Vor allem durch Gipfel wie den Mount Everest bekannt, bietet Nepals Natur auch abseits sportlicher Aktivitäten große Herausforderungen. Naturkatastrophen gehören hier zum Leben dazu. Wie die Nepalesen gelernt haben, damit umzugehen.

Langsam und stetig, beinahe rhythmisch kämpfen sich die Fahrzeuge, Menschen und Tiere auf Nepals Straßen voran. Rund sechs Stunden brauchen wir für die 160 Kilometer von Nepalgunj, das im Westen Nepals liegt, nach Chaurjahari, wo wir das Krankenhaus besichtigen wollen, das humedica unterstützt.

Auf unserem Weg fahren wir an bunten Häusern in Kastenform vorbei, gelb pinkrosa und grün wechseln sich ab. Teilweise kann man auch die roten Ziegel sehen, aus denen sie gebaut sind. Je ländlicher es wird, desto einfacher werden auch die Hütten, manche scheinen ganz aus Lehm zu sein. Irgendwann hört dann die Straße auf, zumindest das, was wir als Straße bezeichnen. Stattdessen: Festgefahrener hellbraun-gelblicher Boden.

Wobei das „fest“ von der Jahreszeit abhängt. „In der Regenzeit fahren die Menschen halt soweit sie kommen“, erzählt Thomas Meier, Partnership und Communications Manager beim Partner Human Development and Community Services (HDCS) und für humedica koordinierend in Nepal tätig. Als wir einen Blick aus dem Fenster werfen, sehen wir eine Autorikscha, die sich gerade durch ein etwa 40 Zentimeter tiefes Schlagloch kämpft.

Das Krankenhaus in Chaurjahari ist abgelegen. Die Straße wird immer abenteuerlicher: Auf der einen Seite des Weges wird der Abhang immer steiler, auf der anderen Seite die Berge immer höher, sodass man das Gefühl bekommt, nördlich des Krankenhauses könne nicht mehr viel kommen. Trotzdem ist es zentraler Anlaufpunkt für viele Menschen aus der Umgebung. Manche tragen ihre Angehörigen und Freunde bis zu drei Tage auf einer Trage dorthin, damit ihnen geholfen wird.

Binisha mit ihrem Mann und ihrem neugeborenen Sohn.

Eine von ihnen ist Binisha*. Die 22-Jährige war schwanger und hat sich auf den Weg gemacht, als ihre Wehen einsetzten. Vier Stunden Fußweg sind es von ihrem Zuhause bis nach Chaurjahari. Ihr Mann hat sie getragen, ihre Mutter kam mit. „Ich kannte das Krankenhaus schon vorher und wollte deshalb auch unbedingt zur Geburt herkommen“, erzählt Binisha. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellte: Sie hatte wenig Fruchtwasser und benötigte einen Kaiserschnitt. „Jetzt bin ich überglücklich“, lacht die frisch gebackene Mutter während sie ihren kleinen Sohn präsentiert.

Wie wir erfahren, sind viele Geschichten hier im Krankenhaus aber nicht mit so einem freudigen Ereignis verbunden. Viele der Patienten leiden an Verbrennungen, weil in Nepal oft noch an einer offenen Feuerstelle gekocht wird. Die häufigsten Verletzungen sind allerdings orthopädischer Natur: Bauern rutschen im steilen und während der Regenzeit schlammigen Gelände aus; Frauen, die im Wald auf Bäume klettern, um Futter für das Vieh zu sammeln, fallen herunter; schlecht gewartete Busse kommen von den unebenen Straßen ab und stürzen im schlimmsten Fall den Abhang hinunter. Gründe für Brüche gibt es in Nepal viele.

Welche dramatischen Auswirkungen so ein Sturz haben kann, hören wir von Bikram, den wir im Parbat-Gebiet treffen. Nachdem wir eine der sich ewig windenden Bergstraßen entlanggefahren sind, halten wir nahe eines Abhangs. Von dort geht es zu Fuß einen schmalen langen Weg zu Bikrams Haus, das malerisch gelegen ist. Doch so schön die Gegend in der Trockenzeit auch wirkt, so gefährlich ist sie während der Regenzeit. Das musste Bikram am eigenen Leib erfahren, als er vor zehn Jahren ausrutschte. Die Folge: Eine Querschnittslähmung.

Bikram und seine Frau präsentieren die Handwerksarbeiten, die Bikram selbst herstellt.

„Ich bin hier dank meiner Familie und unseren Nachbarn. Sie haben für den Transport ins Krankenhaus zusammengelegt, sodass ich sofort operiert werden konnte. Hier im Dorf beschimpft mich auch niemand als behindert, Sie unterstützen mich alle“, erzählt Bikram gerührt. Diese Unterstützung machte ihm Mut, weiterzumachen. Er lernte, wie er kleine Hocker selbst herstellen kann, die er dann auf dem Markt verkauft. Und auch kleinere Reparaturen an dem Rollstuhl, den er durch humedica und den Partner International Nepal Fellowship (INF) erhalten hat, führt er selbst durch. „Durch meinen Unfall habe ich gelernt, wie wichtig es ist, den Mut und das Vertrauen in sich selbst nicht zu verlieren. Man muss weiter etwas tun. Ich gebe nach wie vor, was ich kann. Das hat mir geholfen, meinen Frieden mit dieser Sache zu machen“, verrät Bikram.

Den Menschen in Nepal machen aber nicht nur Knochenbrüche zu schaffen. Wie gewaltig die Natur ist, welche Kraft sie hat, merkt man hier deutlicher als in Deutschland. „Wenn durch einen Erdrutsch die Straße versperrt ist oder sogar weggespült wurde, wird einfach drumherum gebaut. Je weiter man ins Gebirge kommt, desto eher ist das dann aber nicht mehr möglich“, erzählt uns Meier, als wir an eine solche Abbruchkante kommen. Erdbeben, Erdrutsche und Sturzfluten: Mehrere Tausend solcher kleinen Katastrophen gibt es in Nepal jährlich.

Auch Gita lebt in so einem Gebiet, das die Natur fest im Griff hat: Überflutungen sind in Raptisonari nichts Ungewöhnliches. Ein Großteil der Bevölkerung lebt dadurch am Existenzminimum, denn jedes Mal, wenn der nahe liegende Fluss auf ein Vielfaches seiner normalen Größe anschwillt, ist alles verloren, was vor den Wassermassen nicht gerettet werden kann. Viele Menschen haben deshalb nichts mehr. Sie müssen jedes Mal wieder von Null anfangen. humedica hat deshalb mit dem Partner INF Nepal ein Projekt gestartet, durch das sich die Menschen langfristig etwas aufbauen können, das ihnen niemand nehmen kann.

Gita zeigt ihr neu erworbenes Wissen an der Nähmaschine.

