenden Bericht, der einen hervorragenden Einblick in die tägliche Arbeit des Teams gewährt. Wir stellen Ihnen Dieter Schmidts Eindrücke innerhalb der nächsten Tage in mehreren Teilen zur Verfügung.

Ein starkes Team auf dem Weg ins Katastrophengebiet. Foto: humedica

Es ist Samstag, der 17. November 2007. Strahlender Sonnenschein macht die Skiabfahrt von unserem Nesselwanger Hausberg, der Alpspitze, zum Vergnügen. Es war ein früher Wintereinbruch dieses Jahr, und so genieße ich jede Minute - bis mein Handy klingelt… . Markus Köhler von der humedica-Zentrale in Kaufbeuren ist am Apparat - es wird Ernst. Bereits am Vorabend hatte er eine SMS versendet, um anzufragen, wer an einem Einsatz in Bangladesch teilnehmen könnte. Der Zyklon "Sidr" hat das Land am Golf von Bengalen schlimm getroffen. Mit bis zu 250 Kilometern pro Stunde raste er über das Land, im Küstenbereich gefolgt von einer meterhohen Sturmflut. Die schnell steigende Zahl der Todesopfer lässt Schlimmes befürchten. Waren es zunächst wenige hundert, wird schnell klar, wie schlimm es das Land wirklich getroffen hat: die offiziellen Opferzahlen werden immer wieder korrigiert - nach oben, die Regierung von Bangladesch bittet um internationale Hilfe. humedica reagiert umgehend, in Kaufbeuren laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren.

Leider habe ich nicht mehr ausreichend Jahresurlaub für diesen Einsatz. So bin ich über die Zusage unseres Geschäftsführers dankbar, die er mir bereits für meinen letzten Einsatz im Libanon gegeben hatte - nämlich jederzeit unbürokratisch freigestellt werden zu können. Für mich bedeutet das an diesem Tag das Ende des Skivergnügens und ich stürze mich von der Piste direkt in die Vorbereitungen für diesen Einsatz: Ausrüstung packen, Impfschutz checken - und möglichst viele Informationen im Internet recherchieren.

Der nächste mögliche Flieger geht Montag abend ab München. Ein Arbeitskollege bringt mich nach Kaufbeuren, wo fleißige Hände bereits unser "Medikit" - die Ausrüstung für eine mobile Klinik für etwa 3000 Menschen - und weitere Ausrüstungsgegenstände vorbereitet haben. Eine letzte Abstimmung noch mit Logistik, der Projektabteilung und Wolfgang Groß von der humedica-Geschäftsleitung und schon sitze ich mit Thomas Lang im Kombi, der mich und 250 Kilogramm Medikamente sowie Ausrüstung zum Flughafen München bringt.

Die Zollformalitäten sind schnell erledigt - dank der guten Vorbereitung in der Zentrale. Beim Einchecken am Sperrgepäckschalter müssen wir dann aber doch noch eine intensive Kontrolle über uns ergehen lassen: der Röntgenscanner hat ungewöhnliche Inhalte gemeldet. Kein Wunder - schließlich reist ja nicht jeder mit Tausenden von Tabletten, Salben, Spritzen und sonstigen Medikamenten durch die Gegend. Aber schließlich haben wir ja nichts zu verbergen, so dass diese Überprüfung dann doch bald abgeschlossen ist. Dankbar sind wir darüber, dass die Fluglinie "Emirates" dieses Übergepäck kostenlos mit transportiert - wieder einmal. So können die Gelder unserer Spender in Hilfsgüter investiert werden, anstatt in Transportkosten.

Den Flug nach Dubai nutze ich, um die letzten Informationen und Dokumente unserer Zentrale mit den von mir recherchierten Informationen zusammen zu fassen, Wichtiges zu markieren und einsatzgerecht zu strukturieren. In Dubai angekommen treffe ich dann die weiteren Mitglieder unseres Teams: Sandra Schuckmann-Honsel (die ich auf einem humedica-Koordinatorentraining in der Woche vor dem Einsatz kennen gelernt habe), sowie Dr. Christina ("Nina") Doench und Dr. Markus Hohlweck, die gemeinsam aus Düsseldorf anreisen. Ein echtes Dreamteam, wie sich im Laufe unseres Einsatzes herausstellen sollte… Die Wartezeit bis zu unserem Abflug nach Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, nutzen wir zur gegenseitigen Vorstellung, sowie Einsatzbriefing und Informationsaustausch.

