Pakistan: "Die Erde bebt stündlich"

von Joachim Panhans, 11.10.2005

humeica-Ärztin von Pakistanischen Militärhelikopter

Dr. Ulrich Seemann, einer von bisher 31 ehrenamtlichen medizinischen Einsatzkräften in Pakistan, reiste als Mitglied des zweiten Noteinsatzteams am 11. Oktober nach Pakistan, um Soforthilfe für die Erdbebenopfer in entlegenen Bergregionen zu leisten, die bisher von Hilfe nicht erreicht worden waren. Das Team behandelte mit Unterstützung der Kindernothilfe, Apotheker ohne Grenzen, dem Bayerischen Hilfswerk der Apotheker und action medeor mehrere Tausend Verletzte. Wiederaufbaumaßnahmen und die Verteilung von 1000 Zelten sind geplant.

"In unserem Basisort Mansehra selber waren die Erdbebenfolgen nicht so gravierend, wenn auch hier mehrere Tote zu beklagen waren. Jedoch ließen sich die Schäden auf den ersten Blick gar nicht sofort erkennen, da viele Häuser noch standen, jedoch tiefe Risse im Mauerwerk aufwiesen und hochgradig einsturzgefährdet waren, besonders unter Berücksichtigung der Tatsache, daß noch täglich mehrere Erdstöße bis zu heftigen Beben der Stärke 5,8 auftraten, die bei der Bevölkerung verständlicherweise Panik auslösten.

So war auch das Zentralkrankenhaus schwer beschädigt und durfte nicht betreten werden, während alle Kranken und Verletzten in Zelten auf dem Platz vor dem Krankenhaus versorgt werden mußten; ein gradezu unbeschreibliches Elend für die über 700 hilflosen Menschen, die zum Teil schwerstverletzt in Regen, Matsch und nächtlicher Kälte ausharren mußten - eine Hölle auf Erden.

Sofort nach unserem Eintreffen begannen wir mit unserer medizinischen Hilfe, wobei wir gezwungermaßen Verletzungen behandeln mußten, die eigentlich unsere Fähigkeiten überstiegen. Schwere Kopfverletzungen, Beinbrüche, Armbrüche, ausge-dehnte Quetschverletzungen, tiefe Wunden bei den verzweifelten und von Panik und Entsetzen gekennzeichneten Menschen forderten von uns Improvisationsfähigkeit und Konzentration bis zur Grenze unserer Belastbarkeit, wobei wir uns unserer unzulänglichen Möglichkeiten immer wieder aufs Neue bewußt wurden. Aber wir konnten Schmerzen lindern, Gefahren reduzieren und Hoffnung geben. Noch schlimmer ging es den Menschen im Gebirge, deren Ortschaften infolge der durch die Beben verschütteten Zufahrtswege abgeriegelt waren und bisher keinerlei fremde Hilfe erfahren hatten. Ein Erreichen der Bergregionen mit Geländewagen war nicht möglich, und so wurde ich mit meinem kleinen Team von der Armee per Hubschrauber in die Berge des Himalaya geflogen in das Dorf Nazzarabat, das wie alle umliegenden Bergdörfer total zerstört war. Auf dem Weg zu dem Einsatzgebiet warfen wir noch aus dem fliegenden Hubschrauber Decken und Zelte ab, da die Menschen relativ schutzlos der Natur ausgesetzt waren.

Die Nächte waren bitter kalt, was ich mit meinem Team sehr bald selber zu spüren bekam - die Erde bebte zeitweise im stündlichen Rhythmus mit teilweise schweren Beben, die neue Erdrutsche auslösten und die Wege wieder verschütteten. In den Bergen wiederholte sich das uns von der Stadt Mansehra bekannte Drama mit schwerst verletzten und verzweifelten Menschen, nur dass unsere Möglichkeiten nun noch weiter eingeschränkt waren. Schwere Brüche konnten wir nur notdürftig schienen, große Verletzungen steril abdecken und Vereiterungen und große Quetschverletzungen mit Nekrosen antibiotisch therapieren, um ein Überleben der Opfer bis zum Eintreffen intensiverer Hilfe zu erreichen.

In einem uns von der pakistanischen Armee zur Verfügung gestellten Zelt brachten wir unsere "stationären Patienten" unter, die unter Antibiotika-, Schmerz- und Infusionstherapie auf Grund ihrer schweren Verletzungen nicht mehr in ihre Dörfer gebracht werden konnten - zum Beispiel die junge Frau, die im 5. Monat ihrer Schwangerschaft ihr Kind bei dem Erdbeben verloren hatte, ständig blutete und zudem große Schmerzen litt, weil der linke Oberschenkel und mehrere Rippen gebrochen waren - die alte Frau, deren Becken zer-trümmert war, und die wegen ihrer Rippenbrüche vor Schmerzen nicht richtig atmen konnte, oder eine Frau mit gebrochenem Bein und zertrümmerter rechter Schulter, die ihr Kind und ihren Mann verloren hatte und so verzweifelt war.Tief betroffen war ich vom Schicksal eines sehr alten Mannes, der bitterlich weinend zu mir kann mir und über meinen Dolmetscher erklärte, er habe seine Frau, seine Kinder, Enkelkinder und alle Verwandten verloren. Keiner war mehr da, der sich um ihn kümmern konnte, der ihn, den Alten und Schwachen, pflegen und ernähren konnte.

Die Menschen aus diesen Bergregionen sind sehr stolz - um so mehr berührte mich das Elend dieses armen Menschen. Mir fiel es manchesmal schwer, meine Gefühle zu unterdrücken. Diese süßen Kinder mit ihren großen schwarzen Augen, die stumm waren vor Entsetzen und nur weinten, wenn wir ihre Wunden versorgen mußten und doch nicht in der Lage waren, Schmerzen zu verhindern.

Ursprünglich wollten wir am Abend des ersten Tages wieder in unser Quartier zurück fliegen, konnten aber keinen Hubschrauber organisieren. Stattdessen erhielten wir noch am nächsten Tag Unterstützung durch einen Chirurgen und eine weitere Krankenschwester. So konnten wir neben unserer Zeltstation, die in 1600 Meter Höhe lag, dank der Hilfe der Armee mit Geländewagen tiefer in die Berge eindringen und noch in anderen Orten helfen, die zuvor noch nicht von anderen Hilfsteams erreicht werden konnten. Das Bild ähnelte sich überall. Die Arbeit in den Bergen war auch dadurch erschwert, daß es bereits ab 17 Uhr bitterlich kalt wurde.

Abschließend kann ich nur meinem Gott danken, daß er mir die Möglichkeit und Begabung geschenkt hat, anderen Menschen, die in Not sind, helfen zu dürfen. Unser Lohn ist die Dankbarkeit und die Liebe der Menschen, und das ist mehr als alles Materielle, was man sich vorstellen kann."

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