So hat Gita einen Nähkurs besucht. Gerade einmal vier Monate später hat sie schon so viele Aufträge, dass sie damit ihre Familie versorgen kann. Als wir sie besuchen, näht sie gerade ein Nachthemd für eine Kundin. Traditionelle Kleidung ist in der ländlichen Gegend besonders gefragt. „Ich interessiere mich aber mehr für moderne Kleidung, auch wenn die Nachfrage nicht so hoch ist. Da würde ich gern noch mehr lernen und ausprobieren. Am liebsten würde ich irgendwann auch selbst Kurse geben“, verrät sie schüchtern lächelnd.

Gitas Zukunftspläne, Bikrams Mut, Binishas Freude: Es sind die Menschen, die die Reise durch Nepal so besonders gemacht haben – und in einer Welt voller Katastrophen auch mir Hoffnung gegeben haben.

(Pflichtpraktikum für mindestens 6 Monate)

humedica e.V. ist eine christlich-überkonfessionelle, international operierende Organisation mit Sitz in Kaufbeuren (Bayern), in der aktuell über 60 Mitarbeitende beschäftigt sind. An mehreren Standorten weltweit sind weitere Fach- und Führungskräfte für uns tätig. Ein Fokus unseres weltweiten Engagements liegt auf medizinischer Katastrophenhilfe.

Wenn Sie kreativer Teamplayer sind, schlanke Strukturen und flache Hierarchien mit entsprechenden Entfaltungsmöglichkeiten zu schätzen wissen und Ihre Leidenschaft für Menschen in Not einsetzen möchten, suchen wir Sie immer zum Semesterbeginn als

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(Pflichtpraktikum für mindestens 6 Monate)

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Sie sind dem Team Kommunikation (KOM) zugeordnet und in unserer Zentrale in Kaufbeuren oder remote tätig.

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  • Entwicklung und Durchführung eigener Fundraising- und PR-Aktionen
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Sie wollen sich mit Ihrer Expertise, Ambition und christlicher Überzeugung bei humedica für Menschen in Not einsetzen. Sie sind sehr gut ausgebildet und bringen eine hohe Motivation, vor allem aber unbesiegbare Leidenschaft mit. Sie freuen sich auf einen Arbeitsalltag, der im Zeichen eines harmonischen Miteinanders steht. Wir suchen außerdem:

  • Immatrikulierte Studenten aus Sozial-, Gesellschafts- oder Kulturwissenschaftlichen Studiengängen, v.A. im Bereich Medien- oder Komunikationswissenschaften, Fundraising, Marketing oder PR
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  • Bereitschaft zu empathischer Arbeit über kulturelle Grenzen hinweg
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Die Dauer des Pflichtpraktikums beträgt mindestens 6 Monate. Sie erhalten eine monatliche Vergütung und die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten. Je nach Verfügbarkeit bietet humedica eine kostenfreie Unterkunft in unmittelbarer Nähe zum Arbeitsplatz. Aufgrund der veränderten Gesetzeslage können wir leider nur Bewerbungen für qualifizierte Pflichtpraktika berücksichtigen.

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Goldstraße 8

Beinahe 90 Millionen Menschen waren Ende 2021 auf der Flucht. Was das für sie bedeutet? Das kann man sich gar nicht richtig vorstellen. Drei Menschen erzählen ihre Geschichte. Davon, wie es ist, flüchten zu müssen.

„Entweder du fliehst oder du stirbst“, fasst Tihomir Lipohar, Abteilungsleiter Internationale Projekte und Zusammenarbeit bei humedica, seine Entscheidung zusammen. 1991 brach im ehemaligen Jugoslawien Krieg aus und stellte den gebürtigen und muttersprachlichen Kroaten vor die Wahl: Bleibe ich und riskiere mein Leben oder gehe ich?

Vor diese Entscheidung wurden bereits viele Menschen gestellt. Allein Ende 2021 waren laut UNHCR knapp 90 Millionen Menschen auf der Flucht, Tendenz steigend. Die Gründe dafür sind vielfältig. Neben Krieg ist es vor allem der Hunger, der Menschen dazu bringt, ihre Heimat zu verlassen. Die grundsätzliche Entscheidung „Flucht oder Tod“ bleibt dabei die Gleiche.

Dass diese Entscheidung nicht leichtfällt, merkt man Lipohar an, wenn er von seinen eigenen Erfahrungen berichtet. „Niemand möchte auf der Flucht sein. Das ist kein normaler Zustand“, erklärt er. „Du lässt in so einer Situation ja auch die Zukunft zurück. Ich habe mir Gedanken gemacht, was die anderen sagen, wenn ich zurückkommen möchte. Ob sie dann fragen, wo ich gewesen bin, als es brenzlig war, als es wichtig war.“ Flüchten und nicht mehr zurückkehren war keine Option für ihn – ebenso wie das Leben seiner Familie sowie sein eigenes aufs Spiel zu setzen.

Also beschloss er, erst einmal seine Frau und seine sieben und neun Jahre alten Mädchen in Sicherheit zu bringen. „Wenn man flieht, überlegt man sich, wo kann ich hin? Wo habe ich einen Bezugspunkt?“, erzählt Lipohar. Erste Station war daher die Heimat seiner Frau im Norden des heutigen Kroatiens. Als er sich daran zurückerinnert, muss er kurz lachen. „Ich habe damals zu meiner Frau gesagt: Ich ziehe meinen besten Anzug an. Ich werde doch nicht in irgendwelchen Klamotten flüchten. Ich ziehe mich an!“, fällt es ihm wieder ein.

Obwohl alle heil bei den Schwiegereltern ankommen, überschattet die Belastung, der die Kinder ausgesetzt waren die Wiedersehensfreude. Denn auf dem Weg kommt die Familie an mehreren Kontrollpunkten serbischer Aufständischer vorbei. Der Vater verhandelt die Durchfahrt, während Gewehre auf ihn gerichtet sind. „Als mir meine jüngere Tochter hinterher beschrieben hat, wie sie sich gefühlt hat, habe ich verstanden: Sie hatte das erste Mal in ihrem Leben Angst. Es hat mich wütend gemacht, dass Menschen ein Kind in so einen Zustand versetzen“, erzählt er, während sich seine Stimme selbst heute noch leicht aufgebracht hebt.

Als es schließlich auch im Norden Kroatiens zu unsicher wird, flüchtet die Familie weiter nach Deutschland, wo Lipohar einen Teil seiner Jugend verbracht hat. Er selbst kehrt als humanitärer Helfer immer wieder für mehrere Monate zurück nach Kroatien.

