Dankbarer Blick in schmutzigem Gesicht

von Steffen Richter, 17.07.2007

Die Not nach den Unwettern ist noch immer groß - vor allem bei den Kindern.

Nils Stilkes Mission ist Hilfe - auch zwei Wochen nach dem verheerenden Wirbelsturm "Yemyin" und anschließenden Überschwemmungen ist die Situation in den betroffenen Gebieten Sindh und Baluchistan ernst. Durch seine Tagebucheinträge lässt uns Nils Stilke an seinem Einsatzalltag teilhaben.

13.07.2007, 5.00 Uhr:

Ich bin auf dem Weg von Quetta nach Jafrabad Balotchestans. 370 Km fahren wir durch kahle Gesteinsberge, wie ich sie von Bildern aus Afghanistan kenne. Wunderschöne Brücken erinnern an die Zeit, als die Briten die Eisenbahnlinie von Quettan nach Karachi bauten. Kamel-, Ziegen- und Schafsherden ziehen durch das Tal. Jipsies, so werden die Nomaden genannt, die mit ihren Herden durch das Land ziehen. Sie schlafen in Zelten und leben von dem Wenigen, was die Steinwüste hergibt. Am Fuße der schroffen Berghänge schlängelt sich ein Fluss parallel zu unserer Straße. Die Spuren von gigantischen Wassermassen sind noch immer an der jetzt ausgetrockneten Lehmlandschaft zu erkennen. Erst beim Aufgang der Morgensonne erscheint das Gebirge in einem zauberhaften Rotgrau. Die Bergspitzen verschwinden im Dunst der feuchten Luft.

Ich sitze in einem geliehenen Allradfahrzeug mit Klimaanlage und bewaffnetem Begleitschutz, Übersetzer, Fahrer und einem ortskundigen Pastor der Nazarene Church und beobachte die am Straßenrand arbeitenden Pakistaner. Die Männer arbeiten bei über 50 Grad ohne Schutz in der Sonne, um die entstandenen Straßenschäden durch starke Wasserströme des vergangenen Monsunregens zu reparieren. Eine zusammen gebrochene Brücke zeigt das Ausmaß der Wassermassen. Vorbei ziehen schwer beladene Transportlastwagen. Die herunterhängenden Metallverzierungen, klimpern im Fahrtwind. Wunderschöne, künstlerisch-gestaltete Bilder verzieren das Gehäuse des Wagens.

Wir fahren durch eine Gegend, in der viele radikale Fundamentalisten leben und Waffen über die Grenze zum Iran und nach Afghanistan schmuggeln. Meine pakistanischen Begleiter erklären mir, dass auf dieser Strecke ein Begleitschutz für mich wichtig wäre, da Extremisten mich für Amerikaner halten könnten und deshalb die Gefahr eines Anschlages bestehe. Es sei bekannt, dass auf dieser Straße hin und wieder Autos überfallen- und ausgeraubt werden. Furcht verspüre ich auf dieser Fahrt dennoch nicht. Traurig werde ich beim Anblick der Gesichter. Die Menschen stehen im Staub des Straßenrandes und schauen so finster dem vorbei fahrenden Verkehr zu. Ich kann keine Anzeichen von Lebensfreude in ihren Gesichtern lesen.

Nach drei Stunden Fahrt halten wir in einer kleinen Ortschaft. Die kleinen Straßengeschäfte haben bereits geöffnet. Schnell stürzt eine Gruppe von Straßenverkäufer auf uns zu. Ich beobachte das fremde Leben um unser Geländefahrzeug herum. Die Verkäufer und einige Kinder schauen mich mit neugierigen Blicken an. Vor meiner Autotür steht der Begleitschutz mit einem Schnellschussgewehr. Ich fühle mich einerseits beschämt, andererseits wie ein Präsident, der auf seiner Geschäftsreise ist. Ich wünschte ich könnte jetzt aussteigen und mit den Ortsbewohnern Tee trinken, mich mit ihnen unterhalten und mit netten Gesten ein Lächeln gewinnen. Wir kaufen von einem zehnjährigen Verkäufer gekühlte Säfte, in seinem kindlichen, sehr schmutzigen Gesicht erhaschen wir einen dankbaren Blick für dieses erfolgreiche Geschäft.

Während unserer Weiterfahrt müssen wir immer wieder Lastwagen überholen und entgegenkommenden Fahrzeugen ausweichen. Die Straße ist oft nur einseitig befahrbar. Tiefe Schlaglöcher und Steinbrocken auf der Fahrbahn zwingen uns, langsam zu fahren. Beim Militärstützpunkt Jacobabad (etwa zehn Kilometer südlich von Jafarabad) wird uns eine Einreise in das Gebiet Jafarabad und Jhal Magsi aus Sicherheitsgründen untersagt. Terroristen und Fundamentalisten kontrollieren dieses Gebiet. Da mir auch meine einheimischen Mitarbeiter davon abraten, in dieser Gegend tätig zu werden, fahren wir weiter nach Larkana (Provinz Sindh). Unser Ziel ist jetzt das Gebiet zwischen Dado und Larkana, auf Anraten des Deutschen Botschafters in Karachi. In Larkana werden wir drei Nächte verbringen.

Wir werden Nils Stilkes Tagebucheinträge zum Hilfseinsatz auch weiterhin an dieser Stelle veröffentlichen. Wenn Sie unseren Nothilfe-Einsatz in Pakistan unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier. Vielen herzlichen Dank.

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