"In Pakistan ist das Schlimmste längst nicht vorbei"

von Steffen Richter, 03.08.2007

David Darg ist Internationaler Projektkoordinator unserer Partnerorganisation "Operation Blessing" und nterstützt umedica-Mitarbeiter Nils Stilke bei der Hilfsgüterverteilung in den von der Flutkatastrophe betroffenen Gebieten Pakistans. Für eine Tochterfirma der Nachrichtenagentur REUTERS (www.alertnet.org) fasste er seine Eindrücke in einen spannenden Bericht.

Als ich vergangene Woche Vorkehrungen für meine Reise nach Pakistan traf, machten sich meine Freunde lustig, und sagten: Wieso fährst du denn nach Pakistan? Wir haben doch auch hier genügend Fluten, um die Du dich kümmern könntest?

Dennoch, trotz aller Szenen der Verwüstung in Großbritannien, hat schließlich jeder von Ihnen verstanden, warum ich aufbrach zu einer ähnlichen Katastrophe, die Tausende von Meilen entfernt liegt. Immer wieder überschwemmen Fluten in Asien den Kontinent. Pakistan trifft die Wucht der Überschwemmungen mit am Schlimmsten.

Mitte Juni baute sich Zyklon "Yemyin" über dem Arabischen Meer auf und zog direkt nach Pakistan. Am 23. Juni erreichte er das Land und verursachte vier Tage lang regelrechte Sturzfluten in den Provinzen Baluchistan und Sindh. Die daraus resultierenden Überschwemmungen kosteten 319 Menschenleben, 224 werden bis heute vermisst. 377.000 Personen wurden vertrieben und allein in Baluchistan und Sindh wurden 80.000 Häuser zerstört. Insgesamt sind 2,5 Millionen Menschen von dieser Katastrophe betroffen.

Ich erreichte das überschwemmte Gebiet und wurde Teil eines Teams, das von unserer deutschen Partnerorganisation humedica betreut wird. Während des vergangenen Monats unterstützten Operation Blessing und humedica die Flutopfer mit Baumaterialien für Hütten. Da Tausende unter Obdachlosigkeit leiden, sind Unterkünfte eines der wichtigsten Bedürfnisse für die leidende Bevölkerung.

Viele Familien kampieren entlang der Straßenränder in der sengenden Sonne bei Temperaturen um 50 Grad Celsius. Straßen sind immer noch das einzige Land, das nicht überschwemmt ist.

Während meines ersten Tages im Notstandsgebiet war ich schockiert, als ich kilometerweit an Straßen entlang lief, die auf beiden Seiten von kranken Kindern flankiert wurden. Sie saßen inmitten der wenigen Habseligkeiten saßen, die ihre Familie während der Flucht noch retten konnte. Da die Monsunzeit immer näher rückt, wird sich das Elend der Obdachlosigkeit noch verschlimmern.

Als ob die sengende Hitze und das unübersichtliche Straßennetz Hilfsaktionen noch nicht schwierig genug machen würden, besteht außerdem für Hilfskräfte ein latentes Kidnapping-Risiko, sowie die Gefahr von gewalttätigen Übergriffen extremistischer Gruppen, die es bereits geschafft haben, Baluchistan zu einem der gefährlichsten Plätze auf der Welt zu machen.

Als ich gerade Hilfsmaßnahmen mit einem Ladeninhaber diskutierte, erwähnte dieser im Gespräch die koreanischen Geiseln, die gerade in Afghanistan gefangen gehalten werden. "Haben Sie denn keine Angst", fragte er mich staunend. In einem Gebiet, in dem Mitarbeiter von Hilfsorganisationen schon beim Erwähnen ihres Namens zusammenzucken, ist es schwierig, nicht nervös zu werden. Nach dem Bombenangriff durch die US-Armee auf die Afghanische Tora Bora-Region 2001, wird nicht nur gemunkelt, dass Osama Bin Laden über die Grenze nach Baluchistan geflohen ist. Eines ist sicher: Falls Bin Laden wirklich in Baluchistan ist, ist er nach dem Zyklon "Yemyin" sicherlich ziemlich nass.

Am ersten Tag regnete es so stark, dass die Alarmglocken überall zu hören waren. Hunderte von pakistanischen Polizisten begannen mit der Evakuierung von Menschen in den niedriger gelegenen Gebieten.