Manchmal ist er 16 Stunden am Tag unterwegs, um zu helfen. Die Arbeit hält in beschäftigt. „Das ist wie bei einer frischen Wunde – alles ist noch warm und frisch und du fühlst es noch gar nicht richtig. Das Emotionale, das Verarbeiten dieses Traumas kommt viel später“, beschreibt der heutige Abteilungsleiter den Zustand, in dem er sich damals befunden hat.

Wenn er doch einmal etwas Zeit zum Nachdenken hatte, packte ihn die Wut. Die Wut darüber, dass jemand anderes sich das Recht nimmt, sein Leben normal weiterzuleben, während man selbst zum Spielball wird und fliehen muss. „Ich glaube an Gott und habe deshalb in der Bibel nach ähnlichen Situationen wie meiner gesucht. Das hat mir für mein Mindset wirklich geholfen“, erklärt er, wie er es geschafft hat, weiterzumachen. „Speziell eine Stelle in den Sprüchen des Salomo war für mich wichtig. Dort heißt es: ‚Der Kluge sieht das Unglück kommen und verbirgt sich; die Unverständigen laufen weiter und leiden Schaden.‘ Fliehen bedeutet für mich dadurch nicht, dass ich meine Eigenwertschätzung verliere. Es heißt nur, dass ich nicht dumm bin. Dieser Gedanke hat mir am meisten geholfen. Zu erkennen: Ich kann jetzt nichts tun als auszuweichen.“

Anderen, die helfen wollen rät er, einfach zuzuhören. „Wenn jemand mit sich hadert, was er in so einer Situation tun soll, hat er oft 90 Prozent der Lösung schon parat. Dann ist es wichtig, jemanden zu haben, der einem das bestätigt. Man sieht ja an der Situation mit der Ukraine, wie schwierig so eine Entscheidung sein kann“, rät Lipohar.

Von der Ukraine nach Deutschland und zurück

Einer, der erst vor kurzem solche Überlegungen anstellen musste, ist Jed Johnson von unserer Partnerorganisation „Wide Awake International“ in der Ukraine. Er und seine Frau stammen aus den USA und haben sich 2013 entschlossen, in die Ukraine zu ziehen, um dort Menschen und speziell Kindern mit Behinderung ein Zuhause zu geben. Am 7. März 2022 mussten sie fliehen. „Wir haben 36 Menschen nach Kaufbeuren ins Allgäu gebracht. Menschen mit Behinderung sowie deren Familien und unser Team, um sie zu unterstützen“, erzählt Johnson.

Ankunft der Jugendlichen in Kaufbeuren

Trotz der risikoreichen Lage in der Ukraine fiel die Entscheidung nicht leicht. Einige Familien blieben in der Ukraine. „Für manche ist es unvorstellbar, alles zurückzulassen“, erklärt Johnson die Beweggründe. „Manche haben aber auch schlicht Angst, ihre Kinder an einem anderen Ort nicht versorgen zu können. Sie denken, sie können nirgendwo sonst überleben und sprechen auch keine anderen Sprachen.“

Auch für die Familien, die nach Deutschland gekommen sind, ist es nicht leicht. „Unsere ganze Arbeit dreht sich um Familien und deren Zuhause. Hier müssen die Kinder, um die wir uns kümmern wieder in Einrichtungen leben. Viele der Kids haben auch Traumata aus ihrer Zeit in Einrichtungen. Jetzt, da sie wieder in einer leben, kommen diese Dinge wieder hoch, auch wenn es schön ist und die Menschen so freundlich sind“, gibt der Initiator der Initiative zu bedenken. Er und sein Team beschlossen deshalb im Juli in die Ukraine zurückzukehren.

Für manche hier kein leicht nachzuvollziehender Gedanke – schließlich herrscht in dem Land nach wie vor Krieg. Doch Sicherheit, so Johnson, sei heute nicht das, was wir dachten, dass es sei: „Egal, ob du an COVID, wegen Bomben, an Krebs oder Altersschwäche stirbst, es geht darum: Wie hast du dein Leben gelebt? Hier leben wir nicht, hier überleben wir. Wenn du Flüchtling bist, bist du immer auf die Freundlichkeit, die Hilfe von anderen angewiesen. Das ist nett, aber man weiß nicht, was man selbst tun kann, speziell, wenn man die Sprache nicht spricht und die sozialen Normen nicht kennt.“

Aber nicht nur die psychische Verfassung der Kinder und die Sehnsucht nach dem Zuhause lassen eine Rückkehr zu. Als das Team im März nach Deutschland kam, war das russische Militär gerade einmal 75 Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Jetzt ist es am anderen Ende des Landes. Drei Tage vor der Rückkehr erzählt Johnson, wie sich das für ihn anfühlt: „Ich bin aufgeregt, zurückzukehren, glücklich, dass wir alle zusammen sein werden. Und ich fühle das Gewicht der Verantwortung, dann wieder in einer Kriegszone zu leben. Aber ich weiß, dass es der Ort ist, an dem wir sein sollten und helfen wollen.“

Nach wie vor sind grundlegende Bedürfnisse für die Menschen in der Ukraine entscheidender Schlüssel zur Hilfe. Einfache Dinge, wie Nahrung, Unterkunft und körperliche Gesundheit. Bald wird aber vor allem auch psychische Hilfe nötig sein. „Die Menschen, mit denen wir gesprochen haben, sind im Überlebensmodus. Manche haben kein Zuhause mehr und sorgen sich um ihre Unterkunft, manche sorgen sich darum, woher sie Essen bekommen. Daran zu denken, wie es ihnen geht, fühlt sich unsicher an“, berichtet Johnson seine Erfahrungen im Frühjahr und Sommer 2022.

Er selbst, der die Ukraine inzwischen als Heimat empfindet, sieht sich vor ähnliche Herausforderungen gestellt: „Zu helfen, während man selbst ein Flüchtling ist, ist hart. Ich weiß, es wird der Zeitpunkt kommen, an dem ich an meinem Trauma arbeiten muss. Aber jetzt habe ich keine Zeit dafür. Eines Tages werde ich mich darum kümmern“, stellt er nüchtern fest.

Von Tigray in den Sudan – Flucht mit einer Behinderung

Auch die Familie von Melkyes sorgt sich momentan erst einmal um Grundlegendes, denn der sechs Jahre alte Junge ist querschnittsgelähmt. Seine beiden Eltern Abraha und Salamaweit mussten mit ihren drei kleinen Kindern aus Tigray fliehen, wo 2019 ein politischer Konflikt entbrannte. Seitdem ist es dort nicht mehr sicher und auch Privatpersonen sind vor Angriffen der sich bekriegenden Parteien nicht geschützt.