Willkommen in einer anderen Welt - alltägliches Chaos auf den Straßen Dhakas.
Foto: Dieter Schmidt

Dann geht es endlich los. Alle sind gespannt, was vor uns liegt. Kein Einsatz ist wie der andere. Stets sind es neue Menschen, andere Rahmenbedingungen und Umgebungsparameter. Als wir dann am nächsten Tag in Dhaka ankommen, erwarten uns bereits Mitglieder unserer lokalen Partnerorganisation Koinonia. Und die müssen erst einmal Geduld haben, bis wir aus dem Flughafen herauskommen; weigern sich doch die Einreisebehörden anfänglich hartnäckig uns ein 30 Tage-Visum auszustellen - normal sind 14 Tage. Schade, dass Bürokratie katastrophenresistent ist... . Nach zähen Verhandlungen, Rücksprache bei vorgesetzten Dienststellen und einem schnell noch formlos aufgesetzten schriftlichen Antrag erhalten wir es dann doch: unser Team darf sich für 30 Tage im Land aufhalten und Hilfe leisten. Mitten in der Nacht erreichen wir dann ein Gästehaus, dessen Betten uns eine erholsame Nachtruhe bescheren. Im Flugzeug konnte nämlich keiner von uns so recht schlafen… .

Bevor es in das eigentliche Einsatzgebiet gehen kann, gilt es dann am Folgetag noch weitere - ungeplante - Dinge zu erledigen. Unsere weiblichen Teammitglieder brauchen landesgemäße Gewänder, da sie sonst in den sehr abgelegenen Gebieten mit überwiegend muslimischer Bevölkerung nicht akzeptiert werden würden. Um die im gleichen Flieger mitgebrachte Zusatzlieferung Medikamente (fast eine Tonne!), die uns vom Hilfswerk action medeor zur Verfügung gestellt wurde, durch den Zoll zu bekommen, braucht es weitere Papiere und detaillierte Packlisten. Und nicht nur das: wir benötigen die Genehmigung von der Regierung, die wir dann dank guter Kontakte unseres lokalen Partners schließlich auch bekommen. All das braucht Zeit. Aber schließlich sind wir hier Gäste im Land, die regionalen Spielregeln akzeptieren müssen - und wollen. Nur so kann letztlich ein Einsatz gelingen.

Als wir uns dann endlich auf den Weg ins Einsatzgebiet machen wird schnell klar, welche Umgebungsbedingungen dort auf uns warten: Nahezu die gesamte Infrastruktur in den von "Sidr" getroffenen Landesteilen ist zerstört. Straßen sind blockiert. Die Anreise ist für uns nur per Schiff möglich. Das "Medikit" kann mit, die Medikamente müssen dagegen später nachgeliefert werden. Mit ihm können unsere Ärzte anfangen zu arbeiten - Gott sei Dank! Und die anderen Medikamente werden wir auch noch rechtzeitig bekommen. Machen wir uns also auf den Weg.

Teil 2 des Berichts von Dieter Schmidt folgt in wenigen Tagen.

Die Hilfe von humedica im Katastrophengebiet Bangladesch dauert an. Mittlerweile sind drei Ärzteteams am Ort, um gezielt zu behandeln. Bitte helfen Sie uns mit Ihrer gezielten Spende, diese Maßnahmen weiterhin realisieren zu können. Unterstützen Sie uns bitte bitte unter dem Stichwort "Fluthilfe Bangladesch" auf das Konto Nr. 47 47 bei der Sparkasse Kaufbeuren, BLZ 734 500 00. Vielen herzlichen Dank.

zum zweiten Teil des Berichts von Koordinator Dieter Schmidt

zum dritten Teil des Berichts von Koordinator Dieter Schmidt

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