Dies ist nicht das erste Mal, dass dieses Gebiet von massiven Überflutungen betroffen ist. 1994 wurde das Gebiet so schwer überschwemmt, dass die Dämme nahe der Grenze zu Baluchistan/Sindh auf ihre Höchstbelastbarkeit getestet wurden. Der Zyklon "Yemyin" hat diese Grenze überschritten. Die pakistanischen Behörden kümmerten sich um die Sicherheit während unserer Aktionen und waren eine der kooperativsten und hilfreichsten Gruppen, mit denen ich jemals gearbeitet habe. Ein Major, mit dem ich sprach, war Teil der Evakuierungsprozedur: "Wir hatten die Menschen gewarnt, dass noch mehr Wasser kommen wird", sagte er. Die Soldaten schafften es, Tausende von Menschen in höher gelegene Gebiete umzusiedeln und außerhalb der Gefahrenzone zu bringen. Aber sie hatten keine rechtliche Grundlage, die Menschen zu zwingen, ihr Haus zu verlassen und während der letzten Regennacht durchbrach die Flut Damm an über 40 Stellen und hunderte Menschen und Tiere wurden einfach weggeschwemmt.

An manchen Stellen geht das Wasser nun zurück und gibt das Ausmaß dieser Katastrophennacht preis. Tierkadaver liegen in schmutzigen Wasserpfützen und Felder, auf denen einst Getreide wuchs, wurden in Schlammseen verwandelt, auf denen überall verstreut Überreste der Farmhäuser zu finden sind. Reis ist das Hauptnahrungsmittel in der Region und der Verlust dieser Ernte wird katastrophale Folgen haben. Noch schlimmer aber ist die Zerstörung des komplizierten Netzwerks der Bewässerungskanäle und -gräben, welche für die Reisbewässerung so wichtig sind.

Da Hunger und Malaria immer mehr zum Problem werden, wurde ein Zuschuss von der deutschen Regierung zugesichert und so sind wir in der Lage, Lebensnotwendiges, zusätzlich zur Verteilung unserer eigenen Hilfsgüter, beizusteuern: Reis und Milchpulver um den Hunger zu lindern, Seife zur Verbesserung der Hygiene und gegen Hautkrankheiten, und nicht zuletzt Mückennetze zum Schutz gegen die Moskitoplage und die daraus resultierende Malaria.

Die Anzahl der hilfsbedürftigen Menschen schwankt immer noch und es gibt Befürchtungen, dass die internationale Aufmerksamkeit, die dieses Unglück geweckt hat, viel zu gering ist. Mein Freund, der pakistanische Major, meint, dass es weitere 30 Tage dauern wird, bis das Wasser endgültig verschwunden ist.

Es sieht so aus, als ob die Dämme, die eigentlich gebaut wurden, um Überflutungen zu verhindern, nun bewirken, dass das Wasser ziemlich effektiv und lange in den überfluteten Gebieten gehalten wird. An einigen Stellen hatte das Wasser bereits eine Tiefe von fast vier Metern erreicht. Nun, über einen Monat später, erreicht der Wasserstand immer noch eine Höhe von fast zwei Metern. Ich stand auf dem Wall aus Erde und konnte sehen, dass sich die Flut bis zum Horizont erstreckte. Der Wind wirbelte kleine Wellen auf, die sich am Damm brachen. Ohne die Baumkronen, die aus dem Wasser herausragen, hätte ich ebenso gut am Ufer eines Ozeans stehen können. Ähnliche "Ozeane" bilden sich momentan überall in Asien, seit die Region durch das schlimmste Wetter gebeutelt wird, das seit Aufzeichnung des Wetters registriert wurde.

Anders als beim Erdbeben 2005, als der Fokus der Hilfsorganisationen darauf lag, Pakistan beim Wiederaufbau zu unterstützen, muss Pakistan diesmal die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit mit seinen ebenso von der Flut betroffenen Nachbarn, quer über den Kontinent, teilen.

Durch die Hitze lasse ich mich nicht stören und ich fühle mich durch den Schutz der Polizisten sicher, aber ich befürchte, dass die Flutkatastrophen in Asien (ebenso die in England), die internationale Hilfsbereitschaft und Aufmerksamkeit für einzelne, individuelle Flutkatastrophen reduzieren. Die pakistanischen Flutopfer brauchen unbedingt mehr Hilfe, als sie derzeit erhalten. Die Katastrophe ist immer noch immer längst nicht bewältigt.

David Darg, Internationaler Projektkoordinator für Operation Blessing (Partnerorganisation von humedica in Pakistan)

Übersetzung aus dem Englischen: Petra Stempfel

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