In Tigray hatte die Familie ein Restaurant, das für ihr Auskommen sorgte. Der Schritt, in den Sudan zu flüchten und alles zurückzulassen, war für sie besonders schwer, denn jetzt stehen sie vor dem Nichts. „Wir stehen vor Herausforderungen, da sowohl mein Mann als auch ich arbeitslos sind. Daher sind wir auf die Hilfe und die finanziellen Mittel von Hilfsorganisationen angewiesen“, berichtet Mutter Salamaweit von der schwierigen Situation, in der selbst tägliche Mahlzeiten keine Selbstverständlichkeit mehr sind.

Melkyes und seine Familie mussten aus Tigray fliehen – für Melkyes besonders schwer, denn er kann nicht laufen.

Zusätzlich zur Flucht belastet die Familie, dass sich Melkyes im Flüchtlingslager nicht frei bewegen kann. Ein Tumor schädigte sein Rückenmark und lähmte ihn. Nun kann er nur noch sitzen oder auf dem Bett liegen. Salamaweit ist dankbar, dass der Junge in dieser belastenden Situation unterstützt wird. „Die Hilfe von humedica ist besonders erwähnenswert, da sie uns mit Medikamenten versorgen“, erzählt die dreifache Mutter.

Denn Flucht bedeutet nicht, dass es einem plötzlich gut geht. Flucht bedeutet aus der gewohnten Umgebung gerissen zu werden, einfach alles zurückzulassen. Flucht bedeuten existenzielle Ängste und psychische Belastung. Weltweit waren Ende 2021 knapp 90 Millionen Menschen in dieser furchtbaren Situation. Wir sind dankbar, dass wir gemeinsam mit unseren Spendern und Partnern wenigsten einem Teil von ihnen helfen können.

Frauen am LKW-Steuer? – Ja bitte!

Christa Geyrhalter ist eine echte Powerfrau. Langeweile in der Rente kennt sie nicht: Enkel, Ehrenämter und Nebenjob organisiert sie nebenbei. Dabei macht sie, wie sie sagt, nur noch Dinge, die ihr Spaß machen – wie zum Beispiel LKW fahren bei humedica.

„Hallo? Christa Geyrhalter am Apparat“, schallt es freundlich-spritzig aus dem Telefon. Einen Termin mit Christa Geyrhalter zu vereinbaren, ist ein Vergnügen. Nach einer Minute und zwanzig Sekunden ist alles geklärt: Wer, wann, wo und worum es geht stehen fest und sind schon auf Geyrhalters kleinem Notizblock notiert. Zeit für Smalltalk bleibt auch noch – heute hat sie keine Zeit, da ist ein Enkel zu Besuch. Aber schon morgen ginge es.

Geyrhalter ist bestens organisiert. Seit 2020 ist die ehemalige Personalratsvorsitzende der Stadt Kaufbeuren in Rente und hat bereits fünf Ehrenämter aufgenommen sowie einen Nebenjob als Coach. Was Geyrhalter dabei wichtig ist: Dass ihr all das wirklich Spaß macht. „Ich will nichts mehr machen, weil es jetzt eben sein muss. Solche Aufgaben, bei denen man eher sagt ‚Naja, machen wir halt‘ kennt man aus dem Beruf. Jetzt muss ich nichts mehr und habe dadurch nochmal eine ganz andere Motivation“, verrät sie das Geheimnis ihres vollen Kalenders.

Ein Ehrenamt, das ihr gleich doppelt Freude bereitet, ist das LKW-Fahren für die humedica-Aktion „Geschenk mit Herz“. Denn Geyrhalter liegen nicht nur Kinder besonders am Herzen, sie fährt auch leidenschaftlich gerne – egal ob es ihr 125er Roller oder der Siebeneinhalbtonner bei humedica ist. „Ich habe mich gefreut, als ich mit 18 Jahren festgestelt habe, dass ich sehr gerne fahre. ‚Das bleibt nicht so‘ haben viele zu mir gesagt. Das stimmte bei mir aber nicht“, verrät Geyrhalter.

Dabei blieb es jedoch immer beim Hobby: „Mal die Route 66 zu fahren, wäre in jungen Jahren natürlich ein Traum gewesen. Aber letztendlich mache ich das als Hobby. Man wäre dann ja die ganze Zeit alleine ‚auf dem Bock‘, wie es so schön heißt“, überlegt Geyrhalter.

Power im Doppelpack

Bei humedica fährt sie allerdings nicht allein. Um die Päckchen der Weihnachtsaktion „Geschenk mit Herz“ von den Sammelstellen in die Zentrale nach Kaufbeuren zu bringen, fahren die Ehrenamtlichen zu zweit. Dabei durfte Geyrhalter ihre Beifahrer selbst aussuchen. „Meine Mitfahrerin ist Sybill Schuster-Nussrainer. Sie ist immer mit am Start, letztes Jahr bei insgesamt 15 Fahrten“, freut sich die humedica-Ehrenamtliche über ihr tolles Team.

Christa Geyrhalter mit ihrer Team-Kollegin und Beifahrerin Sybill Schuster-Nussrainer bei einer Abholung in München

Geyrhalter und Schuster-Nussrainer waren, seit sie 2020 mit ihrem Ehrenamt begonnen haben, das einzige reine Frauenteam. „Die beiden fallen schon auf“, erzählt Roswitha Bahner-Gutsche, Ehrenamtskoordinatorin bei humedica. Aber nicht, weil sie das einzige Frauenteam sind: „Sie bringen einfach gute Laune mit und strahlen dann eine Menge Power aus“, findet Bahner-Gutsche.

„Es ist ein tolles Miteinander“

„Es ist ein tolles Miteinander. Wenn mal etwas ist, kann man sich jederzeit an die humedica-Mitarbeiter wenden“, freut sich auch Geyrhalter über die gute Stimmung.Aber auch bei den Abholungen hat ihr Team gute Erfahrungen gemacht. „Meistens sind die Menschen sehr freundlich und hilfsbereit. Auch in Lagern, wo professionell gearbeitet wird. Wir sind ja viel langsamer, weil wir das nicht jeden Tag machen. Aber da ist immer viel Toleranz und Geduld da“, lacht Geyrhalter.

Die Ehrenamtliche findet es wunderbar, dass sie sich die LKW-Touren, soweit es geht, aussuchen und so ihre Zeit selbst einteilen kann: „So viele LKWs und Menschen so zu koordinieren, dass sie an an die richtige Stelle zum richtigen Zeitpunkt kommen und dass dort dann alles gemanagt wird – das ist ein großes Dankeschön wert“, lobt die humedica-Fahrerin die Organisation der Aktion „Geschenk mit Herz“.

Das richtige Ehrenamt finden

Besonders genießt die Ehrenamtliche, die bereits selbst vier Enkel hat, den Kontakt zu den Kindern, die jedes Jahr an Schulen und Kindergärten viele der Geschenke packen. „Ich finde das Konzept, dass Kinder Kindern helfen, ganz fantastisch. Viele wollen auch wissen, in welche Länder das dann geht“, erzählt Geyrhalter.

