Das Leid hat kein Ende

von Steffen Richter, 19.06.2007

Unschuldig ausgeliefert: Dr. Töpel muss viele Kinder behandeln

Im zweiten Teil seiner Reisereportage beschreibt Dr. Töpel die Herausforderungen des Einsatzes und das große, scheinbar nicht enden wollende Leid der Flüchtlinge.

"Der ständig wehende Wüstensand reizt die Augen, deshalb haben viele Bindehautentzündungen. Daneben sehen wir aber auch schwere Erkrankungen der Augen mit Geschwüren und Narben nach Verletzungen, durch VitaminA-Mangel oder frische Infektionen. Immer wieder kommen fast blinde Menschen, deren Augenhornhaut nach einer früheren Masernerkrankung vernarbt, getrübt und jetzt fast undurchsichtig ist.

Die meisten Patienten sind Kinder und Mütter. Fast keine, die nicht schwanger ist, ein Kind stillt oder beides. Noch nie habe ich so viele schwangere Frauen und Kinder beisammen gesehen. In den Lagern gibt es auffallend wenige Männer; viele von ihnen sind umgekommen.

Der Flüchtlingsstrom hat kein Ende

Auch während meines Aufenthaltes kommen immer wieder neue Menschen ins Lager. Im Mai 2007 waren es insgesamt etwa 2000 Flüchtlinge sein. Trotz der Anwesenheit zahlreicher Hilfsorganisationen in Darfur gehen Terror, Vertreibung und Vernichtung der Zivilbevölkerung also weiter.

Eines Tages erhalten wir die Mitteilung, dass zehn Lkws mit Neuankömmlingen eingetroffen sind. Wir steigen in unsere Geländefahrzeuge und fahren raus. Wir finden die Lkws mit den Menschen darunter, die dort Schatten suchen, manche haben sich auch schon aus Stöcken und Decken einen Sonnenschutz gebaut. Wir gehen von Lkw zu Lkw und schauen nach Verletzten. Eine Frau sitzt unaufhörlich weinend unter einem Lkw, ihre Kinder und ihr Mann sind verschwunden. Wer weiß, dass bei den Überfällen in Darfur oft die Männer erschossen, die Frauen vergewaltigt und die Kinder verschleppt werden, um als Sklaven verkauft zu werden, kann höchstens mit ihr weinen. Einige Meter weiter liegen eine Frau und 6 Kinder mit versteinerten Gesichtern, schreckensstarr und wortlos unter einem behelfsmäßigen Sonnenschutz. Der Mann ist verschwunden. Sie haben nichts zu trinken.

Bald kommt die Versorgung in Gang, einige Einheimische bringen Wasserkanister herbei und die Versorgung mit dem Notwendigsten beginnt.

Eine neue Aufgabe

Nach einigen Tagen bekomme ich die Mitteilung, dass in einer kleinen Stadt weiter nördlich Mangel an medizinischer Hilfe ist. Die kleine Stadt Kass mit ehemals 25.000 Einwohnern wurde in den vergangenen Monaten von Flüchtlingen regelrecht überschwemmt. Jetzt leben über 120.000 Personen dort. Sie schlugen ihre behelfsmäßigen Hütten mitten in der Stadt auf oder bewohnten teilweise öffentliche Gebäude, so dass eine Zeitlang kein Schulunterricht mehr durchgeführt werden konnte. Die Wasservorräte der Stadt wurden knapp. Die Flüchtlinge wiederum weigerten sich, die Stadt zu verlassen und in Camps zu ziehen, weil sie dann Nachteile gegenüber der ansässigen Bevölkerung befürchteten.

Weil die Strasse wegen verschiedener Überfälle zu unsicher ist, fliege ich mit einem UN-Hubschreiber die 100 km nordwärts. Unterwegs sehe ich das Ergebnis des Terrors und der Vertreibung: es gibt auf dieser Strecke keine bewohnte Siedlung mehr, kein bebautes Land, keine Menschen, nur Reste von verlassenen Dörfern mit niedergebrannten Rundhütten. Vereinzelt sehe ich herrenlose dürre Rinder oder Ziegen.

Mein neuer Arbeitsplatz ist die von humedica eingerichtete Ambulanz am örtlichen Krankenhaus der Stadt. Dieses Krankenhaus hat 89 stationäre Betten und zwei Ärzte. Zusammen mit einem dieser Ärzte und drei medizinischen Assistenten versorge ich täglich 200 Patienten. Es sind dieselben Erkrankungen, die ich schon von Nyala her kenne, allerdings ist das Ausmaß schlimmer. Die in Nyala seit etwa drei Jahren von humedica geleistete Arbeit hat Früchte getragen und zu einer Verbesserung der allgemeinen Gesundheit geführt.

Die Nähe des Krankenhauses in Kass erweist sich als Vorteil, da schwer unterernährte, hoch fiebernde oder anderweitig schwer kranke Patienten direkt aufgenommen werden können. Nach der Versorgung der ambulanten Patienten gehen wir zu den stationären Patienten, entlasten eiternde Wunden, helfen bei Entbindungen oder machen den einen oder anderen Notfallkaiserschnitt."

Im dritten und letzten Teil seiner Reportage erzählt Dr. Wolfgang Töpel von weiteren Erlebnissen seiner Reise und wie aus Fremden Freunde werden.

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