Auch bei ihren anderen Ehrenämtern liegt ihr Fokus auf Kindern. So ist sie beispielsweise bei Mentor – Bundesvereinigung der Leselernhelfer – engagiert und spielt, bastelt und liest einmal die Woche an der Konradinschule mit einem Mädchen, um ihr die Sprache näher zu bringen. „Ich lese gern. Deshalb unterstütze ich das auch“, verrät Geyrhalter. Für sie ist Lesen Grundvoraussetzung, um im Leben an ein Ziel zu kommen.

Für andere, die ihren Sinn und ihr perfektes Ehrenamt noch suchen, hat sie einen Rat: „Ich glaube, dass es für jeden ein Ehrenamt gibt, das auf sein eigenes Bedürfnis und seinen Charakter zugeschnitten ist“, erklärt der erfahrene Coach. Die Schwierigkeit sei nur, es auch zu finden. Sie selbst hat über Kollegen von dem Ehrenamt bei humedica erfahren. „Deshalb erzähle ich in meinem Bekanntenkreis, was ich hier tue.“

Noch auf der Suche nach Ihrem Ehrenamt? Dann melden Sie sich doch bei unserer Ehrenamtskoordinatorin Roswitha Bahner-Gutsche und erfahren, ob bei humedica vielleicht eine Aufgabe auf Sie wartet, die perfekt zu Ihnen passt.

Roswitha Bahner-Gutsche
08341 966 148 480
r.bahner-gutsche@humedica.org

Es dauert lange bis der Krankenwagen kommt – wenn er überhaupt kommt. Die Region rund um die südostäthiopische Stadt Dollo ist weitläufig. Etwa 170.000 Menschen sind in den letzten Jahren vor dem Krieg im nahen Somalia hierher geflohen. Sie haben dafür gesorgt, dass sich die Bevölkerung in der Somaliregion mehr als verdoppelt hat. Die Strukturen sind nicht mitgewachsen. Die Ausstattung der Gesundheitsstationen in den Dörfern ist noch immer nicht auf so viele Menschen ausgelegt. Doch es wird besser – auch dank der Hilfe durch humedica.

Fünf Stunden war Ahmed mit seinem kranken Vater unterwegs, damit der 88-jährige im Klinikum Dollo behandelt werden kann.
Fünf Stunden war Ahmed mit seinem kranken Vater unterwegs, damit der 88-jährige im Klinikum Dollo behandelt werden kann. Foto: Maheder Haileselassie Tadese, Fairpicture

„Früher mussten die Menschen hilflos sterben, wenn sie krank waren“, erzählt Ahmed. Der 64-jährige ist Landwirt und lebt sein ganzes Leben schon in der Region. „Medizinische Versorgung gab es hier kaum.“ Fünf Stunden war Ahmed mit seinem kranken Vater unterwegs, um ins Krankenhaus nach Dollo zu kommen.

In den letzten zwei Jahren hat humedica die vorhandene Klinik stetig ausgebaut. Dank Spenden aus Deutschland konnten Ärzte eingestellt und neue Geräte wie Ultraschall angeschafft werden. Das diese dringend benötigt werden, zeigen die in Warteschlangen stehenden Patienten. Sie schätzen die besseren Untersuchungen sehr.

Ulusey verkauft Obst und Gemüse und kümmert sich um die Gesundheit der Menschen in ihrem Dorf.
Ulusey verkauft Obst und Gemüse und kümmert sich um die Gesundheit der Menschen in ihrem Dorf. Foto: Maheder Haileselassie Tadese, Fairpicture

Auch Ulusey ist froh, dass das Krankenhaus dem tatsächlichen Bedarf angepasst wurde. Die 35-jährige ist für die Gesundheit der Menschen in ihrem Dorf verantwortlich. Wenn eine Schwangere ihr Kind bekommt, wird sie gerufen und auch bei allen anderen Notfällen ist sie gefragt. Sie ruft den Krankenwagen und verwaltet das Medikamentenlager des Dorfes. „Leider bekommen wir oft nicht ausreichend Medizin,“ beklagt sie. „Und auch der Krankenwagen braucht meist deutlich zu lange. Wir benötigen hier bessere Strukturen, um wirklich Hilfe leisten zu können, wenn es darauf ankommt,“ sagt Ulusey.

Diese Strukturen will humedica schaffen – über das Krankenhaus in Dollo hinaus – in jedes einzelne Dorf hinein. „Wir kennen die Region rund um Dollo sehr gut,“ berichtet humedica-Geschäftsführer Johannes Peter. „Wir haben in den letzten zehn Jahren in den Flüchtlingslagern medizinische Hilfe geleistet. Jetzt wollen wir unsere Hilfe auch darüber hinaus auf die ganze Region ausweiten“ führt er weiter aus.

Die Dörfer sollen dauerhaft ausreichend Medikamente erhalten. Und auch das Wissen von Gesundheitsmitarbeitenden und der Bevölkerung soll deutlich verbessert werden. „Meine Kinder sind alle geimpft“, berichtet Ulusey stolz. Doch damit sind sie die Ausnahme.

Möglich wird diese Hilfe durch Ihre Spende. Danke, dass Sie Menschen wie Ulusey und Ahmed unterstützen.

Mehr als 30 Millionen Menschen leben in Afghanistan – ein großer Teil davon war bereits vor der Machtübernahme im August arm, viele waren bereits vorher auf der Flucht und leben seither unter zunehmend prekären Bedingungen in Kabul und anderen Städten. Die Kaufbeurer Hilfsorganisation humedica unterstützt sie mit Hilfe, die bleibt, wenn die öffentliche Aufmerksamkeit schwindet.

Die Kaufbeurer Hilfsorganisation humedica unterstützt die Menschen in Afghanistan. Nach dem Abzug der Nato-Truppen aus dem asiatischen Land und der kürzlichen Machtübernahme durch die Taliban ist die politische Lage dort sehr instabil. Die Taliban nahmen immer mehr Provinzen ein – und rückten auch in die Hauptstadt Kabul vor.

humedica ist langfristig in Afghanistan engagiert. „Wir werden einige Tageskliniken in Kabul unterstützen. Dabei geht es aktuell vor allem darum, die medizinische Versorgung der Menschen aufrecht zu erhalten, sie auf lange Sicht aber auch zu verbessern. Hierfür sind unter anderem Schulungen geplant“, erklärt humedica-Geschäftsführer Johannes Peter.

Im Einzugsgebiet der Kliniken leben viele Menschen in provisorischen Siedlungen, die in ihre zerstörte Heimat nicht zurückkehren können, in besonders prekären Verhältnissen. Die Kliniken sollen besonders den schwächsten der Gesellschaft helfen und zumindest ihre medizinischen Bedürfnisse soweit wie möglich stillen.

In dem Land, das nun weitestgehend isoliert ist, könnte die Armut drastisch steigen. Deshalb ist langfristige Hilfe für die Menschen in Afghanistan bereits jetzt ein wichtiges Thema.

„Die Lage ist unübersichtlich“, berichtet Peter, der sich vor ein paar Wochen selbst ein Bild von der Situation vor Ort gemacht hat. „Doch wir wollen den Menschen auch mit akuter Hilfe in dieser schwierigen Lage helfen.“ humedica bemüht sich daher in Koordination mit weiteren nationalen und internationalen Organisationen darum, insbesondere Binnenflüchtlingen Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung zu ermöglichen.

Viele Menschen in der Tigrayregion sind traumatisiert. Gemeinsam mit dem Partner MCMDO kümmert sich humedica vor allem um die Gesundheit von Frauen und Kindern. Foto: MCMDO

Nur spärlich drangen die schrecklichen Meldungen aus der nordäthiopischen Tigrayregion in die Welt. Und wer sie übermittelte, musste um sein Leben fürchten. Seit Beginn der Kriegshandlungen im November ist unser lokaler Partner „Mothers and Children Multisectoral Development Organization (MCMDO)“ vor Ort tätig. MCMDO ist eine der wenigen Organisationen, die zu dieser Zeit überhaupt im Krisengebiet erste Hilfe leisten konnte. Möglich ist das Dank Ihrer Spenden.

Was Augenzeugen aus der äthiopischen Region Tigray berichten, ist an Grausamkeit kaum zu überbieten. Menschen wurden regelrecht exekutiert, Frauen vergewaltigt, ganze Dörfer ethnisch gereinigt. Die Gesundheitsversorgung kam nahezu zum Erliegen, die meisten Krankenhäuser wurden geplündert und zerstört. „Das Gesundheitspersonal wurde dann oft getötet oder musste fliehen“, berichten unsere Helfer vor Ort. „Medizinische Geräte gibt es oft nicht mehr, Medikamente sind nicht vorrätig und Nachschub nicht zu bekommen, auch Krankenwagen sind Mangelware.“

Viele Krankenhäuser in der äthiopischen Tigrayregion wurden geplündert und zerstört. Die Gesundheitsversorgung in der Krisenregion kommt deshalb nahezu zum Erliegen. Foto: MCMDO

MCMDO kümmert sich um diejenigen, die am meisten unter den Folgen des Konfliktes leiden: Frauen und Kinder. Laut UN sind 4,5 Millionen Menschen in Tigray vom Hungertod bedroht, das sind drei viertel der Bevölkerung. Und das, obwohl das Land sehr fruchtbar ist. Im Zuge der Kriegshandlungen konnte die Ernte allerdings nicht eingeholt werden oder wurde bewusst zerstört.

„Unser Team ist jeden Tag mit lebensbedrohlichen Situationen konfrontiert und arbeitete zeitweise auch direkt an der Kriegsfront,“ berichtet unser Partner von vor Ort. Die Helfer haben vor allem mit Müttern zu tun, die aufgrund von Mangelernährung nicht in der Lage sind, ihre Kinder ausreichend zu versorgen. Dank Ihrer Unterstützung ist humedica in der Lage, mangelernährte Frauen und Kinder zu finden und zu behandeln. So können sie mit hochkalorischer Zusatznahrung versorgt und ihr Leben gerettet werden. Außerdem schulen wir das Gesundheitspersonal und die Mütter, wie sie sich verhalten können, um die Kindersterblichkeit zu verringern.

Mit Kinderwagen und Koffern starten zwei junge Mütter und ihre drei Kinder von der Ukraine in eine ungewisse Zukunft. Die Ehemänner mussten sie zurücklassen – diese halten statt ihrer Kinder nun Waffen in den Armen. Das humedica-Assessment-Team berichtet von dem tragischen Schicksal – nur eines von vielen, das der Krieg verursacht.

Diese zwei Mütter haben mit ihren Kindern die Flucht geschafft, aber mussten ihre Männer im Krieg zurücklassen. Foto – Carolin Gißibl, humedica

Das Leben von ihrem Sohn Illya und sich hat Yana in einen lila Koffer gepresst. Es musste schnell gehen. Bevor die Panzer der russischen Armee einrollen, sind die 30-Jährige und der Zweijährige zusammen mit Freundin Natalia und deren beiden Kindern vom Nordwesten der Ukraine nach Polen geflohen. Die beiden Mütter haben schon vieles gemeinsam erlebt: Studium, Hochzeit, Hausbau – nun der Krieg.

Zwei Wochen nach dem russischen Angriff sind nach Angaben des UNHCR mehr als 1,5 Millionen Menschen aus der Ukraine geflüchtet. Der größte Teil überquerten die Grenze nach Polen. Meist sind es Frauen mit Kindern, ältere Menschen und Menschen mit Behinderung, wie ein Sanitäter vor Ort dem Assessment-Team von humedica erzählt. Kampffähige Männer zwischen 18 und 60 Jahren kommen nicht mehr aus dem Land.

Die Ehemänner von Yana und Natalia müssen sich der russischen Armee stellen. Für die sogenannte „Territorial Defense Force“ verteidigen sie das Gebiet. Denn selbst der Einkauf im Supermarkt sei nicht mehr sicher. „Vor dem Supermarkt wurde geschossen – auch auf Kinder.“ Den beiden Frauen kommen die Tränen, als sie humedica-Koordinatorin Dr. Christiane Bähr vom Abschied ohne Gewissheit auf ein Wiedersehen erzählen.

Autos stehen am Grenzübergang. Foto – Carolin Gißibl, humedica

Tausende Menschen passieren täglich die Grenzübergänge nach Polen – in Autos, Bussen oder zu Fuß. Gregor Jarosiewirz ist einer der freiwilligen Sanitäter, die an der Grenze Medyka Erstversorgung für das polnische Rote Kreuz leisten. Dort tummeln sich in den Abendstunden Geflüchtete, Reporter, Polizisten und Helferinnen und Helfer. In Blechtonnen lodert Feuer zum Aufwärmen, dunkler Rauch zieht über das provisorische Camp. Autos stauen sich auch auf der polnischen Seite in einer scheinbar nicht enden wollenden Schlange – mit Kennzeichen aus Polen, Litauen, Deutschland.

„Ich bin aus Berlin gekommen, um meine Schwiegermutter abzuholen“, sagt ein Mann. „Wir sind nach Polen gefahren, um Flüchtlinge, die nicht wissen wohin, aufzunehmen“, sagt ein anderer Helfer. Laut dem Roten Kreuz hätten manche der Geflüchteten Angst, in fremde Autos zu steigen und verschleppt zu werden. Für Menschen, die nicht wüssten, wohin sie gehen sollen, stehen Busse bereit, die sie in verschiedene Auffanglager in Polen bringen. Dort können sie auf Feldbetten ruhen.

Feuer zum Wärmen für die Geflüchteten, die zum Teil mehrere Tage bei klirrender Kälte in ihren Autos ausharren. Foto – Carolin Gißibl, humedica

An diesem Tag arbeitete Jarosiewirz nach eigenen Angaben 24 Stunden am Stück. „Am ersten Samstag nach Kriegsbeginn waren es 30 Stunden“, erzählt er. Es gebe kaum Kriegsverletzungen, eher seien die Menschen erschöpft – von der eisigen Kälte und langen Wartezeit. „Bis zu -15 Grad und Schnee hatte es am Wochenende“, erzählt er. „Die Menschen haben bis zu 90 Stunden gewartet.“ Das bestätigt auch Maciej Maruszak, der Direktor des polnischen Roten Kreuzes in Rzeszow: „Die Schlangen haben sich in den vergangenen Tagen aber verkürzt.“ Man warte „nur“ noch 40 Stunden . „Es kamen Frauen, die eine Woche gelaufen sind“, erzählt der Sanitäter. Zwei plötzliche Herztote habe er bereits miterleben müssen. „Die Arbeit ist taff!“, sagt er. „Heute kam zu uns ein fünfjähriges Kind, das gesehen hat, wie die Eltern ermordet wurden.“ Mit Oma und Tante sucht es in Polen nach einem sicheren Ort.

Ein zweites humedica Assesment-Team ist in Rumänien und Moldawien unterwegs. Immer an der ukrainischen Grenze entlang. Die Einsatzkräfte hier machen ähnliche Erfahrungen. „Auf dieser Seite der Grenze gibt es viel Hilfsbereitschaft. Aktuell scheint vieles gut organisiert. Doch wie lange halten die Helfer das durch?“ fragt sich humedica Einsatzkraft Alastair Scott. „Außerdem könnte es sein, dass die Kampfhandlungen auch im westlichen Teil der Ukraine schlimmer werden. Dann werden hier noch viel mehr Flüchtlingen über die Grenze wollen.“

Alastair Scott und Dr. Liesel Ruff waren Teil des Teams, welches an der ukrainisch-rumänischen Grenze unterwegs war. Foto: humedica

Auch Alastair Scott und sein Team beobachten kilometerlange Autoschlangen auf ukrainischer Seite. „Die Menschen harren zum Teil tagelang in ihren Autos aus – in klirrender Kälte.“ Nur ist die Hilfe auf ukrainischer Seite aufgrund der Situation bei weitem nicht so gut organisiert wie in Rumänien oder Polen.

humedica entsendet deshalb ein weiteres Team direkt in die Ukraine. Die Ärzte, Pfleger und Koordinatoren sollen auf ukrainischer Seite Menschen behandeln. „Die medizinische Versorgung in der Ukraine ist am Anschlag,“ berichtet Alastair Scott. „hier wollen wir unterstützen.“

Sasha (3) ist mit ihrem einjährigen Bruder und ihrer Mutter geflüchtet. Das Gepäck Ein Kinderwagen und ein Koffer. Der Vater musste zurückbleiben, um im Krieg zu kämpfen. Foto – Carolin Gißibl, humedica

Für Yana, Natalia und die Kinder verlief die Grenzüberquerung ins polnische Budomierz problemlos. Natalia hat ein Baby dabei, weshalb sie die Grenze schnell passieren durften. Hinter ihnen seien 16 Busse angekommen. Die dreijährige Tochter Sasha ist das Patenkind von Yana. Eingepackt steht sie mit Mütze und Schneeanzug im Trubel am Grenzübergang. Ihre Augen folgen freiwilligen Helfern, dem Sicherheitspersonal in gelben Westen, anderen Kindern. Offenbar versucht sie zu verstehen, was hier passiert. Warum ist ihr Vater nicht dabei? Nur ein Koffer und ein Kinderwagen für ihren einjährigen Bruder begleitet die junge Familie.

„Wir sind der polnischen Bevölkerung sehr dankbar, dass sie uns mit gutem Essen, warmem Tee, freundlichen Worten und einem Lächeln empfangen“, sagt Yana. Mit den drei Kindern und ihrer Freundin wartet sie auf einen Bekannten aus Polen, der sie abholt. Danach werden sie nach Italien gehen, wo die Schwiegermutter wartet. Für Yana steht fest: „Wenn sich die Lage beruhigt, gehen wir in die Ukraine zurück.“ Sie ist zuversichtlich: „Ich hoffe, das wird in ein bis zwei Wochen sein.“

Die Kaufbeurer Hilfsorganisation humedica beobachtet die Situation in der Ukraine mit großer Sorge und bereitet Hilfsmaßnahmen vor. Nach den Angriffen auf weite Teile des Landes ist die Lage unübersichtlich. Die Menschen haben Angst. Viele versuchen in Nachbarländer wie Polen, Moldawien oder Rumänien zu fliehen.

„Unsere Gedanken sind bei den Menschen in der Ukraine, die in diesen Stunden um Leib und Leben, Verwandte und Freunde und ihre Zukunft bangen,“ so humedica Geschäftsführer Johannes Peter. Er rechnet mit Versorgungsengpässen in der Ukraine selbst, aber auch den Grenzgebieten von Rumänien, Polen oder Moldawien.

„Wir sind deshalb in ständigem Kontakt mit unseren Partnern vor Ort,“ so Peter weiter. „Am dringendsten benötigen die Menschen vermutlich Lebensmittel und Hygieneartikel. Aber auch medizinische Güter wie Verbandsstoffe werden Mangelware sein.“

humedica bereitet deshalb Hilfsgütertransporte in die Ukraine und die umliegenden Länder vor. „Wir sind seit vielen Jahren mit lokalen Partnern in der Ukraine eng verbunden,“ erklärt Johannes Peter und ergänzt: „Regelmäßig unterstützen wir sie im Rahmen unserer Versorgungshilfe mit Hilfsgütern. In diesen schweren Zeiten ist unsere Hilfe für die durch den Konflikt Heimatlose in der Ukraine so wichtig wie nie zuvor.“

Zwei große, braune Augenpaare blicken Manju erwartungsvoll an – hungrig. Schon zum Frühstück gab es nichts. Das Essen, das Manju ihren beiden Kindern gleich servieren wird, wird heute auch ihre einzige Mahlzeit bleiben. Das Abendessen muss ausfallen – schon wieder.

Vor ein paar Tagen konnte Manju mit dem Mann, dem das Lebensmittelgeschäft um die Ecke gehört, noch handeln: Lebensmittel gegen das Versprechen, dass sie die Schulden so bald wie möglich zahlen würde. Doch sie konnte nicht zahlen, obwohl sie es sich fest vorgenommen hatte. Corona hatte sie jeglicher Arbeit beraubt. Morgen würde sie ihren Kindern kein Essen mehr zubereiten können. Der Kredit war aufgebraucht.

Manju und ihre zwei Kinder hatten nichts mehr zu Essen als sie die Lebensmittelpakete von humedica erhielten. Foto: humedica

Manju und ihre Kinder erlebten einen echten Albtraum während Corona. „Mein Mann hatte uns erst ein Jahr zuvor verlassen“, erzählt die zweifache Mutter. „Ich habe mir danach Arbeit gesucht. Aber es hat einfach nicht gereicht.“ 150 Indische Rupien erhält sie als Tagelöhnerin im Schnitt. Das sind umgerechnet nicht einmal zwei Euro täglich, von denen sie nun ihre Familie ernähren muss. Ihre Lebensmittelkarte, mit der sie von der Regierung Trockennahrung erhält, war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls abgelaufen.

Corona machte weltweit Millionen Menschen auf einmal arbeitslos – und damit auch zu Hungernden. Bereits vor der Pandemie litt jeder Zehnte an chronischem Hunger. Das bedeutet wie bei Manju maximal eine Mahlzeit pro Tag – und das langfristig! 160 Millionen Menschen sind seitdem zusätzlich in die Armut abgerutscht. Zusätzlich belastend für die Familien: Wer arm ist, hat oft nicht genug Geld, um sich Essen zu kaufen.

Endlich keine Angst mehr vor dem Verhungern

„Es gibt keine Worte, um die Situation zu beschreiben“, richtete sich Jeannette Kern, Mitarbeiterin bei humedica India, während der schlimmsten Phase der Pandemie an die Öffentlichkeit. „Die Menschen brauchen ihr tägliches Einkommen. Viele Menschen haben Angst vor Corona. Aber noch mehr Angst haben sie davor, hungern zu müssen, weil sie arbeitslos sind.“ humedica India, die Emmanuel Hospital Association (EHA) und weitere Partner von humedica verteilten deswegen Pakete mit Nahrung an Familien wie die von Manju. Reis, Mehl, Hülsenfrüchte, Öl und Kekse waren darin – genug Essen für insgesamt zwei Wochen.

Manju und ihre Familie erreichte solch ein Lebensmittelpaket in einer schlimmen Zeit – als sie bereits hungern mussten. ­humedica-Partner EHA half der 25-Jährigen außerdem, eine neue Lebensmittelkarte zu beantragen. So hat Manju jetzt eine große Sorge weniger, eine der existenziellsten, die ein Mensch empfinden kann: Die Angst vor dem Verhungern.

Wenn genug Essen Bildung ermöglicht

Auch Sabir erhielt in dieser Zeit ein Lebensmittelpaket. Der 40-Jährige ist gehbehindert und versucht seine Familie so gut wie möglich durchzubringen. Einige Monate vor der Pandemie nahm er einen Kredit auf und eröffnete damit einen Gemischtwarenladen. Es lief gut und Sabir konnte nicht nur den Kredit mit Zinsen zurückzahlen. Es blieb sogar etwas übrig für das Schulgeld seines Sohnes. Und so freute er sich nicht allein über das Essenspaket. Als er die Lebensmittel in Händen hielt rief er freudestrahlend: „Jetzt werde ich meinen Sohn in die Schule schicken!“

Sabir kämpfte trotz seiner Gehbehinderung hart, um das Schulgeld für seinen Sohn zu bezahlen. Foto: humedica

Armut gilt als einer der Hauptgründe für Hunger und setzt einen Kreislauf in Gang, aus man kaum entkommen kann: Wer arm ist, kann sich nichts zu Essen kaufen. Wer hungert, ist zu schwach zum Arbeiten und verdient weniger. Kinder trifft es in dieser Situation doppelt: Sie müssen, mitten in ihrer körperlichen Entwicklung, hungern. Für ihre Schulbildung ist oft ebenfalls kein Geld übrig – ihre Chancen sinken, später einen besser bezahlten Job zu finden. Auf diese Weise wird Hunger „weitervererbt“.

Das Baby in den Armen der jungen Frau war auf dem Foto erst 20 Tage alt – und hatte mit einer hungernden Mutter denkbar schlechte Startbedingungen.

Warum Frauen besonders oft hungern

Neben Kindern hungern auch Frauen besonders häufig. Sie haben in vielen Teilen der Welt seltener Zugang zu Bildung und übernehmen überdurchschnittlich oft unentgeltliche Aufgaben wie die Versorgung von Angehörigen oder Hausarbeit. Dadurch verdienen sie zu wenig, um sich vor Armut und Hunger schützen zu können. Gleichzeitig ist der Nährstoffbedarf von Frauen durch Schwangerschaften und Stillen besonders hoch.

Kern, die bei fast allen Verteilungen von humedica India dabei war, ist ein Fall besonders im Gedächtnis geblieben. „Als wir die Lebensmittelpakete verteilt haben, trafen wir auf eine junge Frau, die gerade erst vor 20 Tagen ein Kind bekommen hatte. Sie war Nomadin und hatte nicht die erforderlichen Unterlagen, um ins Krankenhaus zu gehen. Zu Essen hatte sie auch nichts mehr“, erzählt die humedica India Mitarbeiterin.

Trauer in Hoffnung verwandeln: Perspektiven schenken

Kern hat während der Lebensmittelverteilungen das Leid vieler Menschen gesehen. „Wenn man die Menschen sieht und ihre Geschichten hört, prägt sich das ein. Das hat mich sehr traurig gemacht“, erinnert sie sich. Trotzdem ist sie dankbar: „Es war sehr bewegend zu sehen, wie viele Menschen helfen möchten und uns in Zeiten der Not zur Seite stehen. Wir spüren das, das macht uns Hoffnung.“

Tagelöhner, Nomaden, Frauen, Kinder und Menschen mit Behinderung: Während der Pandemie mussten vor allem sie hungern. Aber auch Ältere, die niemanden haben, der sich um sie kümmert und Menschen, die bereits in krisengeschüttelten Regionen leben, traf es hart. Auch ohne Corona sind sie weltweit besonders oft von Hunger und Armut bedroht. humedica unterstützt Betroffene nicht nur durch Lebensmittelverteilungen, sondern nachhaltig auch durch gezielte Projekte. So erhalten im Norden Indiens beispielsweise rund 200 Familien Nähmaschinen, Webstühle und Tiere zur Tierzucht. Die Familien haben so abseits vom Tagelohn eine Einkommensquelle, die ihnen eine Zukunftsperspektive schenkt.